Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 85 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Allgemeine Israelitisch, Wochenschrift. reite 95. den in der Nähe stehenden Holzstoß, daß der Mönch jählings seinen Geist aufgab. Das war jener Mönch, der ehemals Kutscher gewesen und kraft dessen Aussage Miguez verurteilt wurde. Diese That Josefs, die das Werk eines Augenblicks gewesen empörte gegen ihn die große Schar frommer Zuschauer. „Auf den Scheiterhaufen mit ihm"! riefen wutentbrannt einige. „Auf die Folterbank"! andere. Totenblaß stand Josef unter den Jnquisitionssoldaten. Er selbst war Offizier im königlichen Heere. Jetzt erhebt sich ein Großinquisitor und verkündet mit Donnerstimine folgendes: „Beispiellos ist das Vergehen des jugendlichen Ketzers, beispiellos soll auch die Strafe sein. Ergreifet ihn und auch die Mutter, ihre Habe verfalle der Inquisition." Doch die Mutter war dem Blutdurste der Tyrannen entronnen. Nicht konnte man die Mutter mehr martern; sie war ihnen nun verloren. Für das schwache weibliche Herz war der Schlag auf ein Mal zu viel. Ihre Habe ward konfisziert, der Gatte vor ihren eigenen Augen verbrannt, der einzige Sohn Bluthunden ausgeliefert, sie selbst der Schändung ausgesetzt, da brach der Schmerz durch ihr Herz; man fand sie tot auf ihrem Platze. Welches Geschick, welcher Tod Josefs harrte, wissen wir nicht anzugeben, doch können wir uns vorstellen, er hätte dem Geschicke Georg Dorsos gewiß nichts voraus. Ueber den wunderholdcn 22 jährigen Jüngling schwebte jedoch ein schützender Engel, der Engel der Liebe. Die jugendliche Herzogin Maria von Braganza liebte den schmucken, herzhaften Jüngling bis zur Schwärmerei, und durch Hilfe dieser edlen Dame gelang es ihm, aus dem Kerker zu entkommen; in Mönchsverkleidung pilgerte er bis Antwerpen, wo sein Oheim Mendes Zadok (Peter Mendosia) lebte, der ebenfalls Biaranne und Chef eines der ersten Bankhäuser Europas war, der unter seinen Schuldnern den deutschen Kaiser Karl V., in dessen Reiche nie die Sonne unterging, und König Franz l. von Frankreich zählte. Mit offenen Armen ward Josef bei seiner Familie aufgenommen. Hier hat er sich bald in das Getriebe des großartigen Bankhauses hineingelebt, so zwar, daß er nach zwei Jahren, nachdem Mendes Zadok gestorben war, der Hauptfaktor des Bankhauses wurde. > Eines Tages machte seine Tante, eine hochherzige feingebildete Dame, die auch als Schriftstellerin austrat, die geistreiche Donna Gracia Mendosia, ihren Verwandten darauf aufmerksam, daß ein Geistlicher sich sehr lebhaft um Alexander Howard kümmere. Unter diesem Namen hielt sich nämlich Josef Nassi in Antwerpen auf, indem er sich für einen Engländer ausgab, was ihm, da er ausgezeichnet Englisch sprach, jeder glaubte. Wirklich nahm es Joses wahr, daß er stets aufmerksamer beobachtet werde, und da er eine Entdeckung fürchtete, verließ er 1543 incognito Antwerpen. Gonzales de la Costa, dies war des spanischen Geistlichen Name (später Bischof zu Birgos) trat nun offen als Ankläger gegen die Familie Mendosia aus. Da wurde es nur zu rasch entdeckt, daß der „englische Verwandte" niemand anders war als der von der Inquisition gesuchte Josef "Nassi. Bis der Befehl des Großinquisitors aus-Portugal, welcher in Uebereinstimmung mit dem Großinquisitor aus Spanien die Konfiskation der Güter der ketzerischen Frau anordnete, anlangte, traf Donna Gracia mit ihren beiden Töchtern Reyna und Jahra mit großem Geschick in Venedig ein. Dies konnte sie um so eher thun, da Josef mit sechs Koffern, in denen 1,200,000 Goldstücke enthalten waren, Antwerpen verließ. Die kluge Frau sah es ein, daß in Antwerpen, wo die Spießgenossen der Inquisition sich aufhielten, ihr Leben und Vermögen in Gefahr schwebe, darum ließ sie Josef mit dem größten Teile ihres Vehmögens entfliehen, um erst 2 Monate später mit ihren beiden Töchtern nachzufolgen. Josef Nassi aber, der es sehr gut wußte, wie weit die Hand der Inquisition reiche, fühlte sich auch in Venedig nicht ganz sicher, darunl verließ er diese Stadt und ging nach Ferra, von hier aber aus ähnlichen Gründen nach Lucca, Genua, bis er sich endlich nach Mailand flüchtete, wohin ihm die Familie Mendosia stets treu folgte. Endlich entschlossen ne sich, das schöne Italien, wo sie — wegen ihres Vermögens — von den Spionen der Inquisition fortwährend belästigt wurden, zu verlassen. Ihre Hoffnung legten sie auf die Türkei, das mächtige Osmanenreich, vor dem ganz Europa zitterte. Bei den Türken halten sie nichts zu befürchten; dort brach die Macht der Inquisition. (Schluß folgt.) „Amen!" tönt es durch die Stille Von des Christenpred'gers Munde. „Amen!" Und der Jud' erhebt sich, Ter getauft iu dieser Stunde. Wankt zum Stuhl hinüber, siuucud, Und der Prister nickt und lächelt. In den schwarzgelockten Haaren Irisch dem Jud'n ein Lüftchen fächelt: „Bist ein Christ geworden, Jude,' Hast den alten Gott verlassen. Hörst Du, wie's die Spatzen pfeifen Schon vom Dach und in den Gassen V Das Lri» achri>. „Hast entsagt dem alten Glauben . Und dem Juden wird es enge. Und, im Kirchstuhl sitzend, hört er Ihm bekannte, fromme Klänge- Hört bic Sabbatmclodieen Durch die tiefe Stille dringen, lind es dringt wie Aeolsharfen, Wie von Geistern ihm ein Singen: „Leoho dodt likras kallo, Zeig', o Braut, Dein Angesicht. Sieh', ich komm Dir gern entgegen, Sabbat, Du mein Lebenslicht." Und er lauscht, und sieht betroffen Sich im Tempel, wie vor Jahren; Sieht den Chase» und den Schammes In den weißen Bcttalaren- Sieht das Oron kodesch stehen, Drin die heil'ge Gotteslehre; Und er scheint sich ein Verfehmter, Als ob er die Andacht störe. Will hinaus zur Thür ins Freie . . . Ta tritt ilnn ein Greis entgegen. Und er kennt den Greis: Sein Vater- Dieser giebt ihin seinen Segen. Aus dem Tempel aber dringen Weich die Sabbatmelodieen, So verheißungsvoll und lieblich Tröstend sie ins Herz ihm ziehen. Und er lauscht und lauscht ergriffen, Und die Thräne rollt ihm sacht. Finster ist es in der Kirche Und der Jude ist e r w a ch t- B c r n h a r d L o e w e n t h a l- V: > vj - >1 4. - 5 a