Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 80. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 5>. zu IhUk'U, und endlich diu ich durch das erhobene Gezeter der lu'U'iluUi'» kreise in meiner Ueberzengnng bestärkt worden, du st die von mir eingeführte Sonde eine sehr krankhafte Stelle berührt dut, also sedr notwendig war. Dir llabliiiirtiualil in Kerli». Von Tr. S. Bernfeld. II. Es wird uns stets entgegen gehalten, dust unsere Forderung, ein Rabbiner der Groß Gemeinde Berlin müßte uns der Höhe der Forschung und der umfassenden Gelehrsamkeit uns jüdisch wissenschaftlichem Gebiete stehen, heutzutage unerfüllbar sei, da non einem modernen Rabbiner vor allem profanes Wissen verlangt werden müsse — diese Argumentalion können wir ans Schritt und Tritt hören Ja, ein Rabbiner, der zugleich groster Talmndist sei, wäre hier heutzutage nicht mehr „zeitgemäß" Es ist durchaus ein Irrtum, wenn man uns insinuiert, das; wir den einseitig talmudischen Standpunkt hervorkehrten; auch wir wissen, das; das moderne Judentum auf profanes Wissen Ansptnch erhebt. Rur ist auch dies bei den meisten Rabbinern, namentlich bei dem jüngeren Nachwuchs, sehr minimal bemessen. Eine leidliche Schulbildung macht noch nicht den universell gebildeten Mann, der eine Führerrolle beanspruchen dürste. In einer kleinen Gemeinde könnte man sich zur Rot mit einem solchen Material begnügen; Berlin hingegen nulst nach etivas Höherem strehen. klebrige,;s ist es entschieden unwahr, das; grosteS tal- »uidischeS und jüdisch -litterarischeS Wissen mit bedeutender universeller Bildung nicht vereinbar wäre; wir brauchen nur ans Geiger, Zacharias Frankel, S. D. Luzzatto, R. Krochmal und viele andere hinznweisen. Wahr ist nur, daß unsere (Gemeinden gegenwärtig so zusammengesetzt sind und verwaltet werden, das; für einen grasten, für einen wahrhaft großen Mann kein Platz ist, überhaupt für keinen selbständigen, originalen Charakter. Wir können nur Dutzendmenschen gebrauchen, einen ans der großen Herde, ivelcher den a;>4gefahrenen Weg des seichten KrähwinkeltnmS „unentwegt" fortwandelt. Der heutige Rabbiner darf weder iviffenschaftlich noch durch Gedankenreichtum hervorragen, ohne bei den Gemeindepaschas Anstoß zu errege». Und da sich kein Mann von selbständigei; Ansichten und von bedeutendem Wissen zu einer solchen Bedientenrolle hergeben null, so darf man sich nicht wundern, daß die Rabbiner-Institution immer mehr verkümmert, so das; man uns znrnfen kann: Ja, wenn Euch die Dntzendrabbiner nicht passen, so nennet nnS andere geeignetere Kandidaten. Es ist eine feststehende Thatsache, die selbst vv>; den; älteren Laienpnbliknm beklagt ivird, daß die jüdische Wissenschaft in; Ahsterben begriffe,;, wenn sie nicht bereits gestorben ist; aber das Wesen und die Ursache des ttebels will man nicht beim richtigen Rainen nennen. Ich habe viele Jahre hindurch über den Verfall unseres Geisteslebens nachgedacht und nach einer kurzen Forinel gesucht, nn; die Ursache dieses Verfalles präzis und klar zu bezeichnen. Ich glaube das Richtige getroffen zu haben, ivenn ich sage: das Grnndübel, der Krebsschaden des Jndentnms ist feine — D e m okratisiernng, um nicht einen andern, iveniger höflichen Ausdruck zu gebrauchen. Das Indenlnm ist das Glaubensbekenntnis einer Minderheit, und in dieser galt nur die vornehme Minorität. Selbst ii; de,; früheren Jahrhunderte!;, als das