Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 87 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 5. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 87. Papier. In ihrem Bestreben, diese in Wirklichkeit umzusetzen, werde ihnen die Sympathie aller braven und guten christlichen Mitbürger nicht fehlen. Nachdem dem Redner seitens der Versammlung und des Vorstandes gedankt morden, berichtete der Vorsitzende, zu den geschäftlichen Mitteilungen übergehend, daß sich der Vorstand veranlaßt gesehen habe, den deutschamerikanischen Blättern eine Warnung vor Ahlwardt nebst eingehender Charakteristik desselben zugehen zu lassen; Ahlwardts Mißerfolg in Amerika sei die Folge. Ueber die Zweckmäßigkeit dieser Maßnahme entspann sich eine sehr lebhafte Debatte; vor Ahlivardt heute noch warnen, heiße „einen toten Juden krank schlagen". Bezüglich der jüdischen Lehrerinnen wurde voiu Vorstande bekannt gegeben, daß diese Frage voraussichtlich bald im Sinne der Gerechtigkeit geregelt sein werde. — Darum! Diesen berechtigten Klagen gegenüber nimmt sich eine Anklage, die die „Deutsche Tageszeitung" gegen die Juden Deutschlands richtet, heiter aus. Das Blatt brachte neulich nach der von uns zitierten Schrift des Prof. Dr. Gemß: „Statistik der Gymnasialabiturienten im Deutschen Reich während der letzten drei Schuljahre" eine Zusammenstellung der Berufe, denen sich die Abiturienten zumenden, die besagt, daß von den 899 jüdischen Abiturienten 270 Jus, 874 Medizin, 18 jüdische Theologie, 14 Philosophie, 21 Naturwissenschaften, 19 Chemie studierten, während 34 Kaufleute und Bankiers, 94 Ingenieure, 5 Künstler und 6 Landwirte wurden, und fügte - hämisch hinzu: „Die Juden fallen also ganz aus für das Studium der Germanistik, für das Militär, die Marine, den Post-, Steiler- und Büreaudienst, das Forst- und Bergfach u. f. w. oder sind mit ganz niedrigen Zahlen vertreten. Das ist eben ,kein Geschäft"." - Ach nein! Auch jeder christliche Abiturient wühlt sich den Berus, bei dem er sich sattessen kann. Wird denn ein Jude zum Militär, zur Marine, zum Post-, Steuer- und Büreaudienst, zum Forst- und Bergsach zugelassen? Fast gar nicht. Und wenn es einem gelingen würde, Unterschlupf zu finden, hat er irgendwelche Aussicht, befördert zu werdend Daß so wenig jüdische Germanisten vorhanden sind, hat seinen Grund in der Thatsache, daß die einem Germanisten mögliche Karriere als Universitätsdozent, Lehrer, Bibliothekar für ihn nicht gegeben ist. Und wer hat den Akut, es für Jdeallosigkeit zu erklären, wenn Juden aussichtslose Berufe nicht ergreifend Hat sich etwa Freiherr v. Hammerstein-Woßu der mühevollen Redaktion und Administration der „Kreuzzeitung" gewidmet oder einer der Redakteure der „Deutschen Tageszeitung" dem Bunde der Landwirte aus reinem Idealismus gewidmet? - Cin bemerkenswertes Ereignis hat sich tu der Wiener jüd. Gemeinde vollzogen: Der Obmann der Finanzsektion hat sein Amt niedergelegt. Diese Thatsache würde an sich besonders jetzt, nachdem in einer andern Großgemcinde — in Berlin nämlich — einer stattlichen Anzahl von Gemeindevertreteru ihre Aemter ab genommen worden, nichts zu bedeuten haben; sie gewinnt aber durch die begleitenden llmstünde au Bedeutung und Interesse. Der Herr Obmann hat sein Amt niedergelegt, weil trotz seines rastlosen Fleißes die Bilanz des Gemeinde-Budgets ein Defizit von nicht weniger als 100,000 Gulden ausweist, — darum aufweist, weil die Wiener Gemeinde ihren Etat durch direkte und indirekte Steuern nicht zu decken vermag. Die Annahme daß die Stcuerkrast der Gemeindcmitglieder sich verringere, würde der Wahrheit nicht entsprechen; aber die Kultussteuer wird von vielen als eine lästige Kontribution