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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-24 · 4 (24.1.1896) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 64 (sequence 8)
Language
German
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Seite 64 Allgemeine Jsraelittsche Wochenschrift. Nr. 4. Herz am rechten Flecke hat, mein Kollege, Freund und Landsmann, der Rabbiner Dr. Bamberg er aus Königsberg. Wo des russischen Hilfswerks Erwähnung geschieht, da darf der Name des Dr. Bamberper nicht fehlen. Ziehe ich nun die Bilanz einer vierzigjährigen Thätigkeit und Wirksamkeit und frage, was ist von allem Dein Eigen, so wird die Antwort lauten müssen: Sehr wenig, fast nichts! Alles nur Veranlagung und Veranlassung. Zwar stehe ich nicht auf dem Standpunkte des kategorischen Imperativs und bei der Meinung, daß die aus Liebe und Begeisterung vollbrachte That noch immer die schönste und beste, wenn wir uns, die Sache psychologisch betrachtet, auch sagen muffen, daß die That gar nicht die unsere sei. Uns kann und muß es genügen, zu wissen, daß wir nur ein Werkzeug, vielleicht ein sehr geringes Werkzeug der ewigen Gottesordnung und sittlichen Wellordnung bedeuten. O, die alten Weisen haben gewiß recht, wenn sie sagen: „Alles ist in Gottes Hand, ausgenommen die Gottesfurcht." Nun aber zur Hauptfrage, die in diesem Falle, Bar Minan gegenüber, lauten mußte: Ist praktische Wohlthätigkeit üben Hauptaufgabe des Rabbiners? Nein, sage ich mit der größten Entschiedenheit. Wollte man mir Wohlthätigkeitssinn und Uebung auf das Konto der Rabbinatsfunktionen setzten — ich würde aus das entschiedenste dagegen protestieren. Es ist durchaus unstatthaft, etwas allgemein menschliches und jüdisches wie die Wohlthätigkeit zu einer besonderen Rabbinertugend zu machen. Der Rabbiner nimmt hieran praktischen Anteil — nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Mensch mit menschlicher Gesinnung auch. Wesen und Wirken des Rabbiners findet seine Vollendung in zweierlei Anforderungen: 1. daß er in the oretischer Hinsicht, soweit es möglich und angänglich ist, ausgeftattet sei mit allen den Kenntnissen, welche dmch die Ueberlieserung der Vorzeit und die Ansprüche der Neuzeit bedingt und gefordert werden; 2. daß er in praktischer Hinsicht, die religiösen Bedürfnisse und . religiösen Einrichtungen der Gemeinde in Wort und Werk, in Lehre und Leben, so viel in seinen Kräften steht, fördere und pflege. — Zu 2 gehören selbstverständlich auch Pflege und Anregung von Zedoko und Gmilus-Chesed, Arnlenunterstützung und Liebeswerk, welche ja Hauptbestandteile der jüdischen Religionsübung ausmachen. Mittelst dieser Anforderungen erledigt sich auch die Frage der Seminarbildung unserer Rabbiner. In theoretischer Hinsicht werden heutzutage ganz andere Ansprüche an den Rabbiner gestellt als ehemals, und in praktischer Hinsicht haben sich auch die religiösen Bedürfnisse und religiösen Einrichtungen der Gemeinde von Grund aus geändert. Daß eins vom andern bedingt wird, ist ja selbstverständlich. Das lkebergangsftadium von der alten zu der neuen Zeit war von den schmerzlichsten und widerwärtigsten Mißständen begleitet. Die alten blos talmudisch gebildeten Rabbiner hatten in Deutschland bereits vollkommen abgewirtschaftet, Ersatz war noch nicht vorhanden, was war die Folge — ich spreche hier aus Erfahrung — fast völlige Korruption und Zerrüttung des Rabbinerstandes. Von jenen großen unübertrefflichen Geistern und Meistern, welche gerade diese Uebergangszeit hervorgebracht hat und welche in den großen und gebildeten Gemeinden ihren Rabbinersitz ausgeschlagen