Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 81 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609800--1130-9609805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 81. sichten, und ehe da nicht radikal Wandlung geschaffen wird, i kann keine Besserung eintreteu. Und wenn keine Besserung eintreten kann, wozu die langsame Qual^ Wäre nicht besser tudnln rasa zu machend In der talmndischen Litteratur wird von dem Märtyrertod des Tanaiten R. Ehananjah b. Teradjon erzählt. Er wurde lebendig verbrannt. Um seine Qual zu verlängern, legten ihm die grausamen Henkersknechte angeseuchtetc Wolle aus die Brust. Ties grausige Bild verfolgt mich oft, wenn ich die via Uoiorosa des jüdischen Stammes historisch betrachte. Auch im Geistesleben giebt es ein Martyrium. Tie Nutzauwendung dieser historischen Reminiszenz überlaste ich dem Leser. Nein, wir bedürfen jetzt keines Esra, der erschüttern, ergreifen und erweichen konnte; wir bedürfen eines Nehemia, der thatkräftig eingreisen und wie ein „läuterndes Feuer" wirken würde. Mit Worten, das sehe ich ein, werden wir nicht viel auSrichten — und Männer der Thal fehlen uns leider. Krllk Wstmse». * Petersburg, 24. Januar. Eine Wendung zum Bessern scheint in der That für die Juden in Rußland eingetreten zu sein. Während man früher sogenannte Judenkommissionen einsetzte, welche Jahrzehnte hindurch bestanden, ohne einen Erfolg aufweisen zu können und nur die Lage der Juden verschlechterten, hat der neue Minister des Innern nach einer kauni sechsmonatlichen Thätigkeit Zeit und Gelegenheit gefunden, die unter Alexander 111. ins Leben gerufenen judenfeindlichen Gesetze auf ihre Zweckmäßigkeit zu prüfen. Aus dem gewissenhaften Studium der einschlägigen Akten gewann er offenbar die Ueberzeugung, daß es im Staatsintereffc liege, jene Gesetze aufzuheben, die gegen die angebliche Schädlichkeit der Juden gerichtet sind. Denn daß die Juden im ökonomischen Leben des Reiches eher stets ein förderndes Element waren, das bewiesen ihm die in letzter Zeit massenweise eingelausenen Petitionen des Adels, der Bauern und der Ständeverwaltungen um Rückbcrufung der aus den Dörfern Ausgewiesenen. Minister Goremykin forderte daraufhin die offiziellen landwirtschaftlichen Gesellschaften und Vereine auf, sich über die Rolle der Juden im wirtschaftlichen Leben freimütig auszujprechen, und die Korporationen thateu dies; sie beleuchteten rücksichtslos die Schäden, welche die Judenausweisungen den Dörfern und Marktflecken in Landwirtschaft, Handel und Industrie zugefügt haben. Ein Gleiches that die kaiserlichruss. ökonomische Gesellschaft. Auch ein Gutachten, das in dieser Frage der vor wenigen Wochen verstorbene Gouverneur in Volhynien, Geheimrat Baumgarten, abgegeben hat, verdient weitgehende Beachtung. Dieser Gouverneur, welcher nach Volhynien geschickt wurde, um „die jüdische Ausbeutungssucht einzudämmen", sagt als Experte: „Meine Vorsätze hinsichtlich der Juden verließen mich, nachdem ich Gelegenheit hatte, die Beziehungen der Juden zu der orthodoxere Bevölkerung des Gebietes kennen zu lernen. Diese Beziehungen basieren durchweg auf Brüderlichkeit und Rechtschaffenheit. Tie Juden in dem mir unterstehenden Gouvernement, welche zum größten Teile ein kümmerliches Dasein fristen, sind in so mancher Hinsicht für die bäuerliche Bevölkerung sehr nützlich. Um eine ganz geringe Entlohnung vermitteln sie den Bauern den Absatz ihrer landwirtschaftlichen Produkte, und für eine noch geringere Entlohnung verschaffen sie ihnen ehrlichen Erwerb. Die Reichen unter den Juden verschließen sich nicht der Teilnahme für das Unglück ihrer orthodoxen Brüder; sie find stets bereit, die allgemeine Rot einigermaßen zu linderu. Somit er f ch e inen mi,r d ie Juden des Gouvernements Volhynien als ein im Leben des Gebietes nützliches Element, das von der orthodoxen Bevölkerung auch geachtet und geschätzt wird." War der Minister von der Haltlosigkeit der gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen schon vorher überzeugt, so wurde er darin von dem kürzlich zum Adlatns im Ministerium des Innern ernannten Geheimrat Rekljudow noch bestärkt. Rekljudow, einer der besten Rechtsgelehrten des modernen Rußland und ein warmer Anhänger der liberalen Traditionen aus der Regierungszeit Alexanders II., wies an der Hand von Thatfachen nach, daß die Verfolgung der Juden in Rußland, welche angeblich durch die Schädlichkeit derselben hervorgerufen wurde, sich durch nichts rechtfertigen lasse. Während der Regierungszeit Alexanders II., bemerkt Rekljudow in einer diesbezüglichen Denkschrift, war man bereits auf dem Wege, die Juden mit der orthodoxen Bevölkerung zu assintilieren, indem die damalige Regierung dem Aufenthalte der Juden im ganzen Reiche keine Hindernisse in den Weg legte und ihnen die Pforten sämtlicher Lehranstalten öffnete. Rekljudow äußert dann die Meinung, daß, wenn die i'.n letzten Dezennium geschaffene abnormale Lage der Juden geändert werden solle, man in erster Reihe mit der Aufhebung der Wohnbeschränkung gegen die Juden beginnen müsse. Und in diesem Sinne wurde auch im Ministerium des Innern ein Memorandum ansgearbeitet, welches Senator Goremykin im Rovernber des abgelaufencn Jahres deui Zaren unterbreitet hat. In dieser Staatsschrift wurde ausgesührt, daß die geltenden Gesetze in Bezug auf das Wohnrecht der Juden einer Aenderung bedürfen, da die Beschränkung ihres AnsiedlungSrcchteS aus ökonomischen Gründen nicht wünschenswert sei. Als Ergebnis dieser Rcformaktion ist eine Kabinetsordre des Zaren von: 29. Dezember anzusehen, welche den Minister des Innern beauftragt, die vom Grafen Jgnatjew erlassenen Verbote gegen die Ansiedlung der Juden in den Dörfern und Marktflecken sowie sämtliche bestehende Ausweisungsverordnungen einer strengen Prüfung und gründlichen Aenderung 511 unterziehen. Wie, der gut unterrichtete „Grafchdanin" meldet, besteht im Ministerium des Innern die Absicht, dcit Juden das unbeschränkte Wohnrecht einzuräumen; in jüdischen Kreisen verlautet dagegen, daß ihnen nur das Recht der Ansiedelung in den Dörfern und Marktflecken wiedergegcben und die Ausnu isnng aus den von ihnen bewohnten Qrtschaften untersagt weiden soll. Wie der Entschluß des Ministeriums des Innern auch lauten mag, eines steht fest: die Kabinetsordre des Zaren bedeutet eine Wendung 511 Gunsten der Juden von ganz erheblicher Tragweite. Kam " \ Wenn das Herz des Juden hu Westen bang und matt vor Entmutigung schlägt, daß es dort jemals mit der Wahrheit und denn Rechte vorwärts kommen und die alte Zeit schwinden werde, kann es sich mit einem Blick aus das türkische Reich wieder gehoben fühlen, wo die Gleichstelltmg von Tag zu Tag größere Fortschritte D90C