Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 63. Beerdigungen und Trauungen zu fungieren — das sollte der Lehrer hübsch dem Rabbiner überlassen. Jst's schlechtes Wissen oder böses Wollen, Herr Rabbiner, wenn Sie dem Minister fälschlich berichten, daß die Ausübung geistlicher Amtshandlungen der religionsgesetzlichen Vorschrift entgegen sei? — Mit Verlaub, nach mosaisch-talmudischem Recht ist's jedem Juden, der die einschläglichen Vorschriften kennt, gestattet, derartige Handlungen vorzunehmen. Nachdem Herr Dr. Singer den Lehrer religionsgesetzwidriges Thun' angedichtet, scheut er sich auch nicht, die jüdischen Lehrer des Bezirkes als häufig unfähig zur Aufstellung eines Lehrplanes hinzustellen, und wirft ihnen eine häufig mangelhafte pädagogische Befähigung vor. Der Vorwurf trifft ja zwar mehr die jüdischen Lehrerseminare, als die Lehrer. Aber woher nimmt Herr Dr. Singer den zweifelhaften Mut, Männer zu dcnuuzieren, die er gar nicht kennt? So viel ich weiß, war er noch bei keinem Lehrer seines Reg.-Bez. in der Schule, um sich ein Urteil über die Lehrbefähigung zu bilden. Wenn die jüdischen Lebrer ihre Pädagogik von den Rabbinern lernen sollten — dann Gnade unseren Schulen! Ich weiß es jedoch gewiß, daß jeder Lehrer des Bezirks fähig ist, einen Lehrplan aufzustellen. Jeder, der sich uin eine Stelle bewirbt, muß seine Befähigung Nachweisen. Kann Herr Dr. Singer in Koblenz diesen Nachweis liefern für die Stelle eines Schulinspektors, um die er sich bewirbt? Was soll inan nun zu dem ganzen Schreiben sagen? Wenn es Herr Dr. Singer gleich uns mit einer geeigneten Inspektion des jüd. Religionsunterrichtes treu meinte, so hätte tr wissen müssen, daß mit Rücksicht auf das Gesetz vom 23. Juli eine solche nur unter Zustimmung der beteiligten Gemeinden eingerichtet werden kann, Nur im Besitze dieser Zustimmung hätte sein Gesuch eiuen wirklichen Sinn und möglichen Erfolg haben können. Hätte er seine Angriffe gegen Vorstände und Lehrer öffentlich ausgesprochen und durch Thatsachrn wenigstens zu belegen gesucht, man würde ihm einen gewissen ehrlichen Mut nicht haben absprecheu können. Nimmer aber durste er die Genannten hinterrücks überfallen. War es jetzt an der Zeit, aus etwaige Mißstände tu jüdischen Gemeinden die Augen der Behörden zu lenken? War es notwendig, zur Anbringung seines Gesuches solche falsche Anklagen vorauszuschicken? Wenn es dem Herrn Dr. um die „Heiligkeit der Sache" zu thun wäre, so würde er im stillen, friedlichen Wirkens die Mißstände zu heben sich bemüht haben. Nicht aber durfte er Gemeinden und Lehrer an solch hoher Stelle anklagen. Geschah es nun aus bösem Wollen oder schlechtem Wissen? Julius Bach." Zur StmIfM. Von Dr. I. MIß Memel. Unter bezeichneter Spitzmarke enthält diese geschützte Zeitschrift eine Reihe von Artikeln, deren letzterschienener VI. in Nr. 2 vom 10. Januar auch meiner Person gedenkt. Nicht nur des ungerechtfertigten Tadels, sondern auch des ungerechtfertigten Lobes soll man sich zu erwehren suchen, entsprechen dem Worte der Schrift: „Halte ab von der Mundkrümmung, und Lippenverziehung entferne von Dir" (Spr. 4,24). Denn sowohl dieser Tadel, als auch dieses Lob sind geeignet, da sie gar zu sehr nach Tendenz schmecken mit der gemerkten Absicht auch die Verstinunung in den Herzen der