enipfunden, der man sich nach Möglichkeit zu entledigen trachtet. Zun, mindesten sucht man sie auf den geringsten Satz herabzudrücken, U\ baß selbst das größte Finanzgenie an der Aufgabe, deu wachsenden Bedürfnissen der Gemeinde gerecht zu werden, scheitern muß. Und die reichen Glaubengenossen in Wien? hören wir fragen. O, die haben eine offene Hand —- für interkonfessionelle Zwecke, obgleich man ihnen dafür wenig Dank weiß, die eigene Kulturgemeinde aber ist in Nöten. Die Nächstliegenden Zwecke, die Sorge für die Armen und Kranken, für die Witwen und Waisen, müssen leiden, weil noch immer Tausende und Abertausende solchen Anstalten zugewendet werden, die zwar im Nehmen interkonfessionell, im Geben aber „judenreiu" sind. Was ist dagegen zu thun? — Aus dem Nachbarhanse. Der „Sibirskij Wjestnik" veröffentlicht interessante Einzelheiten über die unlängst im Gouvernement Tomsk ausgetauchte neue Sekte der Bjeguny oder Läufer. Diese Sektierer verkündigen, daß gegenwärtig aus der Welt, besonders aber in der russischen Kirche und im russischen Staat, ganz offen der „Antichrist" herrsche in einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten, vorzugsweise in den Vertretern der Verwaltung und der Geistlichkeit (womit die Leute übrigens nicht so ganz unrecht haben.) Deshalb dürfe man nicht in der Welt leben, wo alles das Zeichen des Antichrist trage, sondern man müsse aus der Welt fliehen, und sich in Wüsten, Gebirgen und Wäldern Herumtreiben. Um sich der Knechtschaft des Antichrist zu entziehen, haben die Sektierer alle Verbindung mit dem Staat und mit der Gesellschaft abgebrochen, haben ausgehört, sich in die Revisionslisten eintragen zu lassen, Steuern zu zahlen und sich mit Pässen zu versehen und haben als Lebensgrundsatz verkündet, daß diejenigen, welche sich stark fühlen, mit dem Teufel kämpfen, die Furchtsamen aber fliehen sollen, das heißt Jic anerkennen die Möglichkeit eines zweifachen Verhältnisses gegenüber der Regierungsgemalt: entweder offenen Kamps mit ihr, mit allen ihren Einrichtungen und ihrer ganzen Ordnung oder, im Fall der Schwäche, die Flucht vor dem Antichrist in Wälder und Wüsten. Die Hauptmasse der Bjeguny befindet sich in den Taigas von Tomsk, Kolywansk und Mariinsk, besonders in der erfteren. Die Bjeguny begnügen sich nicht mit einem freien und ungebundenen Leben in den Wäldern und Sümpfen, all ihr Streben geht dahin, aus diese oder jene Weise dem Reich des Antichrist Abbruch zu thun; sie scheuen zu diesem Zweck selbst vor Gewaltmaßregeln nicht zurück, indem sie von Zeit zu Zeit Anhänger des Reiches des Antichrist gewaltsam in ihre Wüsten und Wälder entführen und sie zu ihrer Lebensweise zwingen. — Amerikanisches. Pros Dr Deutsch sucht dem bedrängten Dr. Krauskops in Philadelphia beizuspringen. Aus ganzem Herzen kann er dies nicht thun, da Krauskops offenbar eine Thorheit begangen hatte, indem er redete, was er träumte, und so ist es denn eine schwache Verteidigung, die ihm durch Deutsch wird. Dieser schreibt in der Deborah: „Die Einigung der Religionen ist ein allgemeiner Wunsch der Edelsten seit Jahrhunderten gewesen. Eigentlich war das Christentum in seiner ursprünglichen Erscheinung nichts anderes als ein solcher Versuch, die von der rabbinischen Theologie aufgestellten Fundamentalprinzipien; als Gotteserkenntnis, Gerechtichkeit und Sitilichkeit mit Hinweglassung alles Zeremoniellen zur Weltreligion zu machen. Die Opposition von Männern wie Rabbi Akiba gegen einen solchen Synkretismus hat eigentlich dys rabbiuische Judentmu geschaffen. Innerhalb des Christentums hat es an solchen Einigungsversuchen auch nicht gefehlt. Die Päpste arbeiteten lauge a:: der Einigung zwischen '.e 894597