Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 67 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 67. Rituale Zusammenhänge, haben selbst jene Schriftsteller nicht behauptet. Bei der Besprechung der Rasseneigentümlichkeiten seien Eigenschaften der Juden angeführt worden, welche, wenn sie alle Juden besäßen, dieselben allerdings zu höchst unangenehmen Mitbürgern machen würden. Der Angeklagte habe gesagt, er habe diese Reden gehalten, weil er von seiten der liberalen Zeitungen gereizt wurde, darauf habe der Staatsanwalt erwidert, daß die Kanzel nicht das Mittel sei, aus Journal-Artikel zu antworten. Ter Vorsitzende schließt mit folgendem Satze: „Ihre Aufgabe ist nicht, eine politische Meinung zu vertreten, Ihre Aufgabe ist eine weit wichtigere und edlere, nämlich die: unbefangen, ohne Haß und Voreingenommenheit zu entscheiden, ob das Gesetz verletzt wurde." Rach kaum viertelstündiger Beratung kehrten die Geschworenen in den Saal zuriick. Ihr Obmann Vinzenz Vollhofer verkündete das Verdikt. Die Schuldfrage wurde einstimmig verneint. (Rufe: Bravo!) Der Präsident verkündigte hierauf den Freispruch. Dr. Deckert verneigte sich dankend vor dem Gerichtshof und den Geschwornen. SchHriihmr uitii das liiiinitiiin. Von It. K. Non scholae, sed vitae discinms. Arthur Schopenhauer hat bei dem deutschen Volke seine Karte auch als Popularphilofoph abgegeben; d. h. er hat das Verständnis eines Teils seiner Schrifteil auch den außerhalb der Zunft stehenden, undisziplinierten Lesern, durch Einteilung und Aneinanderreihung der behandelte Materien, durch Fassung und Gliederung seiner Prämissen und Hinleitung aus die sich für ihn daraus ergebenden Konklusionen erleichtert. Populär ist aber auch ein Teil seiner Schriften durch die Materien selbst, die er seinen Betrachtungen zu Grunde gelegt hat. Bedenkt man indes, auf welch' ausgetretene Wege der Verfasser hierbei angewiesen war, um seine Leser der Erkenntnis des Wesens der Dinge näher zu bringen, und welcher Boden auszuwühlen war, um diese Erkenntnis zu erreichen, so kann es zweifelhaft erscheinen, ob die Weltanschauung der Leser und Leserinnen, die vielleicht an dem Studium dieser Abhandlungen ein lebhafteres Interesse haben, eine besondere Läuterung erfahren könne. „Populär" endlich hat wohl die Form seines Vortrages und die Gereiztheit seiner Polemik, die sich gegen Einzelne und Gesamtheiten in seinen Schriften ausprägt, diese Schriften gemacht, und den Kreis ihrer Leser erweitert; und nicht selten trifft es nch deshalb, daß der Blick des Philosophen da am Getrübtesten ist, wo Form und AuSdruckSweise ins Ungemessene gehen; und so zwar, daß sich dem Leser beim Schluß mancher Erörterung die Frage aufdrängt: wer hat bisher zu mir gesprochen — waren das Ansichten und war das der Vortrag eines Weltweisen? Da es zu seinen Eigentümlichkeiten nicht gehört, sein Thema in einer Folge durchzusprechen, so geschieht es, daß man ihn in späteren Büchern, mit Betrachtungen befaßt findet, die den Inhalt früherer ausführlichster Auseinandersetzungen bildeten, und genau ebenso geht es ihm mit einzelnen Persönlichkeiten und Körperschaften, die er — um mich modern auszudrücken anrempelt, wo er ihnen begegnet. Es geschieht dies sodann mit derselben Lebhaftigkeit, derselben glänzenden Eloquenz und so keuchenden Atems, als ob er noch niemals ein Sterbenswörtchen über sie losgeworden wäre; dem wohlmeinendsten Leser wird es schwer, ernst bleiben zu können und das menschliche Verlangen beschleicht ihn eines „Requiescat in paee“ für seine Studienköpfe. Seine ganz besondere Abneigung indes hat sich das Judentum zugezogen; und oft wird er von ihr so mächtig ergriffen und so arg geschüttelt, daß es den Anschein gewinnt, der Philosoph werde hier sehr bald durch den Eiferer aus dem Sattel gehoben sein. Ich will mir das Vergnügen nicht versagen, eine kleine Strecke hinter ihm her zu gehen, und mein Ohr seinen Monologen zu widmen, indem ich jedoch ausdrücklich voranschicke, daß sich meine beabsichtigten Entgegnungen und sonstigen Bemerkungen nicht etwa auf des Verfassers allgemeine (sachwissenschastliche) Ausführungen beziehen sollen, die ich mir als Laie entfernt nicht anmaßen möchte, sondern einzig und allein auf seine Darstellung der biblischen Ereignisse, die ich hervorheben werde, und auf seine daraus hergeleiteten Raisonnements. Nachdem er also die Juden bis dahin in seinen Betrachtungen nicht grade vernachläßigte, wird ihnen der Paragraph 132, des II. Buches „Vereinzelte Gedanken über vielerlei" ausschließlich gewidmet, und darin ausgeführt: „Der ewige Jude Ahasverus, nichts anderes als die Personifikation des ganzen jüdischen Volkes, soll, weil er Ml dem Heiland und Welterlöser schwer gefrevelt hat, von dem Erdenlcben und seiner Last nie erlöst, heimatlos in der Fremde umherirren." Diese Ansichten finden sich indes in den geschichtlichen Thatsachen nicht begründet, denn die Absonderung größerer und kleiner judäischer Volksmassen von ihrem eigentlichen Wohnsitz hat nicht erst nach dem von dem R. T. erzählten Ereignis auf Golgatha begonnen. Es ist vielmehr geschichtlich sestgestellt, daß Ansiedelungeil der Judäer in Mesopotamien bereits im achten Jahrhundert v.d.ü.Z. stattsanden; sie wohnten ferner in Kyrene, Griechenland und Italien. Unter Ptolemäos II. Philadelphos waren sie schon in größerer Menge in Aegypten ansüßig, und in diese Zeit (etwa 320 v. d. ü.Z.), fallen die Allsänge der „Septuaginta“, der griechischen Bibelübersetzung für sie, weil ihnen die 'Kenntnis der hebräischeil Sprache bereits fremd war; der „Septuaginta“ der Schopenhauer die allergrößte Autorität beimißt, da sie: „jedenfalls die wichtigste, echteste unb schönste aller Uebersetzungen ist, und dagegen gehalten, die von Luther zugleich fromm und gemein erscheint", wührenddelil ihre Wertschätzung in dein Urteil der Bibelkritik, wegen der sich darin kundgebenden mangelhaften Sprachkenntuis, und endlich wegen der, im langen Laufe ihrer HerstellungSzeit gewechselten Bearbeiter außerordentlich schwankend ist. Endlich wohnten Judäer im römischen Reiche lange vor dem verhängnisvollen Beginn der Beziehungen ihres Hciinatlandes zu Rom, und unter Kaiser Augilstiis gab es derer in Egypten bereits über eine Million. Auch gingen sie mit den Römerin nach Gallien, Spanien, und Germanien, und in die bezüglichen Zeiten fallen ihre ersten Ansiedelungen in diesen Ländern. Bedenkt man übrigens, daß unsrem Verfasser, der in der Geschichte der Juden wie bald kein andrer omnj praesens sein wollte, die „Diaspora“