Geistesleben noch >;icht so tot war, wie ii; der traurige,; Gegeiuvart, gab es innerhalb der Jndenheit nur eine kleine Anzahl von Männern, welche aus dem Gebiete der theologische!; Studien eine Stimme haben durften; aber die große, unwissende oder halbwissende Menge trat auch damals bescheiden vor dieser geistig vornehinen Minorität zurück. Letztere gab in allen wichtigen Gemeindefragen, namentlich, wo es sich nn; Besetzung von Lehrui;d Rabbineräintcrn handelte, de,; Ton an, ganz gleich, ob sie sich ans reichen oder unbemittelten — arme jüdische Gelehrte konnte es damals gar incht gebe,; — Männern zusammensetzte. In gewissen Kreisen der Jndenheit von Berlin wird so viel Aufhebens mit MofeS Mendelssohn gemacht — gewiß, er nn; rein begabter, spinpathischer populär philosophischer Schriftsteller und erfreute sich in seiner Zeit mit Recht großen Ansehens. Und nun, Hand auf's Herz! Was würde heutzutage in den maßgebenden Kreisen von Berlin der Kommis Mendelssohn bedeuten? Bu der wievielt'.i; Million fängt den» heutzutagedie Kompetenz in jüdischen Fragen an? In unfern Tagen hat die Zahl der „Bielzuvielci;" zngenommen; die geistig vornehme Minderheit hingegen ist noch mehr znsammengeschmolzen. Das wäre aber noch nicht das Schlimmste, dein; wie sagt Moses Mendelssohn? Die Stimmen „wollen gewogen und nicht gezählt sein." Daß die Minorität gnantitativ abgenonimen, würde ja nicht schade», wenn sie nur qualitativ stark genug wäre. Aber heutzutage predigt man gerade dieser Minorität — Bescheidenheit. Es ist immer betrübend, wenn eine Rabbinerwahl stattsinden soll und fremde Rabbiner zu einem Gastspiel eingeladen werden. Es wirkt geradezu beschämend und deprimirend. Der Rabbiner soll geistig über die ganze Gemeinde hervor ragen, und da werden an fünfzehnhundert Herdenmenschen und ebensoviel Frauen eingeladen, ihr Gutachten über de» Kandidaten abzugebe». Offen gesagt, dies ist eine geistige Prostitution. Welcher bedeutende Mann kann in einer halben Stunde über die Fülle seines Wiffens und Könnens den Befähigungsnachweis erbringe,;? Und da,;,; vor wem? Glicht etwa vor Männern, die ihn verstehen würden, sondern vor einer viel köpsigen und — kopflosen Menge. Dieser Tage habe ich ein solches Gastspiel mitgemacht. ES war für „;ich ein Martyrium und ich habe nur bei der Sache eine schreckliche Migräne geholt. Doch dies nur nebenbei. Ich saß da in der Svnagoge und lauschte den Worten des Gastspielers, um mich wie eheden; Herder an einer Idee, falls eine zum Borschein konunei; sollte, zu erquicken. Da hörte ich hinter nur ein fertiges Urteil: „Heißt 'ne Geivnre von '»er Stimme!" Ich drehte mich nn; und schaute dem so weise Sprechenden in's Gesicht. Der Mai;,; gefiel mir sehr. Er war ans Pinne zugereist und wird es in Berlin weit dringen, wenn ihn; eine Spekulation in Kreditaktien gelingt. Er wird es auch weit bringen, wenn die Spekulation mißlingt. So oder so. Jedenfalls beeile ich nüch diesem „maßgebende,;" Mann der Zukunft war»; die Hand zu drücken, um nur sein Wohlwollen zu sichern. Ich hoffe, so Gott will, „leine Söhne in dem Studium der Gotteslehre und der jüdischen Wissenschaft zu erziehen. Wenn sie sich in diesen «Ltndien halbblind gelesen, haben sie Aussicht ans ein Prediger- oder Lehramt, falls ihnen inein neuer in Kreditaktien spekulierende Freund ans Pinne gewogen bleibt. Das sind trostlose Zustände und noch trostlosere Ans