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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-24 · 4 (24.1.1896) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 66 (sequence 10)
Language
German
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Seite 66. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 4. Ueber die getauften Juden heißt es in der Predigt: Durch die Taufe werden zwar die Sünden, aber nicht die Eigentümlichkeit der Rasse abgewaschen. Wenn der Getaufte gegen diese Eigentümlichkeiten ankämpst, ist er kein minderwertiger Ehrist. Die achte Predigt beschäftigt sich mit den jüdischen Rassenfehlern und hat das Motto aus Jesaias: „Der Ausdruck dos Gesichtes zeugt wider sie!" Der Pfarrer wirft den Juden Wahn-Ideen vor und sagt: Sie können nur Hammer oder Amboß sein. Die Christen seien lange genug schon Amboß gewesen. „Ich habe nicht schmähen, nicht zu Haß und Verachtung aufreizen wollen, der Grundton meiner Predigten war das Mitleid für die Juden. Tolerieren, aber nicht rezipieren I ist mein Standpunkt. Rassenhaß ist unchristlich. Ich sage nicht, die Juden müssen verbrannt werden. Nur einen müssen wir verbrennen: Das ist der Jude in uns. Hinaus mit diesem Juden, aus den Scheiterhaufen mit ihm!" Hiermit sind die Verlesungen der Predigten zu Ende. Der Vorsitzende erteilt dem Angeklagten das Wort. Pfarrer Dr. Deckert hält nun eine einstündige Verantwortungsrede. Zuerst protestiert er gegen die Erhebung der Anklage gegen ihn, den Geistlichen. Stolz und scharf schwirren die Protestworte durch den Saal, dann greift er in ein weicheres Register: „Ich bin auch Staatsbürger — sagt er demütig — „und als solcher will ich mich verantworten." Er stellt dann in einer, man möchte sagen, liebenswürdigen Beredsamkeit die ganze Sache als etwas Selbstverständliches hin. Immer kehrt der Refrain wieder: „Die ich angegriffen, das sind ja nicht die österreichischen, die modernen Juden. Gott behüte! Diese bösen Juden, die Ehristenblut brauchen, die lebten einst oder leben noch — irgendwo!" Der Angeklagte geht nunmehr aus das „Blutritual" über und sagt, er hätte behauptet, daß jüdische Sekten Christenblut verwenden. Er beruft sich dabei auf das Buch des Rabbi Moldavan *), der diese Thatsachen hinterlegt hat. Aber von unseren modernen österreichischen Juden habe er cs nicht behauptet. Das wurde willkürlich hineingezogen. Ter Prediger dürfe sich das Recht nicht nehmen lassen, über derlei Dinge zu reden, die mit kirchlichen Einrichtungen zusammenhüngen. Denn die Christenkinder, die von fanatischen Juden aus Haß gegen Jesus ermordet wurden, Simon von Trient und die anderen in der Martyrologie angesührten, werden von den Gläubigen verehrt. Die Ermordungen von Christenkindern durch Juden seien Thatsachen, die sich nicht wegleugnen lassen und die sogar von judensreundlichen Gelehrten zugegeben werden. Sie sagen aber, daß die Inden das Blut nur zu abergläubischen und nicht zu rituellen Zwecken verwendeten, denn es gebe im Talmud kein derartiges rituelles Gebot. „Das gebe ich zu; soweit der Talmud der Forschung christlicher Gelehrter zugänglich ist, sindet sich in demselben kein solches Gebot, es märe auch zu gefährlich. Es finden sich aber im Talmud eine Menge leerer Stellen, aus Furcht vor der christlichen Zensur. Diese Stellen sind nicht verloren, sondern sie werden mündlich den Schülern in den Talmudschulen expliziert." *) Taß ein „Rabbi Moldavan" thatsächlich niemals existiert bat, daß vielmehr Rohling in seiner skrupellosen Nnwahrhaftstsieil ans dem Antor des, wie ein französischer Excerptor anpiebt, „fn langue molclavienne* („in moldauischer Sprache") anonym erschienenen Buches einen „Rabbi Moldavan" gemacht hat, ist im Prozesse