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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-24 · 4 (24.1.1896) · p. Seite 65

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 65 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite fir>. 5rr |)tü|fß Deckert. t. Wien, lö. Januar. Die Geschwornen haben den Herrn Pfarrer Deckert einstimmig freigesprochen -, sie haben die Frage, ob er schuldig sei, durch seine bekannten Predigten zu Feindseligkeiten wider den Volksstamm und die Religionsgesellschast der Juden, also die Staatsbürger zu feindseligen Parteien untereinander ausgefordert, angeeifert und zu verleiten gesucht zu haben, verneint. Der Wahrspruch einer Jury unterscheidet sich von dem Urteile eines gelehrten Richterkollegiums dadurch, daß eine Begründung desselben nicht gegeben wird. Die Geschworenen urteilen nach ihrer freien Ueberzeugung, sie antworten nur mit Ja oder Rein, und es fehlt daher jede Kenntnis darüber, ob sie der Ansicht sind, daß der Inhalt der Deckertscheu Predigten an und für sich zur Aufreizung geeignet sei und der Angeklagte nun wegen des mangelnden bösen Vorsatzes freigesprochen werden müsse, oder ob sie der Meinung waren, daß cs überhaupt nach jener Gesetzesstelle, unter welche sie den Fall zu subsumieren hatten, vollkommen gestattet sei, von der Kanzel herab über eine gesetzlich anerkannte Konfession und über eine Klaffe von Mitbürgern so zu sprechen, wie es Herr Pfarrer Deckert gethan hat. Der Obmann der gestern fungierenden Jury war auch Obmann des antisemitischen Bezirks-Wahlkomitees der inneren Stadt, und ein als Geschworener fungierender Advokat erscheint in den antisemitischen Blättern wiederholt unter jenen Persönlichkeiten genannt, welche sich dazu bereit erklären, Wahl- Reklamationen für die antisemitische Partei zu besorgen. Indem wir diese Thatsache verzeichnen, sind wir weit entfernt an dem ungetrübten Pflichtbewußtsein und an der gewissenhaftesten Prüfung des Falles seitens dieser zu dem Geschworenenamte berufenen Persönlichkeiten auch nur den leisesten Zweifel zu hegen. Sie haben selbstverständlich gleich allen anderen Mitgliedern der Gcschworenenbank nach bestem Wiffen und Gewissen ihr Votum abgegeben, allein niemand vermag aus dem Jdcenkreise, den er sich zu eigen gemacht, herauszutreten um Ansichten, die er in sich ausgenommen, hinsichtlich ihres Einflusses auf feine Entscheidung abzustreisen. Das gilt nicht etwa von bestimmten Personen, das gilt von einer ganzen Zeitepochc, wenn sie von bestimmten Vorstellungen beherrscht wird, und hinsichtlich dessen, was auf dem Gebiete der antisemitischen Bewegung gestattet werden darf, haben sich die Begriffe in den letzten Jahren allmählich immer mehr zu Ungunsten einer verfolgten und angeseindeten Konfession verschoben. Die Geschworenen hatten nur die strafrechtliche Seite des Falles zu beurteilen; in ethischer und moralischer Hinsicht bleibt der Bevölkerung ihr von diesem Wahrspruche unabhängiges und demselben auch durchaus nicht berührendes Urteils Vorbehalten. Und da bleibt es denn, bei allein schuldigen Respekt vor der Jury, die eine strafbare Verletzung des Gesetzes nicht als vorhandenerachtete, jedermann unbenommen, zu erklären, daß ein Benehmen und eine Redeweise, wie sie Herr Pfarrer Deckert kultiviert, unwürdig sei eines Gotteshauses, daß der niedrige und gehässige Ton, welcher seine Predigten durchweht, unvereinbar ist mit der Funktion eines Priesters, der Duldung und Menschenliebe predigen soll. Wir können aber auch nicht umhin, eine Aeußerung des