Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-24 · 4 (24.1.1896) · p. Seite 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 72 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609779--1120-9609795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 72. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 4. — Antisemitismus in der Schweiz. Der Berner „Bund" schrieb dieser Tage: „In letzter Zeit will sich der Antisemitismus bei uns regen; auf unseren Redaktionstisch flattert ein kleines Fetzchen Papier, auf dem eine sogenannte „Verbrechen- Statistik" steht, die — nicht etwa die Verbrechen — sondern die Anklagen auf die Konfessionen verteilt und herausfindet, daß die Katholiken prozentual verbrecherischer angelegt sind, als die Evangelischen, die Juden aber wahre Scheusale von Delinquenten. Woher diese Statistik kommt, aus welchem Lande, wie die Gruppierung vorgenommen ist u. s. w. verschweigt das Blättchen sorgfältig. Es wird uns aber versichert — und das veranlaßt uns, die Sache niedriger zu hängen — daß diese „Statistik" von Herisau aus in Tausenden von Exemplaren verbreitet werde. Wir glauben zwar nicht, daß bei dem Bildungsniveau unserer Bevölkerung diese plumpe, aus Norddeutschland importierte Agitation Erfolg haben wird; es liegt aber im Jntereffe der Erhaltung des konfessionellen Friedens, auch den Anfängen zu wehren; wir bitten deshalb alle, an die solche Machwerke gelangen, uns davon Mitteilung zu machen und womöglich den Absender zu nennen. Im Licht der Oeffentlichkeit wird man die Gesellen bald erkennen, die dahinter stecken." Auch wir teilen diesen Wunsch, aber weniger das Vertrauen in seine Erfüllung. Wer mit angesehen hat, was systematische Verhetzung verinag, der bringt den Vertröstungen auf den gesunden Sinn und die erlesene Bildung nicht so viel Vertrauen entgegen. Wohl aber möge man durch Verbreitung von Flugblättern und Schriften die antisenritischen Lügen aufdecken. — Bischof Reinkens über den Ritualmord. Ter kürzlich in Bonn verstorbene altkatholische Bischof Tr. Josef Hubert Reinkens richtete seiner Zeit an den Oberrabbiner Leopold Lipschitz in Abanj-Szanto das folgende Schreiben: „Ihr geschätztes Schreiben beantwortend, bin ich genötigt, in Konsequenz meiner Ueberzeugung meinem tiefsten Bedauern darüber Ausdruck zu leihen, daß sich auch in der Gegenwart — nachdem die historische Forschung jene Anschauungen längst über den Haufen geworfen und als entschieden falsch klargestellt hat, welch» im Mittelalter die Folgen blinden religiösen Fanatismus gewesen sind — noch immer Individuen finden, welche das alte Märchen auffrischen und zum Vorwand nehmen, um gegen die Mitglieder jüdischer Konfession aufzureizen und dieselben zu verfolgen. Ich bin genötigt, meinen Abscheu über diese Vorgänge auszusprechen, welche nur Schmach über diejenigen bringt, die den christlichen Rainen führen, durch ihre Thaten aber beweisen, daß sie dieses 'Namens unwürdig sind, der ihnen zur Pflicht machen würde, ihre Nächsten zu lieben wie sie sich selbst, und die wissen müßten, daß die Grundsätze und die Moral der christlichen Religion in denselben Zehn Geboten enthalten sind, die aus der jüdischen Religion übernommen wurden. Ist doch auch der Begründer der christlichen Religion seiner menschlichen Natur nach aus dem jüdischen Volke hervorgegangen, und er bezeugte selbst der Samaritanerin gegenüber: Das Heil stammt von den Juden! (Johannes IV, 22.) Deshalb ermahnt der Apostel die Ehristen in Rom: Seid nicht stolz gegen die Juden, die auch nach dem Standpunkte der Christenheit der göttlichen Offenbarung teilhaftig sind! (Roma XI, 18.) Ich ermächtige Sie, von diesem Briefe beliebigen Gebrauch zu