Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 60. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 4. mail aber nicht für die Zukunft. Verstehen wir nicht eigene Religionsschulen zu schaffen, mit eigenen Mitteln, durch eigene Mühe, kraft eigener Arbeit unser Ziel zu erreichen, dann gehen wir der Auflösung unabwendbar entgegen. Ich habe jedoch das Vertrauen zu unferm guten Genius, daß sich noch zur rechten Zeit die Männer und die Mittel finden werden zur Rettung, zur Erhaltung des Judentums! Dir Mitünmunlil in Kerli». Von Dr> S. B er Ilfeld. 1. Leute, die gern viel schlafen, sind ärgerlich, wenn nran sie in ihrem Schlafe stört; deshalb ist das Amt eines Kritikers, zumal wenn er sich nicht nur an Bücher, Dramen und Schauspiele hält, sondern auch alle Erscheinungen des öffentlichen Lebens einer geiviffenhaften Prüfung unterzieht und den Mut hat, seine Meinung ehrlich und offen zum Ausdruck zu geben, kein angenehmes, jedenfalls kein gewinnbringendes. Nichtsdestoweniger wird es, Gott sei Dank, nicht an Männern fehlen, die gerade darin ihren iitnern Berus fühlen, solches, was niemand gern hört und liest, öffentlich auszusprechen uub drucken zu lassen. Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, lehrt eine banale Allerweltsmoral; aber es giebt Zeiten, in denen Reden das Leben und Schweigen der Tod bedeutet! In der Berliner jüdischen Gemeinde hat sich in der letzten Zeit eine gesunde, vielversprechende Bewegung bemerkbar gemacht. Es ist durchaus erfreulich, daß sich diese Bewegung, welche auf eine Wiederbelebung des totgeglaubten Judentums ausgeht, gerade in Berlin entstanden ist. Wollen wir doch einmal ehrlich das Wort anssprechen, das wir schon seit Jahren auf dem Herzen haben: die jüdische Gemeinde in Berlin hat ein großes Unrecht, ja eine Sünde an der ganzen Judenheit zu sühnen; von Berlin hat jene Richtung den Anfang genommen, welche das Judentum innerlich degeneriert, das jüdische Geistesleben völlig ertötet und diesen herrlichen Bau, der den Stürmen von Jahrtausenden getrotzt, zu einer Ruine gemacht hat. Daß nun in Berlin eine gesunde Reaktion — ich habe den Mut, diesen Ausdruck zu gebrauchen — entstanden ist, dies erfüllt mich mit Ehrfurcht und Bewunderung für die göttliche Gerechtigkeit, die sich in der Entwickelung der (beschichte offenbart! Rur eine Gefahr droht uns, wenn nämlich kleinherzige und kleinlich denkende Menschen den Gang der Geschichte verkennen würden und statt die Wege der göttlichen Vorsehung zu wandeln sich vermessen wollten, dieser die Wege vorschreiben zu wollen. Nichts wäre gefährlicher, nichts ist aber auch lächerlicher als ein solches Unternehmen. Wir, die wir in der Geschichte und selbst in den religiösen Ideen das Prinzip des Fortschritts anerkennen; wir, die wir nicht bei den erprobtesten Ueberliefernngen und der tausendjährigen Tradition unseres Stammes stehen bleiben wollten — wir sollen uns nun daraus versteifen, dort stehen zu bleiben, wo einige kleinliche Resormhelden, deren Jrrtümer durch die mangelnde Erkenntnis zn entschuldigen wären, stehen geblieben sind! An der Spitze einer solchen gesunden Bewegung müssen Männer stehen, welche hoch Hinnusragen, .welche einen freien Ausblick haben für das Judentum und seine geschichtliche Bedeutung. Wenn das Volk solche Führer verlangt und nicht erhält, erst daun entsteht eine wirkliche Gefahr. Wir befinden uns gleich unseren Vorfahren in der Wüste, als sie fürchteten, ihren bewährten großen Führer Mose