Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-31 · 5 (31.1.1896) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 82 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609800--1131-9609806
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 82. Assgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. macht, ihre vollste Verwirklichung und der entschiedene Sieg des Rechts in naher Aussicht steht, zum Hohne auf die so gerühmte westliche Kultur und christliche Liebe. Eine große Anzahl unserer Glaubensgenossen bekleidet bereits hohe Staatsämter. Da ist vor allem Elias Pascha, Ueckioin de 8. M. le Sultan und Generalarzt der türkischen Marine. Das Kind armer Eltern, besuchte er die von der Alliance Israelite unterhaltene Volksschule. Seine Talente ahnend, wurde er für eine Gelehrten-Karriere bestimmt und unterstützt. Er absolvierte seine medizinischen Studien in Deutschland, war in Berlin Assistent Graeses^und wurde, kaum 80 Jahre alt, zum Leibarzt des Sultans ernannt. Es erregte nicht wenig Aufsehen, als er den Titel Pascha erhielt, der erste Jude mit dieser Auszeichnung. Ihm folgte aber eine bedeutende Anzahl hoher Würdenträger jüdischen Glaubens: Jsac Pascha, Generalarzt, der dem deutschen Kaiser Wilhelm II. attachiert war, als dieser Konstantinopel besuchte. Bachor Effendi, Unterprefekt von Konstantinopel, der das vollste Vertrauen des Sultans genießt. Abraham Effendi, höherer Beamter im Ministerium des Auswärtigen. David Effendi, erster Uebersetzer in demselben Ministerium, der von fast allen Souveränen Europas mit hohen Orden ausgezeichnet ist, und Jussuf Effendi, ein in größter Armut aus Ungarn in die Türkei Eingewanderter und heute Direktor des Ministeriums des Auswärtigen auf der Insel Rhodos. Fernere hohe Würdenträger jüdischen Glaubens in Konstantinopel sind: Aron Leon Effendi, Baruch Effendi, Boas Menasche Effendi, Dr. Canchi, Araslan Effendi Fresco, Moise Bey, Dr. Behar Effendi, Emil Effendi, Elias Effendi und in hohem Ansehen, wie ungefähr im Westen erbliche Pairs, stehen die Familien Modiaro, Eskenasi, v. Toledo u. a. Alle diese jüdischen Größen unterscheiden sich darin vorteilhaft von den jüdischen Größen des Westens, daß sie ihrer Religion treu bleiben, nicht nur,^daß sie nicht zur herrschenden Religion, dem Islam, übertreten, sondern sogar in ostensibler Weise das Judentum bekennen, an allen jüdischen Feiertagen in den Synagogen erscheinen und rigoros dem religiösen Zeremoniell obliegen, was ihnen weder in ihrer Karriere, noch in den Augen des Volkes schadet. Vielleicht wäre auch im Westen der Antisemitismus nicht hereingebrochen, wenn man sich dort mit der Emanzipation nicht zugleich assimiliert und diesem Danaergeschenke die Religion und das Stammesgefühl geopfert hätte! Man hraucht dabei gar nicht an eine transzendentale Strafe zu denken; sie ist ganz natürlich — wer sich selbst verachtet, wird verachtet, und weil gewöhnlich mit dieser Selbstverachtung der ganze Charakter des Menschen ins Aschgraue fällt, ist es begreiflich, wenn er sich den Haß seiner Umgebung zuzieht, in der er ausgegangen .und sich unkenntlich als Jude wähnte. Wir Juden im Osten haben keine Angst vor einem Rückschlag, wir könnten nicht enttäuscht werden, weil wir für die Besserung unserer Zustände nichts geopfert haben. — Seit die von der B'nai Brith-Loge in Kairo einge-' richtete Schule einging, genießen die jüdischen Kinder absolut keinen geregelten Unterricht in der jüdischen Religion.