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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-31 · 5 (31.1.1896) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. Seite 78. Islam das siegende Schwert und das andauernde KriegSglück. Wie wäre es demnach in einer Zeit des Streites wider die Religionen möglich, daß der JndifferentismuS epidemisch anftreten und nicht vielmehr auf einige sporadisch vorkommende Ausnahmen sich beschränken sollte '< Man pflegt dieser Argumentation für das Vorhandensein eines lebhafteren religiösen Interesses unserer Zeit entgegen zu halten, daß inan heutzutage mehr denn sonst die Frömmigkeit bloS affektiert, einen Fanatismus heuchelt, ohne wirklich davon besessen zu sein. Unsere Aristokraten, sagt inan, seien blos dem Liberalismus zum Trotze kirchlich, sie hoffen eben alle Feudalrechte, welche der Sieg freiheitlicher Ideen ihnen geraubt hatten, durch die Kirche wieder zu erobern. Tie Priester haben selbstverständlich ein materielles Interesse daran, daß die Kirche trinnrphiere, und selbst die bäuerliche Bevölkerung sei mehr ans Berechnung denn aus Glaubensinnigkeit der Kirche ergeben. Das sei in früheren Jahrhunderten, als Hrmderttausende unter dem Ruse: „Gott will es!" sich in das Elend der Kreuzzüge begaben, als Blutzeugen ihres Glaubens zu sterben, ganz anders gewesen. Allein auch hierin hat sich nicht das Geringste geäirdert. Immer waren es ganz materielle Rücksichten, welche den Priesterschaften die Gunst der Großen und der Menge verschafften. Hätte Heinrich IV. es verstanden die Sachsen zu befriedigen, ihm wäre die Schmach in Kanossa erspart geblieben, und von Hunderten der Kreuzzügler waren es kaum zehu, die der Glaube zu den abenteuerlichen Sarazenenkriegen trieb. Religion wurde immer mehr gemacht als wirklich gelebt, und die Scheinheiligkeit stand immer zur wahren Frömmigkeit in einem numerischen VerhältnisjJvie gleißendes, schlechtes Metall zu edlem Golde. Religionen können einmal nicht blos im Gedanken und in der Gesinnung leben, sie streben danach, im praktischen Leben sich zu verwirklichen, identifizieren sich dadurch mit materiellen Interessen und treten zu diesen in ein Verhältnis der Wechselivirkung, daß man mit der Zeit nicht mehr unterscheiden kann, wer der Herrscher und wer der Diener ist, wer blos dem andern aufrichtig ergeben ist, oder blos aus Eigennutz dem mächtigen Helfer Gesinnungslreue heuchelt. Jedenfalls aber ist in der Majorität der heutigen Generation ein religiöser JndifferentismuS nicht vorhanden. (Schluß*,folgt) Mm Kmpetmftmt. Bon Tr. Sinqer-Eoblenz*) Herr Staatsminister v. Bötticher hat in der ReichstagSsitzuna vom 24. Januar d. I. folgenden Satz ausgesprochen: „Daraus, daß ein Beamter verleumderische Artikel nicht berücksichtigt, geht keineswegs hervor, daß er den Thalbestand, der in diesen verleumderischen Artikeln enthalten ist, zugiebt." Im Sinne dieser Worte hatte ich die Absicht, die Insinuationen, mit denen ich infolge meiner Eingabe an den Herrn Kultusminister beehrt wurde, mit Stillschweigen zu übergehen. Wenn ich diesem Vorsatze untreu werde, so geschieht es infolge eines an mich ergangenen dringenden Wunsches und weil ich den mir persönlich unbekannten Herrn Bach wirklich für *) Wir erachten es als einen Akt der Gerechtigkeit, in dieser Nr. .verrn Tr. Linger allein sprechen zu lassenunsere Erwiderung, die sich nur mit der Lache desassen soll, folgt in nächster Nr. (Red). den Namenstrüger der mit „Bach" Unterzeichneten gegen mich in Nr. 4 dieser