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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-24 · 4 (24.1.1896) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 69 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 4. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 69. Was nun diesen Punkt der Solidarität anbetrifft, so meine ich, daß der Verfasser mit seiner Behauptung ein wenig über das Zutreffende hinausgcgangen, denn sogar selbstlos angelegte Naturen hat die menschliche Gesellschaft im allgeineinen nicht aufzuweisen und kann es auch nicht, da es immer etwas für sie giebt, wodurch ihr Dasein überhaupt bedingt ist und ihre Interessen notwendig einmal in Kollision bringen muß, solange die sehnlichst erhoffte Rückkehr des goldenen Zeitalters, in welchem der Wolf und das Lamm friedlich nebeneinander weiden werden, im Ausstande bleibt. Dagegen ist es allerdings Thatfache, daß den Juden, wenn auch leider heute nur noch in recht abgeschwächtem Maße, das Gefühl der Religions gen offenschaft innewohnt. Ist es aber in dem Leben der Völker eine so seltene Erscheinung, daß solche Genossenschaften und solch' festes Zusammenhalten derselben überall da, wo sie in der Minderheit oder bedrängt sind, sich herausbilden? Wie war es denn mit den ersten Christen jn Rom, die zum größten Teil dort cingewandert, bestellt? Wie war es mit den Protestanten in England unter der katholischen Maria 1555/58? (Fortsetzung folgt.) Feuilleton., loftf Ml Aus bcitt Ungarischen non Saun Lobstein. Aus der Geschichte der türkischen Juden ragt eine Gestalt empor, die sowohl unsere Sympathie als unsere Bewunderung verdient. Don Josef Rassi ninnnt in der Geschichte der Juden unter den ausgezeichnetsten Heroen seinen Platz ein. Seine in des Lebens llngemach bewiesene unerschütterliche, eiserne Willenskraft, seine vielseitige Gelehrsamkeit und sein scharfer Geist; seine Meisterschaft der Rede, Staunen erweckende Kühnheit und Mannesschönheit, machen dessen Gestalt hoch emporragen. Er ward 1519 in der Hauptstadt Portugals, in Lissabon geboren. Sein Va'er, ein ungemein reicher Maranne, ließ ibm eine ausgezeichnete Erziehung zuteil werden. Marannen wurden bekanntlich jene spanischen und portugiesischen Juden genannt, welche 1492/ als Ferdinand der Katholische in einem Erlaß sie aufforderte, entweder auszuwandern, oder den katholischen Glauben anzunehmen — aus Liebe zu ihrer Heimat dem Scheine nach sich bekehrten, im Herzen aber an dem Glauben ihrer Väter hingen. Derartig organisierte Christen werden aus 200000 angeschlagen; ein großer Teil der letzteren heiratete aus den aristokratischesten Familien und ging später vollkommen im Christentume aus, so daß mau kühn behaupten kann, Spaniens und Portugals edelstes Blut vermischte sich ' mit demjenigen der Juden. Diesbezüglich ist eine Antwort des Ministers Pombal, die derselbe dem heißblütigen König Dom Jose von Portugal erteilte, als letzterer ihm befahl, die Stammbäume des .Adels zu durchsorscheu und jenen Teil desselben, in dessen Adern jüdisches Blut flöße, zum Tragen spitzer Hüte zu verhalten, bezeichnend. Denn zum größten Erstaunen des Königs erscheint des andern Morgens der Minister mit drei Spitzhüten wohl versehen und spricht: „Dem Befehle Euer Majestät gehorchend, durchforschte ich die Heraldik Portugals und resultierte diese drei Hüte: Der eine ist für Euer Majestät, der andere für Sr. Eminenz den Kardinal-Erzbischof von Lissabon, der dritte endlich für meine Wenigkeit — den unterthänigsten Diener Euer Majestät bestimmt". Der größere Teil der Marannen hütete jedoch treu den Glauben seiner Ahnen und übertrug ihn auf die Nachkommen. Natürlicherweise in größter Geheimhaltung. Ein Scheusal jedoch, das blutgieriger als ein Tiger, tückischer als eine Schlange und herzloser als diese beiden mar die Inquisition, erspähte selbst diejenigen, welche blos in Gedanken mit ihren: alten Glauben sympathisierten; verdächtigte selbst solche, die fromme Christen geworden waren, wenn letztere ein großes Vermögen oder eine schöne Frau besaßen. Solche Marannen beschlossen gewöhnlich aus dem Scheiterhaufen oder auf der Folterbank ihre Lebensbahn. Josef Nässt (mit dem pseudo-christlichen Namen: Johann Miguez) war 21 Jahre alt, als sein Vater Paul Miguez (Simon Nassi) vor das Jnquisitions - Tribunal in den „Schwarzen Saal" vor die Richter mit noch schwärzerer Seele geschleppt ward, angeklagt, die Heiligenbilder nur mit Widerwillen geküßt und sich allmorgentlich in sein Gemach eingeschlossen zu haben, wo er anstatt des „Pater noster“ und des „Ave Maria“ wahrscheinlich das hebräische Schema bete. Zwei Zeugen bekräftigen dieses mit ihrenr Schwure. Der eine Zeuge war Miguez' ehemaliger Kutscher, der Mönch geworden, der andere des Angeklagten weggejagte Köchin. Paul Miguez leugnete standhaft die ihm zur Last gelegte Ketzerei, und so sah das „heilige" Tribunal sich gezwungen, ihn der Tortur zu überantworten. Was nun mit dem Unglücklichen geschah, ist empörend, grauenerregend! Breiten wir einen Schleier der Vergessenheit aus diesen Schandfleck der Menschheit, oder wir sind versucht, uns dessen zu schämen, daß auch wir gleich den Vollstreckern jener Gräuelthaten das Ebenbild Gottes sind! Zwei Monde verstrichen, seitdem P. Miguez vor das Inquisitions-Tribunal gestellt wurde. Seine physische und moralische Kraft war so groß, daß selbst die qualvollsten Martern nur nach Verlaus von zwei Monaten ihn gänzlich zn brechen imstande waren. Tie Inquisitoren verstanden ihr Handwerk wohl, das ist unleugbar. Sie wußten jedem solche Geständnisse herauszupressen, welche ihnen der Großinquisitor vorschrieb. Auch Miguez leugnete nicht länger, und ward nun von den unbeschreiblichen Martern befreit; sogar ward ihm von dieser Stunde an eine gewisse Schonung und bessere Behandlung zuteil, denn zur größeren Verherrlichung des Allgütigen und Allbarinherzigen war es ja erheischt, die Todesqualen des auserkorenen Opfers je länger und martervoller zu gestalten, damit es nicht leicht und jählings aus dem Scheiterhaufen ende. Infolge seines Gesiänduisses ward Miguez zum Feuertode verurteilt. Seine Gattin, die geistvolle und schönheitsstrahlende Albalja Girjam, (Maria Lapouza) und sein Sohn Jos. Nassi, wandten alles an, um ihn zu retten. Doch konnten sie für

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