Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Io. 5. Jahrgang V. (|ü£ttt £1II t NerNn, 31. Januar 1896. Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „Deschurun". Herausgeber: A. tevin. Redaktion n. Vertag: Gr. Hamdurgerftrake 21. HeSffnet werktäglich von S—12. Gveu und frei! Bezugspreis vierteljährlich: Inland Mk. S,V0. * Ausland Mk. 2,50. Jost-Zeitungskist« Mr. 108. Die ,,ZSochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 16 Seiten (2 Bogen), der „Jeschurun" am Schlüsse jeden Monats mindestens 8 Seiten (1 Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsre Erpedition. Anzeigen werden mit 2» Afg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditiouen sowie unser Bureau nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. JitljrtU: Jndifserentismus. I. Zum Kompetenzstreit. Bon Dr. M- Singer. Die Rabbinerwahl in Berlin. II. Bon Dr- Bernfeld. Helle Lichtstreifen- — Vom Halbmond. Das Beth Ha-Midrasch- Von Dr. Ad- Jellinek- Schopenhauer und das Judentum- Von Robert Knttncr. Josef Nass!- Von Sam- Lobstein. Das Erwachen- Von Bernhard Loewenthal. Wochen-Chronik- — Briefu. Fragekasten. Kalender- — Anzeigen. Iiidiffmiltisiniis. I. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß die allgemein verbreitete Klage über den Jndifferentismus unseres Jahrhunderts in Religions- und Kirchensachen im allgemeinen unbegründet ist. Fast wäre man versucht, das Gegenteil zu behaupten und der Gegenwart im Vergleiche mit ihrer unmittelbaren Vorgängerin ein lebhafteres Interesse für die Lösung der metaphysischen Probleme zuzuerkennen. Die Atheisten wie die Verfechter des Materialismus befinden sich in einer verschwindend kleinen Minorität, die sich seit dem 18. Jahrhunderte sogar noch verringert hat. Die Religionsmüdigkeit von ehedem ist nicht mehr vorhanden und die Vehemenz, mit welcher der Krieg zwischen Staat und Kirche in Deutschland, Italien, zum Teil auch in England und Frankreich noch vor kurzem geführt nwrden, lehrt uns sattsam, daß man in keinem der Lager sich indifferent verhalten will noch kann. Die Religion hat in den Massen des Volkes noch riesige Gewalt, genießt in gebildeten Ständen hohes Ansehen, sie ist sormidable, wenn sie mit materiellen Interessen nicht kollidiert, und unüberwindlich da, wo die materielle Existenz an die ihrige sogar geknüpft ist. Der religiöse Jndifferentismus lebt nur in den Wünschen einiger blasierter Großstädter, aber nicht in der Wirklichkeit des Zeitbewußtseins. Es waltet hier dieselbe optische Täuschung wie in so manchen Sphären ob, daß man eine Erscheinung, die man lebhaft begehrt, auch in der Thal wahrzunehmen vermeint. Die positiven Religionen glaubt nur derjenige in der Auflösung begriffen zu sehen, dem es unbequem ist, sich von der Mitwelt isoliert zu wissen. Wo wäre dann der Herd des religiösen Jndifferentismus? Hoher und niederer Adel, die Masse der bäuerlichen Bevölkerung und des Kleingewerbes, sie" gehen fast alle mit den Priestern, der Kaufniannsstand nimmt gern aristokratische Manieren an, die Vertreter der Intelligenz sind zum Teil die Priester selber, zum andern Teile Agnaten und Klienten der Priesterschastem - Geht nun einmal ein Philosoph seine Strauß'schen oder gar Schopenhauer'schen Bahnen, wandelt ein problematischer Naturforscher als Kraststoffler durch das Leben, so stößt er auf ebenso lebhaften Widerspruch des Zeitbewußtseins, wie er einen solchen in den Jahrhunderten der Kreuzzüge in nicht heftigerem Grade erfahren hätte. Daß man heute, keine Ketzer mehr verbrennt, ist allerdings wahr. Man hat eben den Brauch entwildert, es herrschen mildere Sitten, aber dem Wesen nach bleibt es sich gleich, wie eine Meinung justifiziert und ihre weitere Verbreitung gehindert wird, ob durch Rad und Galgen, ob durch Isolierung ihres Urhebers. Dian ist eben klüger geworden und hütet sich, den Gottesleugnern zu einer Märtyrerkrone zu verhelfen, und versichert sich dadurch eines rascheren Verschwindens ihrer Haeresien. Hätte man den Verfasser von „Alter und neuer Glaube" in den Kerker geworfen, in eiserne Ketten geschmiedet oder gar auf die Tortur gespannt, um ihn zum Widerrufe zu zwingen, er wäre heute sicherlich schon heilig gesprochen und die ganze gebildete Welt schwöre beim heiligen „Strauß". Es ist eben ein barmherziges Ding, das menschliche Herz, und wo es jemand für dessen Meinung leiden sieht, da fühlt es nicht nur für den Märtyrer, sondern für dessen Ansicht Sympathie, und macht oft den eigensten Verstand rebellisch. Wer spricht heute noch von Strauß' „Alter und neuer Glaube?" Das Buch ist vergessen, weil kein Scheiterhaufen dafür Propaganda gemacht hat. Wäre dem Verfaffer auch nur ein Haar gekrümmt worden, sein Buch hätte so viele Anhänger gefunden, wie ehedem ein gemaßregelter Bischof in Deutschland oder ein landesverwiesener Vikar in der Schweiz. Die streitenden Kirchen werden nie so viele Freunde gewinnen wie die leidenden, und keiner hat dem Liberalismus so viel Vorschub geleistet wie die Reaktion, die ihn so schwergedrückt hatte. Nicht der Lebende hat recht, aber auch nicht der Tote — wohl aber der Duldende, der Gekränkte. Die Marterwunden, die Passion, die Kreuzigung des Stifters haben dem Christentum mehr Nationen erobert, als dem