hatten, ist hier nicht die Rede. Diese als Gegenbeweis hinstellen zu wollen, wäre völlig unstatthaft, weil sie stets nur eine ganz geringe, auch nicht von bestimmten Bildungsstätten abhängige Minorität bilden. Welch zweifelhafte Personen haben sich nicht während dieses Uebergangsstadiums, das jetzt gottlob glücklich überwunden ist, als Rabbiner ausgespielt oder doch Rabbinatsfunktionen sich angemaßt! Von einer wirklichen Berufsbildung war schon gar nicht mehr die Rede. Auch der moralische Charakter dieser Pseudorabbiner ließ viel zu wünschen übrig. Mit den noch aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Rabbinern alten Stils verhielt es sich ganz ebenso. Es gab recht minderwertige Menschen darunter, die den Anforderungen, welche man an einen Rabbiner stellen konnte, wenig genügten. Unter diesen Umständen war es das größte Glück für Juden und Judentum, daß im Jahre 1854 das Breslauer Rabbiner-Seminar, Stiftung des Kommerzienrats Jonas Fränkel, eröffnet wurde. Von diesem Augenblick gab es in Deutschland wieder Rabbiner, wahre und echte Rabbiner, und mit der Aera der hergelaufenen und zweifelhaften Existenzen, welche als solche sich ausgaben, war es zu Ende. Der nichtseminaristisch gebildete Rabbiner möge sich nicht etwa durch dieses harte Wort gekränkt fühlen — ich gehöre selbst zu dieser Klasse. Ein Mann, nie so recht groß geachtet, heute schon fast ganz vergessen, allein mit großem Unrechte, denn er war ein Bahnbrecher auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte und mit einem so klaren und durchdringenden Geschichtsblick ausgestattet, wie nur irgend ein Geschichtsforscher der Neuzeit. — I. M. Jost sagt in seiner „Geschichte des Judentums", Leipzig 1859, von dem Breslauer Rabbiner-Srminar: Wir zweifeln nicht, daß diese junge Anstalt mit der Zeit einen Mittelpunkt für die jüdische Wissenschaft und den geschichtlichen Fortschritt zugleich darbieten und auch die wenigen Gegner, welche anfangs ihre Stimnien wider sie erhoben, zum Schweigen bringen werde." „Diese Thatsache.ist von so entscheidender Bedeutung für die Folgezeit, daß mit ihr ein Zeitranm weitläufiger Kämpfe sich abschließt, und eine neue lebhafte Teilname für gründliche Durchbildung der Religionskunde und gediegene Volksbelehrung ins Leben gerufen wird." — Auch mit folgender Vorausverkündung hat er Recht behalten: „Die nächste Wirkung dürfte die sein, daß sehr bald ähnliche Anstalten, wenn auch in verjüngtem Maßstabe an andern Orten sich erheben werden ... ." O, der Geschichtsforscher ist nicht nur ein rückwärtssondern mitunter auch ein vorwärtsschanender Prophet. Die Seminarien, und inersterLiniedao Breslauer Seminar, haben uns einen über ganz Deutschland verbreiteten, wissenschaftlich wie pädagogisch gebildeten, ehrenwerten und repräsentationsfähigen Rabbinerstand geschaffen, der seiner Ausgabe durchaus gewachsen ist. Dem religiösen Jndifferentismus der gebildeten Welt, der gerade unter den Juden die größten Verheerungen angerichtet und bis zur Verneinung und Verleugnung alles jüdischen Volksuub Glaubeiisbeitandeo geführt hat, vermochte der Rabbinersland nicht zu steuern. Allein sollte einmal eine Zeit kommen — und satt will es so scheinen, als ob sie im Anzuge wäre — welche auch die dein Judentunl entfremdeten Brüder zur Um- und Heimkehr veranlassen könnte — in den Rabbinerstand würde selbst der universalistisch gebildete Volksgenosse die Männer finden, auf die er sich stützen und verlassen und deren Führung und Versorgung er sein religiöses Leben rückhaltlos anvertrauen könnte.

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