Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 70 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 4. ihn sonst nichts erreichen, als daß sie jene Inquisitoren, ■ welche ihnen ihre Fürsprache und Hilseleistung versprachen, mit einigen Tausenden von Goldstücken bereicherten. Nach einigen Tagen forderte man Gattin und Sohn des Verurteilten aus, am „Place Major“ unverzüglich zu erscheinen, damit sie an der Verbrennung des ketzerischen Gatten und Vaters ihre Augen weiden lassen können, und ward ihnen gedroht, im Falle des Nichterscheinens ihnen ein Stelldichein mit dem Verurteilten im Jenseits zu geben. Es war am 2. August 1541, als am „Place Major“ dem größten öffentlichen Platze Lissabons, eine ungeheure Volksmenge den Beginn der heiligen Zeremonie erwartete. Wohl gehörte die Verbrennung von Ketzern nicht zu den Seltenheiten der frommen Liffabvner, immerhin kann man des <§dlen und Guten ja nie genug schauen; und die Lissaboner fanden an dieser Zeremonie soviel des Edlen und Guten, daß sie oft nach fernen Städten pilgerten, um die Dpser der „heiligen" Inquisition flackern zu sehen. Zwei der Inquisitoren nahmen auf einer Erhöhung Platz, welche Inquisitions-Soldaten, Geistliche, Mönche und sonstiges Gelichter umstanden. Diesen gegenüber erhob sich ein Holzstoß aus der Mitte zahlloser Reisigbündel, welche die Henkersknechte der Inquisition umringten; so weit das Auge reichte aber nahm die nach Tausenden zählende Volksmenge ein. Beim Herannahen der Gattin und des Sohnes des Verurteilten erdröhnten die Glocken, die düsteren, klagenden, himmelerdröhnenden Töne schienen die Menschen anzuklagen, daß sie sühlloser seien denn Erz. Trommewirbel und Trompetenstoß verkündeten, daß der Verurteilte den Kerker verlasse. Was mochten es für Gefühle sein, die in diesem Augenblicke das Herz der Gattin und des Sohnes durchschauerten! Möge ähnliches ein Menschenherz nie durchfühlen! Der Zug, der an dem eben beschriebenen Schauplatze anlangte, schien mit allem, was dem Menschen edel ist, Spott zu treiben. Er beleidigte alles, was menschlich ist. "Nicht einmal der Schein des Ernstes war wahrnehmbar. Keine Spur des Mitleides, was selbst dem zum Richtpfahl geführten Muttermörder nicht versagt wird, ward ersichtlich. An der Spitze des Zuges schritten, mit verschiedenen Musikinstrumenten versehene Inquisitions-Soldaten, diesen folgten Kapuziner mit Heiligenbildern in den Händen, Freudelieder anstimmend, tanzend und hüpfend. Nachher folgten vier Berittene in Harlequinstracht, die mit ihren Peitschen den Verurteilten, der in ihrer Mitte aus einem Esel gefesselt war, unaufhörlich regalierten. Gern hätten Mutter und Sohn ihr Augenlicht hergegeben, ersparte man ihnen diesen entsetzlichen Anblick. Der vor kaum zwei Monaten noch starke, muskulöse, vor Gesundheit strotzende 'Mann von 45 Jahren sah einem Skelette gleich. Sein Haupt war kahl, die Augen — gleich denen eines Toten — sah man aus ihrer Höhlung kaum heraus. Die Beine waren zerschmettert, die Zähne entfallen, und seine Füße von den spanischen Stiefeln erstarrt. Aber auch der Anzug des Verurteilten war nicht danach angethan, den schmerzlichen Eindruck, den seine herabgekommene Gestalt aus die Seinen ausgeübt, zu mildern. Ein mit Schellen und Eselsohren ausgestattete rotgelbe Kappe, ein Strohgürte!, und Halsband, ein langer, roter Mantel,! den eingestickte Höllenszenen zierten, war seine Kleidung. l Auf einen Wink des Großinquisitors nahm man den Verurteilten vom Esel herab, doch war er nicht imstande, aufrecht zu stehen. Er brach zusammen. Einer der Inquisitoren erklärte diesen Umstand dahin, daß die heiligen Jnquirierungen auf die Seele des Verurteilten dermaßen eiuwirkten, daß er nur auf den Knien vor seinen Richtern erscheinen wolle, was, meinte er, eine sehr erfreuliche Thatsache sei. 'Nun forderte ihn der Großinquisitor auf, seine Sünden vor Gott und dessen Erwählten einzugestehen, daun werde er, der Großinquisitor, beim heiligen Petrus Fürbitte thun, nach Jahrzehnten seine sündhafte Seele ins Paradies einziehen zu lassen. Paul Miguez hatte keine Antwort. Paul Miguez war ein Toter. Nur sein Körper lebte noch, sein Geist jedoch war schon ermordet. Der Großinquisitor erhob sich, worauf alles in die Knie, sank und die Hände zu inbrünstigein (Gebete faltete. Nur Paul Miguez konnte nicht beten. Zwei Sbirren zwangen ihn den Scheiterhaufen hinan zu rutschen, denn des Gehens war er vollkommen unfähig. Er wurde auf den Scheiterhaufen gestellt, und an den Holzstoß gebunden. Das Urteil, kraft dessen P. Miguez den Scheiterhaufen verdiente, ward verlesen. Der Großinquisitor brach den Stab und der Scheiterhaufen wurde angezündet. Die trockenen Reisige bewirkten die rasche Verbreitung des Feuers und bald brachen die Flammen in nächster "Nähe Miguez' aus. Und schon leckten sie, riesenhaften Schlangenzüngen gleich, an Miguez Leibe, da, in Mitte der qualvollsten Schmerzen, drangen aus dem Feuermeer heraus die himmelerschütternden Worte: Josef! inein Kind! (Fortsetzung folgt). Wochen -cLhronik. Berlin, den 22. Januar. Berliner und allgemeine Nachrichten. — Die Probevorträge in Berlin werden fortgesetzt. An diesem Sabbat wird Herr Dr. Littmann aus Zürich (früher in Elbing) vorm, in der Neuen und nachm, beim Jugendgottesdienst in der Synagoge Lindcnstraße predigen. Wir halten diese Probevortrüge für völlig zwecklos, da mit dem Amtsantritt der neugewählten Repräsentanten auch alle Kommissionen aufgelöst und neugewählt werden müssen. Die Rabbinermahlkommission wird demnach ebenfalls neu zu wühlen sein und ein anderes Gesicht bekommen. Diesem Gesichte entsprechend wird auch das innere Aussehen der Kandidaten für den vakanten Rabbinerposten sein müssen. — Die Wahl der neuen Repräsentanten soll behördlicherseit bestätigt sein, allein von einer Einführung derselben in ihr Amt ist noch nichts zu hören. Wie uns mitgeteilt wird, hat Justizrat Theod. Heymann die Annahme der auf lhn gefallenen Wahl ab gelehnt. An seine Stelle tritt Professor-Dr. Ad. Baginsky, der wie fein Vorgänger, der Kandidatenliste des Zentralvereins angehört. — Eine Religionsstatistik, die aus sorgfältiger Benutzung der besten zur Zeit vorhandenen Quellen beruht, hat jüngst A. H. Keane veröffentlicht. Hiernach betrügt (in Millionen) die Zahl der Christen: in Europa 348/4, in Asien, 19,5, in Afrika 5,1, in Amerika 116,0, in Australien 4,0, zusammen 492,9. Darunter flieht es: Römisch-Katho-