Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 68 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite nicht unbekannt sein konnte, so ist es unerfindlich, weshalb er den AhasveruS die Wanderung erst von Golgatha aus antreten läßt; es sei denn, daß es ihm, dem Wahrhcitsforscher, darauf ankam, grade hier eine mystische Ursache anzunehmen, wo die natürliche bei der Hand war. Sittlich nicht sehr geläutert, aus dem babylonischen Exil in das Heimatland zurückgekehrt, konnten es die Judäcr nicht wieder zu einer Festigung ihres kleinen Staatswesens bringen. Von benachbarten Völkern rings herum bedrängt, und durch innere Parteiungen zerklüftet, rief es Rom zuin Schiedsrichter in sein Land, um sich durch Rom schließlich das Grab seiner politischen Existenz bestellen zu lasten. Aber Rom, das bereits große Reiche der ihm bekannten Welt zertrümmert, und mit einem eisernen Gürtel umgeben, war eine Zeit lang in Gefahr, an den Mauern dieser „kleinen Winkelnation" sein militärisches Prestige zum Teil mit ins Grab sinken zu sehen, und: „augebat iras, quid soli judaei, non cessissent“, (Tac., Hist. Y. 10) es reizte seinen Zorn, daß grade dieses kleine Volk seinen Widerstand nicht ausgeben wollte. Rach einem Kampfe, wie ihn die Weltgeschichte gleich heldenhaft und hartnäckig nicht oft darzustellen hat, einem Kampfe a l’outrance und bis auf den letzten Mann, einem Kampfe, dessen letzte Gluten nach sieben Jahren kaum erloschen, erlag endlich das kleine Judäa der gewaltigsten Militärmacht der alten Welt. Aber überall da, wo seine Expatriierten, ihren Gott im Herzen, wie einst Aencas eine neue Heimat aufsuchten und fanden, verstanden sie es, sich geistig lebendig zu erhalten und „durch Thätigkeit und Fleiß, in Verbindung mit Nüchternheit und Mäßigkeit (Josephus c/a Apion) sich dem Gemeinwesen nützlich zu machen. Das scheinen mir die natürlichen Gründe dafür, daß sie heimatlos in der Fremde umherirren, und deshalb ist es auch durchaus nicht wundersam, daß diese „Winkelnation", nachdem sie jetzt seit fast 2000 Jahren untergegangen, noch fortbesteht, währenddem so viele glorreiche Völker, wie Asiprer, Meder, Perser, Egypter u. s. w. zur ewigen Ruhe eingingen. Gleich nach ihrer Ansiedelung in Alexandrien bildeten sich dort ihre Philosophenschulen zu immer größerer Bedeutung heraus, und in Rom finden wir sie in den ersten Jahrhunderten n. d. ü. Z. in einem Umfange an der Staatsverwaltung beteiligt, wie dies heute noch, nach Verlaus von mehr als 1600 Jahren in manchen Staaten der Intelligenz nicht der Fall ist, bis unter Konstantin d. Gr. die „christliche Liebe" als die allein seligmachende sich eingesührt und die bis dahin geübte Toleranz ablöste. Nirgends jedoch läßt sich bei diesen heimatlos in der Fremde Umherirrenden die von unserem Verfasser behauptete Schwermut und ein Verlangen nach „Erlösung von diesem Erdenleben und seiner Last" bemerken, und wer von der Großartigkeit der jüdischen Litteratur, wie sie sich seit dem Untergänge Judäa's bis durch das Mittelalter ausgestaltet, wer nur irgend welche Kenntnis von ihren, die verschiedensten Fachwissenschaften behandelnden Schriften hat, wer einen kurzen Gang durch den in voller Farbenpracht prangenden Garten ihrer Poesie machte, wird schwerlich zu überzeugen sein, daß diese „gens extorris“ zu der Lehre sich bekannten, „diese Welt sei die schlechteste von den möglichen und das Leben ohne