öffentlichen Anklägers zu erwähnen, welcher die gesetzliche Beurteilung des Antisemitismus von der Auslegung abhängig macht, welche der oder jener Antisemitensührer demselben gegeben hat. Vom rein strafrechtlichen Standpunkte in es freilich richtig, daß der Antisemitismus nicht verfolgt werden kann, wenn er die Grenzen des Gesetzes nicht überschreitet. Allein es widerspricht vorweg jedem natürlichen Rechtsgesübl und jeder Gesittung, Menschen wegeil ihrer Rationalität oder wegen ihrer Konfession zu verfolgen, gleichviel ob sie ihre Pflichten als Staatsbüger und als Menschen genau so erfüllen, wie jeder andere oder nicht. Für diesen unverrückbaren Grundsatz ist auch die Freisprechung des Herrn Deckert durchaus nebensächlich, und die Kirchenfürsten, unter deren Aufsicht der Klerus steht, werden sich mit der Freisprechung des Herrn Pfarrers nicht beruhigen können. Sie werden sich der Erwägung nicht entziehen, ob Predigten solcher Art wie sie Deckert hält, den Geboten der Religion entsprechen, ob die Kanzel zur Stätte der wüsten Polemik herausgewürdigt, ob die religiöse Belehrung des Volkes Männern anheimgegeben werden darf, welche in ihren Aeußerungen so weit bis an die äußerste Grenze des Gesetzes gehen, daß der Hüter des Gesetzes, der öffentliche Ankläger, sich genötigt sieht, diese Priester vor Gericht zu stellen, mögen diese nun in dem speziellen Falle freigesprochen werden oder nicht. * * * 'Rach dieser Einleitung lassen wir den Verhandlungübericht folgen: Gleich zu Beginn der Verhandlung wurden die Predigten zur Verlesung gebracht, die Pfarrer Deckert gehalten hat. In der ersten der inkriminierten Predigten kommt Deckert aus das „Blutritual" zu sprechen. Er sagt, die Juden haben heute keine Opfer mehr, man müßte denn das Schlachten der Christenkinder, das bei einigen Sekten — „ich sage nicht bei den Reformjuden" — vorkommt, als Opfer bezeichnen. Deckert beruft sich nun auf die Schrift eines Konvertiten, Rabbi Moldavan, in der gesagt wird, daß die Juden aus Fanatismus Christenkmder töten und sie für rituelle Zwecke verwenden. Dieses Christenblut werde pulverisiert bei der Beschneidung verwendet, in den Wein am Passahseste gestreut, wodurch das Abendmahl parodiert wird. Bei der Eheschließung essen die Brautleute ein hartes Ei, auf das Blutpulver gestreut ist, und dem Toten wird ein mit Christenblut beschriebener Zettel auf die Brust gelegt, als Versinnlichung der letzten Oelung. „Ich sage ausdrücklich, daß damit nicht die Resormjuden gemeint sind, aber es giebt auch heute noch Sekten, die sich aus Haß und Fanatismus zu solchen Opfern hinreißen lassen." In der siebenten Predigt resümiert der Pfarrer die bisher gehaltenen Predigten dahin, daß er vergeblich Umschau nach „wahren" Israeliten gehalten habe. Man niüsse anerkennen, daß die Juden einst das auSermühlte Volk waren, daß ihre Offenbarung eine göttliche, wenn auch unvollkommene war. Das Volk sei später von Gott verworfen worden. Der Pfarrer zählt schlechte Eigenschaften der Juden ans, wirst ihnen vor, daß so viele von ihnen Freimaurer sind und behauptet, die von einzelnen Sekten betriebenen Ritualmorde seien historisch und unwiderleglich bewiesen. Einige Freimaurerlogen hätten sich durch Kirchenraub in den Besitz geweihter Hostien gesetzt, um sie zu schänden. An der Spitze der Logen stehe ein Jude, der gegenüber dem Vatikan einen Palast bewohnt. Ein Christ, der solchen Vorgängen gegenüber gleichgiltig bleibt, müßte abgestandenes Fischblut in den Adern haben!

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