geschätzten Zeitung erhobenen Angriffe halte. Ich fühle in mir nicht die Neigung und den Beruf, mich etwa zu entschuldigen, ich sah und sehe all den Angriffen gegen mein Gesuch, dessen Inhalt ich heute noch Buchstabe für Buchstabe vollinhaltlich unterschreibe, mit Gleichmut entgegen, bauend aus die Gerechtigkeit der Sache. sJieuc Ideen haben sich, wie uns die Geschichte lehrt, noch nieinalS beim ersten Austauchen verwikklicht — eine von Mißbräuchen umgnrtete und aus JndifferentismuS ausgebaute Festung wird nicht beim ersten Ansturm genounnen — das mir ausgedrängte Martyriuni für mein Streben nach Ordnung ist umso erträglicher, als dabei anstatt Blutes nur giftgrüne Tinte verspritzt wird. Bei Absendung der Petition war ich mir bewußt, in ein Wespennest zu stechen; über den Erfolg derselben gab ia, mich nach Maßgabe der vorhandenen Gesetze nicht der geringsten Täuschung hin; ich mußte, daß die Lehrer unserer Gegend sich lieber von Vorständen tprannisieren lassen, als sich an einen Rabbiner anzulehnen, ich zweifelte nicht daran, daß die Herren Vorstände der Landgemeinden in ihrer überwiegenden Zahl von ihrer Omnipotenz ebensowenig zu gunsten eines Rabbiners, wie zu dein eines Lehrers auch nur das kleinste Titelchen freiwillig abgeben werden. Und dennoch ließ ich mich auf die Angelegenheit ein, nicht allein, weil ich schon häufig dem Vorwurfe begegnete, daß die Rabbiner für Anbahnung geordneter Zustüirde, wie sie in Süddeutschland heimisch sind, nicht den Finger rühren, sondern auch, weil ich mich bei Absendung der Petition im Einverständnis mit den Organen der hiesigen königlichen Regierung befand, ja sogar von ihnen direkt dazu aufgemnntert nmrde. Und da die bewegten Uebelstände thatsächlich vorhanden sind, war es gut so, und wenn ich nichts Faßbares erreiche, so werde ich soviel bewirkt haben, daß der Stein einmal ins Rollen geraten ist und die Frage nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet. Und nun zu Herrn Bach: Es lag mir fern, den Wert eines Elementar lebrer-Zeugniffes für den Religionslehrer zu überschätzen; ich kenne eine Anzahl sehr tüchtiger Lehrer, welche kein Seminar besticht haben, aber in ihren Leistungen hinter den ersteren durchaus nicht Zurückbleiben, ja sie zuiveilen überragen. Wenn ich jedoch damit zu rechnen gehalten bin, so geschieht es aus dem Grunde, weil die Staatsregierung die Absolvierung eines Seminars als die Mindestforderung zur Anstellungs-Befähigtlug für das Amt eines Religionslehrers in der Regel fordert, und darnach haben wir uns zu richten, was ja nicht ausschließt, daß die vorhandenen Lehrkräfte mit anderweitig erhaltener Bilditng gestützt und als gleichberechtigt anerkannt werden müssen. Eine Scheidung dieser beiden Kategorien ging ja nicht von mir aus, und ich brauche dieserhalb nur auf die bei Gründung des Verbandes der isr. Lehrervereine gepflogenen Verhandlungen hinzuweisen. Das Ansinnen, als hätte ich eine Ueberhebung über die Lehrer geplant, weise ich weit von mir zurück — ich betone eS mit Freuden, daß ich selbst Mitglied eines Lehrervereins bin, daß ich mit Eifer mich bemühte, diesen zu ehren, als ich ihm noch nicht als Glied angehörte und er in unserer Stadt tagte, und zugleich in einer Weise zu ehren, wie es ihm laut Anerkenntnis mehrerer Mitglieder in keiner anderen Gemeinde bis dahin vorgekoinmen mar. Darum werde ich ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeit einzelner meine Augen gegen die vielen an-

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