Rohling- Bloch gerichtsseitig scstgcstellt worden (vgl. Tr. Joseph ,üopp: „Zur Judenffage nach den Akten des Prozesses „Rohling-Bloch", Leivzig- 1886, S.' 34). „Als ich vor drei Jahren in Innsbruck die Akten Simon voii Trient studierte, fand ich, daß alle die jüdischen Mörder dieses _ unschuldigen Kindes zugegeben haben, daß das Geheimnis des Blutuiordes aus dem Driente stamme und nur mündlich vom Vater auf den Sohn sortgepflanzt werde." „Auch die Angaben der jüdischen Mörder des Peter von Damascus stimmen damit überein. In den Annalen der Geschichte sind 200 solcher Fälle verzeichnet, und doch sind das nur jene Fälle, in welchen die Juden trotz ihrer Schlauhest ertappt wurden. Wenn man solche Thatsachen kennt, nmß man doch sagen, daß es lächerlich und frivol sei, etwas zu leugnen, mit dessen Leugnung man der katholischen Kirche eine Injurie zusügt, denn sie verehrt diese Heiligen ja nicht etwa aus Grund von Justizmorden. Jeder Laie darf die Kirche gegen eine solche Annahme verteidigen, umsonlehr ein Priester. Was gesagt wurde, ist die „reine Historie." Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei, llicht nur für jene, welche die katholische Kirche angreisen, sondern auch für jene, die sie verteidigen. Wenn uns das verboten ist, dann nrüßte es auch verboten sein, zu sagen, daß die Juden unseren Herrn Jesum gekreuzigt haben. Es wird übrigens schon versucht, dies zu thun. Es wird mir ferner zum Vorwurf gemacht, daß ich von Tisza-Eszlar sprach. Ich mache aufmerksam, daß cs sich auch hier nicht um österreichische Juden gehandelt Hai, un^> das, was ich über Hostienschändungcn sprach, bezog sich nicht auf inländische Juden, sondern auf das Haupt der Freimaurerei in Rom. ..." Staatsanwalt Dr. Robert v. Hawlath führte in klarer Darstellung alle Argumente an, welche für die Erhebung der Anklage sprachen. Er wies Pfarrer Deckert nach, daß er das selbst nicht glaube, was er den Juden zum Vorwürfe machte, uud trat der Anschauung Deckert's entgegen, daß es Unrecht war, ihn vor das richterliche Forum zu zitieren. Der Verteidiger des Rassenantisemiten Deckert, ein getaufter Jude, Dr. Max Anton Löw, spielte sich mit einein wahren Feuereifer als Verteidiger der Kirche auf. Er that, in offenbarem Vergessen, daß er kaum erst aus ein Dezennium seines Katholizismus zurückblicken könne, des Guten etwas viel, mehr, als man selbst dem Glanbenseiser eines Konvertiten verzeihen mag. Dr. Max Löw hat vergessen, daß es ihm nicht wohl ansteht, die Juden als Bedrücker des Christentums hinzustellen und für die Berechtigung des Antisemitismus eine Lanze zu brechen. Und wenn mm ein Dr. Löw vollends gar mit dem „Blutritual" anhebt und das Blutmärchen predigt, so ist eine gewisse tragikomische Wirkung unausbleiblich. Man ist versucht, zu fragen, ob vielleicht in dem Familienkreise, in dem dieser Advokat noch vor wenigen Jahren lebte, das Blutritual vielleicht zu den Peßachvergnügungen gehörte. Der Vorsitzende, Hofrat Dr. v. Holzinger hielt sodann das Refunw. Es handle sich hier nicht darum, die Ehre eines VolksstannneS oder einer Religionsgenoffenschaft zu schützen, sondern die' Ruhe im Staate aufrecht zu erhalten, welche eben durch Aufreizung zu Feindseligkeiten gefährdet werden kann. Es handelt sich also auch nicht so sehr darum, ob die inkriminierten Behauptungen erlogen sind, als ob durch dieselben zu Feindseligkeiten ausgereizt werden könne. Dadurch entfällt eine ganze Reihe von Behauptungen, die hier von beiden Seiten ausgestellt werden. Es wird von allem Möglichen gesprochen, sogar von dem Blntmärchen, dem sogenannten Blutritual. Es wurden einzelne Fälle von Morden angeführt, aber daß dies mit einem

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