Wert." Allerdings ist ihnen im Zuge der Zeiten das Dasein mitunter recht, recht sauer gemacht worden, ober überall und zu allen Zeiten gab es Menschen, denen die Fähigkeit nicht ganz abhanden kam, ihren Nebenmenschen nach Gebühr zu achten, unbekümmert darum, wie er in der Bibel liest, und sie auch wegen des auf geistigem und materiellem Gebiete Erzeugteil nicht anzufeinden. Und so konnten sie cs im übrigen mit dem Grundsatz halten „nee aspera terrent“, was ich in mein geliebtes Deutsch frei übersetze: solch kleine — Ungezogenheiten genieren mich nicht. Doch auch zu anderen Dpfern waren sie bereit, wo es sich um etwas mehr handelte, als „pro ara (4 foeis“, also für irdische Güter zu kämpfen und wenn es daraus ankam, ihren Gott und ihre Abstammung zu bekennen, zogen sie es vor, uni’ ja auch manch' hohe Gestalten der neueren Konfessionen, eher durch Feuer und Schwert den leiblichen Tod zu mählcu und dem moralischen zu entgehen, den heute noch niailch' weichgeschaffene Seele vorzieht, durch Hingabe eines seiner idealsten Güter, wenn die Kraft und der Blut versagt, durch eigenen, inneren Wert sich sieghast zu machen, und sich für ihr Stammbuch die Virgilsche Widmung zu verdienen: „Gemeine Seelen wird das feige Herz verklagen." (Virg. Aen. IV 15.) In fortgesetzter Ausführung hält es unser Verfasser für grundfalsch und auf ein Jrreleiten berechnet, wenn inan die Juden heute als „Konfession" und nicht vielmehr als „jüdische Nation" betrachtet. Gemeinhin versteht man nun unter Nation eine durch Geburt, Sprache, Sitte, Gesetz und Recht nach innen und anderen Nationen gegenüber sich darstellende Volksgemeinschaft, und jedes Glied derselben als zu ihrer Nationalität gehörend. Wenn nun, wie ich nicht bezweifle, diese Definition zutreffend ist, so muß man sich fragen, auf welchen von beiden Erdhälften der Verfasser seit etwa 1800 Jahren eine jüdische Nation entdeckt haben mag. Auf der Karte sicherlich nicht, aber er suchte und fand sic richtig in seinem Jdeengange, wo er sie mit den Worten nachweist: „Das Vaterland des Juden sind die — übrigen Juden", und dagegen läßt sich vielleicht von seinein Standpunkte nichts einwenden. Aber ich möchte mich nicht in die unglückliche Situation hineindenken, dem Verfasser bei seinen Lebzeiten gegenüber gestanden und ihm bemerkt zu haben: „Sie, Herr Schopenhauer, ich habe da ein wenig in Ihre Sachen hineingesehen und in den Grundgedanken derselben so manche Aehnlichkeit mit den Ihres Freundes Hegel gefunden." Da wäre ich schön angekommen! „Wie? Sie wollen meine Lehren, meine schöne blanke Axiomata dem „Philosophendusel dieses Philosophasters" gleichstellen — eines Mannes, der sich damit begnügen mußte, an der Berliner Universität zu lesen, der i ch den Rücken gekehrt, um mich von meinen Zuhörern nicht langweilen zu lassen! Allerdings ist unsre Thätigkeit dem gleichen Gebiete zugewandt, aber wie ganz aitberö als in seinem, malt sich die Welt in meinem Kopfe." „Wenn ich Sie also, Herr Schopenhauer, recht verstehe, wollen Sie sagen: meine Ansicht sei etwa so absonderlich, als wenn man behaupten wollte, das Katheder des Herrn Schopenhauer — sind die übrigen Philosophen." Das Vaterland des Juden, so lehrt er also, sind die übrigen Juden, und von lebhaftem Patriotismus für diese ihre Nation beseelt stehen sie da, alle für einen, und einer für alle und charakterisieren sich durch ein festes Zusammenhalten.