Menschen zu erwecken. Der Herr Bar Minan, oder wie er sonst heißen mag, hat es gewiß gut gemeint, sehr gut, ich bin ihm dafür zu großem Danke verpflichtet; allein zwei Momente hat er doch außer Betracht gelassen, die unser Wohlthun gar mächtig zu schmälern geeignet sind, das faktische und das psychologische Moment, nämlich die äußere Veranlassung und die innere Veranlagung. Beide Momente haben mir nicht selbst geschaffen; das sind beide Schickungen und Fügungen einer höheren Macht. Mit dem Augenblicke, da ich eine gewisse Selbständigkeit erlangt hatte, habe ich mich gern armen, vielversprechenden Menschenkindern zugewandt, und sie zu fördern gesucht; besonders verkommene und verwahrloste Kindermenschen, wie sie sich bettelnd auf den Straßen umhertrieben, suchte ich aus ihrem Elend herauszuheben. Auch meiner Studiengenossen habe ich rnich nach Kräften angenommen. Mit etwas Geld war ich immer versorgt, denn ich war nicht nur akademischer Bürger, sondern gleichzeitig auch examinierter und von der Regierung angestellter Lehrer der israelitischen Gemeinde mit 150 Thlr. Gehalt— das wollte zu damaliger Zeit schon etwas heißen. Was ich für mich brauchte, das war kaum der Rede wert; so viel verdiente ich noch nebenher. Wenn ich nun von Zeit zu Zeit nach meinem nur 1^2 Meilen von der Universitätsstadt gelegenen Heimatsdorfe kam, — gemeint ist Marburg in Hessen und das jenseits des Lahnberges gelegene Dorf Holzhausen — dann pflegte mich mein Vater, ein schlichter Londmann, von Kopf bis Fuß zu mustern und vorwurfsvoll traf mich sein Wort: „Du wirst doch Dein Leben lang zu nichts kommen; ein Wunder, daß Du überhaupt noch einen Rock auf dem Leibe und Schuhe an den Füßen hast." Mit meinem Rocke stand es noch so passabel, allein meine Schuhe waren selten in gutem Zustande. Wenn ich nun antwortete: „Aber, lieber Vater, ich bin doch nun einmal so, sagst Du doch selbst, wie einer zugeschnitten ist, so muß er verarbeitet werden" — dann ward er still und in sich gekehrt; war er doch weit und breit ob seiner Wohlthätigkeit bekannt, waren doch thatsächlich die Armen seine Hausgenossen. Und nun gar die Mutter — deren Wohlthätigkeit kannte gar keine Grenzen, dazu hatte sie stets die freundlichsten, trostreichsten Worte bereit. Im Jahre 1865 kam ich nach Memel; hier waren die äußeren Veranlassungen so mächtiger und überwältigender Art, daß ein jeder Kollege an meiner Stelle ganz ebenso hätte handeln müssen, wie ich selbst. Es ist mit Beihilfe guter Menschen in den Jahren der Hungersnot, der Verfolgung, der Vertreibung, der Ausweisung sehr viel geschehen, Millionen sind gesannnelt und verteilt worden, besonders zur Zeit der Hungersnot 1867/68. Ein vortreffliches, viel erfahrenes Komits stand mir zur Seite; vor allem sei des Kassierers gedacht, des Kaufmanns und ersten Vorstehers der hiesiger Gemeinde, Julius Hirsch, seligen Angedenkens, dessen Kassenberichte wahre Muster waren der Aufstellung und Anordnung. Mit Ende des Jahres 1869 löste dieses erste Konnte, welches das russische Hilsswerk mit so großem Erfolge begonnen hatte, sich auf; von diesem Augenblicke aber trat ein anderer Mann mir leitend, ratend und helfend zur Seite und ist mein Beistand geblieben bis zu dieser Stunde, ein Mann von großem Organisationstalent, ein Mann, der Kopf und