^ Während sie einerseits in den Schulen der katholischen Geistlichkeit ausgezeichnete Unterweisung sn den allgemeinen Disziplinen genießen, verstehen sie andererseits nicht einmal Hebräisch zu lesen! Dank den Bemühungen des Rabbiners M. R. Sunebourg und des Präsidenten der Gemeinde, M. Rädels, der, nebenbe ibemerkt, auch zu den energischesten Mitgliedern der B'nai Brith-Loge und zahlreicher Vereine gehört, wurde dort vor zwei Monaten eine jüdische Elementarschule errichtet, wo jüdische Kinder unentgeltlichen Unterricht erhalten. Wie der in dieser Schule angestellte Lehrer^Weinstein mitteilt, hofft er, im nächsten. Semester in der höheren Klasse das Hebräische als Unterrichtssprache entführen zu können. Das Lei ' Von Dr- A d. I e l l i n e k. Obwohl das Judentum die Hilfsmittel der Plastik zur Versinnlichung religiöser Ideen streng zurückweist und obwohl es kaum möglich wäre, das Grundwesen desselben plastisch auszudrücken, so giebt es doch Symbole, welche die jüdischreligiösen Wahrheiten und Grundlehren verkörpern und veranschaulichen. Ich erinnere zuvörderst an zwei mit einander verbundene Tafeln in der Form des menschlichen Herzens. Wer sie sieht, denkt sofort an jene zehn hebräischen Worte, welche die Grundzüge der Gotteserkenntnis, der Gottesverehrung und der Sittlichkeit enthalten. Geht man in ein Bethaus und findet dort eine Lampe, welche Licht ausstrahlt, so wird man ohne künstliche Deutung und AUegorisierung sich sagen, daß diese Andachtsstätte einer Religion geweiht ist, welche nicht das Dunkel der Mysterien liebt. Ein bedeutungs- und ausdrucksvolles Symbol des Judentums möchte ich die Schriftrolle oder das „Buch" nennen. Tenn mir können uns dasselbe nicht ohne Schrifttum, ohne Litteratur, ohne Bücher denken. Während die eine Religion mit den Abzeichen der Leiden und der Aufopferung den Schauplatz der Geschichte betritt, die andere mit dem Schwerte des Kampfes und der gewaltsamen Be-kehrung erscheint, hält das Judentum seinen Einzug in die Geschichte gleichsani als eine litterarische Religion mit Schriften unter dem Arm, mit Gesetzessammlungen, historischen Berichten, Volksredcn, Liedern und Weisheitssprüchcn. Jene großartige Szene, die an diesem Sabbat im Gotteshause geschlildert wird, was ist sie anders, als eine Versammlung von Hörern, welche dem Vortrage des Lehrers lauscht? Denken mir uns im Geiste den Berg Sinai und das versammelte Volk von Mauern umgeben, und das erste Bet ha-Midrasch erhebt sich vor unserem Auge! Für die Behauptung, welche ich soeben ausgesprochen habe, daß nämlich das untrügliche Symvol des Judentums das Buch ist, und daher Lehrer und Hörer, Lehrstütten und Lehrkanzeln unzertrennlich mit demselben verbunden sind, kann ich einen zuverlässigen Zeugen ansühren. Es ist die jüdische Sage! Denn wie der Naturforscher die Tiefen der Erde auswühlt, um deren Werden und Formation zu erkennen, so versenkt sich der Religionssorscher in den Schacht der Sagenwelt, um von dem unverfälschten Volksgeiste sichere Kunde zu erlangen. Wohlan denn! Die jüdische Sage erzählt gar viel vom Lehrhause oder vom Bet Ha-Midrasch. Bereits Sem, der Sohn Noah's, und sein Nachkomme Eber — berichtet sie — hatten ein Bet Ha-Midrasch gegründet, in welchem sie nach , der Sintflut die reine Gotteserkenntnis lehrten. Jakob, der Stammvater des jüdischen Volkes war nach den Worten der Schrift ein frommer Alaun, der in Zelten wohnte, das heißt nach der jüdischen Sage: der im Gegensätze zu seinem wilden Bruder Esau in dem Bet Ha-Midrasch des Sem weilte, um dessen Vortrüge anzuhören und seinem Geiste die reine Gotteserkenntnis einzuprägen. Als derselbe Patriarch feinen Sohn Juda nach Egypten voraussendet, so geschieht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.