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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-31 · 5 (31.1.1896) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 83 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 'Settt 88.' dies nach der Sage blos zu dem Zwecke, damit er dort einen paffenden Ort für ein Bet Ha-Midrafch anssuche. , Im Geiste der jüdischen Sage kann der Stammvater Jsrael's sich nicht eher entschließen, den fremden Boden Egypten's, wo fein Lieblingssohn Josef weilt, zu betreten, als bis er die Gewißheit erlangt hat, daß er im Lande der Prachtbauten und Mausoleen ein Plätzchen für ein bescheidenes LehrhauS oder ein Bet ha-Midrasch haben wird. Ja noch mehr! Tie jüdische Sage begnügt sich nicht mit der Erde, sondern greift auch in den Himmel hinein, versenkt sich nicht bloS in die dunkle Urzeit, sondern auch in das lichte Reich der Zukunft. Wenn Kohelet den süßen Schlaf des treuen Arbeiters preist, so nähert sich ihm die jüdische Sage, um seinen Ausspruch zu kommentierrn, berührt mit ihrem Zanberstabe den Himmel, öffnet ihn und zeigt uns im Reiche der verklärten Geister das Bet ha-Midrasch von Sem und Eber. Dort sitzen sie, umgeben von den drei Patriarchen, von Mose und Aron, und dort nimmt auch derjenige seinen Platz ein, welcher ein treuer Arbeiter aus dem Felde der jüdischen Litteratur während seines irdischen Lebens war. So wird das Bet ha-Midrafch vom jüdischen BolkSgeiste in die Urtage der Menschheit, in die Urgeschichte Jsrael's, nach Kanaan und Egypten, und selbst in die Region der reinen Geister versetzt. Es begleitet Israel durchs Leben und noch über das Grab hinaus. Die jüdische Sage versuchte es auch, ein altes Problem oder ein Problem aller Zeiten vermittelnd und versöhnend zu lösen. Wie sollen nämlich die Männer de. Theorie, der Forschung, der Litteratur und des Geistes zu denen der materiellen That und des gewinnsuchenden Handels sich verhaltend Sollen die ersteren von der Höhe ihres Standpunktes aus geringschätzend aus jene herabsehen, deren Kräfte dem Anstausch der Raturerzeugnisse und der Vermittelung der verschiedenen Industrien gewidmet finb V Oder sollen die Kaufleute gleichgiltig vorübergehen an den bescheidenen Wohnungen der Denker und Forscher, welche in stiller Zurückgezogenheit und in geräuschloser Thütigkeit mit den höheren Fragen des Menschen und der Gesellschaft sich beschäftigen? Bilden Handel und Industrie, welche aus sichtbaren und bis ins Kleinste zu berechnenden Gewinn ausgehen, einen scharfen Gegensatz zu jenem geistigen Schaffen und Wirken, dessen Ertrüge nicht sofort in Zahlen nrngesetzt werden können? Die jüdische Sage hält Umschau unter den alten Stämmen des israelitischen Volkes und greift aus deren Mitte zwei heraus: Sebulun und Jisachar. Der erstere repräsentiert im^Segen Jakob's, wie in dem van Mose den Welthandel, der seine Schiffe nach entfernten Gegenden aussendet, um die Produkte der verschiedensten Länder gegen einander umzutauschen; der letztere sitzt ruhig in seinen Zelten sinnend, denkend und forschend, berechnet den Laus der Gestirne und ergiebt sich den mannigfachsten Studien. Diese beiden Stämme erscheinen vor dem Geiste der jüdischen Sage als ein treues Brüderpaar, welches im richtigen Verständnis der gemeinsamen Interessen zusammenwirkt und für einander arbeitet. Der Kaufherr Sebulun freut sich beim Anblicke seiner Masten und Segel, und der Forscher Jisachar mitten unter seinen beschriebenen Pergamenten und seinen Himmelskarten. Tenn die Beobachtungen, welche dieser im Reiche der Raturkräste und am gestirnten Himmel anstellt, kommen auch jenem aus seinen Meersahrten zu statten. Sebulun rrwirbt, Jisachar erforscht; Sebulun erportiert Oel und Getreide aus Palästina, Jisachar hütet und vermehrt die geistigen Besitztümer Jsrael's; Sebulun ist nicht für Theorien und Abstraktionen, Jisachar nicht für den Transport von Warenballen geschaffen. Beide aber fördern das Wahl der Gesamtheit und arbeiten daher für einander. Auf diese Weise stellt die jüdische Sage einen innigen Rapport her zwischen den Kaufhallen und dem Bet ha-Midrasch und verbrüdert den Kaufmann mit dem Gelehrten. Diesen unverfälschten Geist'des Judentums, der uns in der jüdischen Sage so lebendig und anschaulich entgegentritt, hat der Talunid vorzugsweise scharf ausgeprägt und dem jüdischen Volke tief eingeprägt. Wenn die Griechen von Sokrates erzählen, daß er die Philosophie vom Himmel aus die Erde gebracht hat, so kann man vom Talmud zu dessen Ruhme aussagen, daß er das Interesse für Gelebrte, für Schriftwerke, für Lehrstätten, für öffentliche Vorträge, überhaupt für die materielle Förderung der Wissenschaft in alle Schichten des jüdischen Volkes verpflanzt hat. Er setzt die Thora oder die wissenschaftliche Erkenntnis dem pomphaften, öffentlichen Kultus voran, und in.diesem Sinne erzählt er folgendes: Einst ergingen sich zwei jüdische Weise in der prachtvollen Synagoge zu Lydda. Hoch entzückt rief der eine aus: „Wie viel Schätze haben meine Vorfahren zur Herstelluug dieses herrlichen Baues hier eingesenkt!" „Sage lieber", versetzte der andere, „wie viel Menschenleben haben sie hier begraben!" „Wie meinst Du das?" fragte R. Chama verwundert. „Mein Freund", antwortete R. Hoschaja, „gab es denn keine Männer in Lydda, welche den Studien oblagen und kaum ein kümmerliches Dasein zu fristen vermochten? Diese darbten aber leider, während das Auge der Betenden in Lydda am Marmor und am Golde der Synagoge sich weidete! Das untrüglichste Symbol unserer Religion ist nicht ein Gebetbuch, sondern ein Lehrbuch, und nicht Sängerchöre verkünden den Ruhm unseres Volkes, sondern die Wechselreden, die im Bet ha-Midrasch erschallen!" Schspklihmr und das Iudkiitum. Bon Nobert Knttner. (Fortsetzung). Wie stand es mit den Refugies in Deutschland nach Aufhebung des Edikts von Nantes, und wie mag es wohl heut noch in Spanien, mit den dort eingewanderten Protestanten, also mit allen diesen kleinen Religionsgenossen schäften inmitten der breiten Massen der Landeskirchen aus gesehen haben und heute aussehen. Aber wenn erst das, was uns alle — und leider auch die Erleuchtetsten — heute trennt, wenn erst die Kirche ihre Ausgabe darin erkennen wird, uns in dem Geiste ihrer Lehren, dem wahren Geist aller Kultur-Religionen in Duldung, Barmherzigkeit und Liebe zu vereinigen, wenn sie den Ruf des Propheten erneuert: „Wohlan, ihr Durstenden! Stonimet alle zum Brunnen und schöpfet" lZesaias 5ö) Dann wird das traurige Absonderungsbedürfnis der Religionsgenossenschaften seinen Boden verloren und die Weissagung (Jesaias 56—7). „Dann wird mein Hans ein .vans der Andacht für alle Nationen genannt werden," ihre Erfüllung gefunden haben.

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