Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 86 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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©die 86. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. Wocchen-Eihronik. Berlin, den 29. Januar. Berliner und allgemeine Nachrichten. -- Rabb. Dr. Littmann aus Zürich hielt am verflossenen Sabbat zwei Gastpredigten, vorm, in der neuen und nachm, in der Lindenstraßeu-Synagoge. Wir hatten nur die Vormittagspredigt gehört, die einen Satz aus dem Sang am Meere zum Text hatte. Herr Dr. Littman verfügt über ein sehr sympathisches, in der Tiefe mächtig klingendes Organ, das jedem Darsteller des „Faust" zustatten käme und sich auch aus der Kanzel gut anhört, und über eine schlichte, aber fließende Diktion, die sich jeder Effekthascherei fern hält und nicht das Streben zeigt gedankliche Spreu für genießbaren Weizen auszugeben. Wie die Diktion, so war der Inhalt der Rede schlicht, einfach und — wie der terminus technicus lautet — schulgerecht gearbeitet. Sie zerfiel in fünf Teile und bewegte sich mehr aus abstrakt religiösem Gebiete. Neue Gedanken, die den Hörer anregen, Antithesen die seine Zustimmung oder seinen Widerspruch herausfordern, fehlten ganz, so daß über den Inhalt des Vortrages sich nichts sagen läßt. — Offiziös verlautete neulich, es würden jetzt nur Prediger zur Abhaltung von Gastvortrügen berufen, die sich s. Z. nicht gemeldet haben. Daß Herr Dr. Littmaun sich um das vakante Rabbinat in Berlin nicht beworben, das nimmt uns für ihn ein, denn das zeugt von Bescheidenheit; daß er aber nach und neben Rippner kandidiert werden konnte, das veranlaßt uns noch einmal zu fragen: Wer hat bei der gegenwärtigen Vakanz die Rolle des Souffleurs übernommen? — Organisation der jüdischen Konfession in Ungarn. Ministerpräsident Banffy und Kultusminister Dr. Wlassics empfingen eine Deputation israelitischer Distriktspräsidenten, welche eine Denkschrift wegen Einberufung eines ungarischen israelitischen Kongresses behufs Schaffung einer Landesorganisation überreichten und zugleich den Dank für die Rezeption der Juden ausdrückten. Der Ministerpräsident erwiderte aus die Ansprache, die Regierung habe nur ihre Pflicht gethan, indem sie Ländesbewohner rezipierte, welche gleich anderen Konfessionen stets in nationaler patriotischer Richtung gewirkt haben. Die ungarischen Juden gravitieren nicht nach außen, und es sei nur recht und billig, daß sie eine Landesorganisation anstreben; die Regierung werde sich daher mit der Frage beschäftigen und werde behufs Lösung derselben Zeit und Umstände in Erwägung ziehen. In zwangloser Konversation mit der Deputation drückte der Ministerpräsident seine Freude darüber aus, daß die Israeliten Ungarns keine besondere Rationalität, sondern nur eine besondere Konfession bilden, was zu der so notwendigen Ausgleichung der gesellschaftlichen Gegensätze wesentlich beitragen werde. Kultusminister Tr. Wlassics sprach sich ebenfalls sehr zuvorkommend aus, ineinte aber, daß das Millenniums-' jahr für einen solchen Kongreß nicht geeignet erscheine. Er dankte der Deputation dafür, daß die israelitische Landesversammlung einen>'andeSsonds für nationale patriotische Zwecke geschaffen habe, was einer Konfession würdig sei, die sich stets durch Anhänglichkeit an die Ration und das Vaterland ausgezeichnet habe. Die Juden und die Feuerbestattung. Der „Bad. Volksbote" schreibt: „Wer ist das treibende Element in der Feuerbestattungsfrage? Im Heidelberger Krematorium wurden im abgelaufenen Jahre 91 Personen verbrannt, 64 Männer und 27 Frauen. Der Konfession nach waren es 53 ProtestanBn, 10 Katholiken,5 Altkatholiken, 8 Juden und 9 Freireligiöse. Tie Juden machen etwa Vso der Gesamtbevölkerung aus, sie sind also an der Feuerbestattung 8 mal stärker beteiligt, als die übrige Bevölkerung. Das giebt zu denken!" Wenn das antisemitische Blättchen doch verraten wollte, was es sich beim Riederscheeren dieser Zeilen gedacht hat! — U. O. B B. Jüngst wurden die Beamten der New Port Loge des Ordens B'nai B'rith, welche die Mutterloge des ganzen Ordens ist und daher Nummer I trügt, von Moritz Ellingcr, als fungirendcm Groß-Präsidenten, installiert. Bei dieser Gelegenheit hielt der Beamte eine längere Rede, in welcher er den merkwürdigen Aufschwung, den diese Vereinigung seit ihrem Bestehen vor 52 Jahren genommen, nicht nur in numerischer Hinsicht, sondern in der Entwicklung der dem Orden zu Grunde liegenden Ideen hervorhob, welche darin gipfeln, eine Vereinigung zu schaffen, die alle Juden umfassen soll, welche an dem Erfassen des höchsten Ideals der Menschheit festhalten. Alle Unterschiede durch individuelle Auffassung der religiösen Verbindlichkeit des Zeremonial-Gesetzes sollen in der Loge außer Acht gelassen werden; Unterschiede, durch die Nationalitätsgesetze und Gewohnheiten der verschiedenen Länder, in denen der Jude seine Gcburtsstätte hat, sollen bei Seite gelassen werden, uni den ethischen Gedanken, welcher der ganzen Menschheit eigen ist, zum Durchbruch zu bringen. Je größer die Anzahl der ethisch durchgebildeten Juden wird, die diese Ethik auch im praktischen Leben bethätigen, desto unhaltbarer wird der grundlose Angriff, welcher auf die Juden gemacht wird, werden. Da religiöses und nationales Vorurteil ain Ende ans Unwissenheit und nicht überwundener natürlicher Rohheit fußt, so müssen bei größerer Bildung und größerer Verbreitung der Aufklärung Vorurteil und Haß immer mehr schwinden, und das hohe Bewußtsein des'Menschentums in immer weitere Kreise dringen und man muß sich der Zeit immer mehr nähern, in welcher in Wahrheit „ein Gottesreich auf Erden" entstehen wird. — Ueber die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden in Theorie und Praxis sprach in der letzten Sitzung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens Herr Rechtsanwalt Sonnenfeld. Redner beleuchtete ausführlich die Redensart vom „christlichen Staat", die durch die von antisemitischer Seite mißverstandene Aeußerung unseres Kaisers: „Ich brauche christliche Soldaten" an Boden gewonnen habe. Ter Staat habe, ebensowenig wie das Heer mit dem Ehristentum etwas zu thun. Freilich würde die Redensart vom christlichen Staat durch das Verfahren unsrer Verwaltungs- und Militärbehörden bestärkt, indem trotz der entgegenstehenden Bestimmungen der Verfassung die Juden grundsätzlich von einer großen Anzahl höherer Staatsämter ferngchalten würden. Kein einziger Jude gehöre in Deutschland dem Offizierskorps an; die Zahl der jüdischen Regierungsräte und höheren Richter sei eine winzige, und selbst inbezug aus das Notariat werde den Juden nur eine relative Gleichberechtigung zugestanden. Sehr schlimm stehe es mit der richterlichen Auffassung antisemitischer Delikte. Wenn irgendwo, müßte der ckolus eventualis, sowie der grobe Unfug gegen die Antisemiten Anwendung finden. Die Gleichberechtigung der Juden stehe in Deutschland nur aus dem