verloren zu haben. Und da sie keinen andern fanden, so erkoren sie sich — das goldene Kalb! Die jüdische Gemeinde in Berlin ist die größte in Deutschland und eine der wichtigsten und bedeutendsten in der ganzen Judenheit. Sie muß den Ehrgeiz haben, an der Spitze der Judenheit zu stehen, durch Wissenschaft, (belehr samkeit, befruchtende Ideen und geistige Thätigkeit beispielgebend für den ganzen jüdischen Stamm zu sciu. Statt deffen wird bei uns eine geradezu verderbliche Kirchturmpolitik getrieben. Wenn wir einen Rabbiner zu wählen haben, bewähren wir uns als tüchtige Astronomen, indem wir irgend einen Stern kleinster Größen entdecken. Freilich haben nur es glücklich so weit gebracht, daß unsere Rabbiner wohl sehr gut in Weißensee bekannt sind, nicht aber so sehr in den anderen Vororten von Berlin, am allerwenigsten dort, wo man Leben und nicht Totenklagen verlangt. Wenn wir in der Wahl eines Rabbiners sehr glücklich sind, können wir von dem von Vorstands- und Repräseutanten-Gnaden Erwählten sagen, wie Talleyrand einst über Lally-Tollendal geurteilt hat: „Ein guter Junge, ein sehr guter Junge, sonst aber nichts." Diesem Gedanken gab . eine kleine Anzahl von Männern vor einigen Tagen Ausdruck in einer Wählerversammlung für die jüdische Gemeinde. Zu unserer freudigen Ueberraschung hat dieser Gedanken rasch Anklang gefunden. Man hat vor allem den Standpunkt acceptiert, daß wir uns wohl die Gast rollen fremder Rabbiner in unserer Synagoge gefallen lassen dürfen, insofern mir uns über die unwürdige Art einer Rabbinerberufung ärgern wollen, was sehr gesundheitsförderlich sein soll; daß wir aber mit aller Entschiedenheit gegen die Wahl solcher Rabbiner austreten müssen. Man glaubt uns zwar von der einen Seite mit dem Einwand widerlegen zu können: es gäbe ja keine anderen Kräfte als die, die wir Euch in den Gastspielen anbieten. Zugegeben. Run, was beweist dies? Es muß ja nicht sein. Wenn man uns nur wurmstichiges Obst vorsetzen kann, so danken wir^bestens für den guten Willen, verzichten aber allen Ernstes auf das Dessert. Jedenfalls wäre schon damit viel gewonnen. Wenn man ehrlich und offen zugeben wollte, in Berlin kann der erledigte Rabbinersitz nicht besetzt werden, weil kein würdiger, ich meine für Berlin würdiger, Kandidat vorhanden ist. Ich bin überzeugt, daß, wenn einmal das System des „Fortwurstelns" aufgegeben wird, wenn man endlich den traurigen Zustand unseres Geistesleben sich selbst offen eingestehen wollte, auch bald eine Besserung eintreten würde. Es ist deshalb ein guter, von den maßgebenden Kreisen zu erwägender Vorschlag, vorläufig für den vakant gewordenen Sitz im Rabbinat, der eine Besitzesverschiebung zu llngunsten der konservativen Elemente in unserer Gemeinde bedeutet, einen Kandidaten aufzustellen, der im Besitz von talmudischer und profaner Gelehrsamkeit, als fester und unbeugsamer Charakter, als Mann von UeberzeugungStreue und Willenskraft den konservativen Elementen in unserer Gemeinde eine Garantie für die gewissenhafte Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse bieten könnte. Es darf dies aber kein Mann sein, der heute ein mischnaitisches Verbot Übertritt, eine altehrwürdige Einrichtung iin Judentum öffentlich verletzt, „die Feiertage mißachtet", wie es in der Mischnah lautet, wo solche Männer als außerhalb des Judentums stehend bezeichnet werden, morgen hingegen sich mit kleinlichen Alfanzereien abgiebt und den orthodoxen Rabbiner herauskehrt, wo es einträglich ist.