machen. Dr. Joseph Hubert Reinkens." — Nachtrag. Aus dem uns übermittelten offizielleu Berichte über die letzte Sitzung der Wiffenfch. Vereinigung jüd. S ch u l m ä n n e r zu Berlin tragen wir noch folgendes üach: „Bevor in die eigentliche Tagesordnung eingetreten wurde, machte der Vorsitzende einige geschäftliche Mitteilungen, deren interessanteste einiges aus der Delegiertenversammlung zur Gründung des D. I. L. B. berichtete. Vor allem wurde die rege Teilnahme und warme Herzlichkeit, mit der die Delegierten die Beratungen pflogen, gerühmt und hervorgehoben, daß jeder dieser Herren gern kleinere Wünsche zurücktreten ließ, um das Ganze nicht zu gefährden. Der Vorstand des neuen Bundes wurde auf vorläufig nur ein Jahr gewählt. Bis dahin soll noch etwa fernstehenden Vereinen der Eintritt in die Allgemeinheit erleichtert werden, und zwar auch dadurch, daß Vereine, die nicht die festgesetzte Mindestzahl staatlich geprüfter Lehrer besitzen, sich in der im Dezember dieses Jahres stattsindenden endgiltig beschließenden Delegierten Versammlung durch einen Delegierten vertreten lassen können. — Hierauf verliest der Vorsitzende ein an unsere Vereinigung gerichtetes Dankschreiben des Lehrers Herrn Blumenseld-Adelebsen und teilt noch mit, daß ein zweites Mitglied unserer Vereinigung, Oberlehrer Dr. Blaschke, als Vertreter des D. I. G. B. in den Vorstand des Lehrerverbandes gesandt ist." — Dem vom 1. Schriftführer erstatteten Jahresberichte entnehmen wir die Daten: „Die Zahl der Mitglieder ist im steten Wachsen begriffen. Die statutenmäßig bestimmten Versammlungen sind abgehalten worden, und fanden noch außerordentliche Sitzungen statt. Wissenschaftliche Vortrüge und Referate wurden von den Herren Traubenberg über: „Eine Lücke in der jüd. Unterrichtslitteratur", Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld: „Die Methode des religiösen Unterrichts, besonders des bibl. Geschichtsunterrichts", Klein: „lieber Moral und Religion" gehalten. Hieran schloß sich noch ein Referat des Kollegen Flanier über einige Religionsbücher, Referate, die sich mit der Stellung der israelitischen Lehrer und Lehrerinnen beschäftigten, hielten die Mitglieder Dr. Adler, Fiegel und Remak. Auch in den zwanglosen Zusammenkünften wurde neben kollegialer Geselligkeit die Arbeit eifrig gepflegt. — An besonderen geselligen Veranstaltungen ist ein gemeinsamer Sommerauüflug und der zu Ehren der Herren Delegierten abgehaltene Kommers zu erwähnen. Aus allein diesen ergiebt sich, daß die Vereinigung im vollsten Maße ihre Pflicht erfüllt hat, nämlich, ihre Mitglieder wissenschaftlich zu fördern, Fragen, die uns als israelitische Lehrer interessieren, in Erwägung zu ziehen und Kollegialität zu pflegen. Das erste Jahr har die Lebensfähigkeit unserer Vereinigung glänzend erwiesen; Glück aus zum zweiten!" — Konfessionelle Uebertritte in Rußland. Die orthodoxe Kirche macht in den baltischen Provinzen unaufhaltsame Fortschritte; so sind in dem Zeitraum von 1875 bis inklusive 1894 allein in Livland 11114 Personen zur orthodoxen Kirche übergetreten. Die Uebergetretenen gehörten fast ausschließlich der lutherischen Kirche an; in den letzten Jahren mehrt sich auch die Zahl der ausländischen Unterthanen, welche die orthodoxe Religion annahmen. So sind allein in Riga in dem Jahrzehnt 1881 bis 1890 50 preußische Unterthanen übergetreten. Daß Juden übertreten, ereignet sich trotz der großen Vorteile, welche sie dadurch erwerben, nur sehr selten! — Eine Weiherede. Aus London wird der „Franks. Ztg." berichtet: Von Präsident Krüger, der in letzter Zeit im Vordergrund des politischen Tagegesprächs stand, zirkuliert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.