Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 52 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. Gesang von der Einigung und auf Zion — die Hymne der Befreiung ertönen. In Ihrem heutigen Schritt erblicke ich ein Anzeichen für eine solche künftige Annäherung und deshalb flehe ich auf Sie Gottes Segen herab. — Also ein Segen unter der Bedingung, daß die Juden sich katholisch taufen lassen. Wenn sie es nicht thun — was dann? — Der Jahresbericht der „Allerhöchst bestätigten Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands" für 1894 ist soeben erschienen und legt ein beredtes Zeugnis von der ersprießlichen Thütigkeit des Vereins ab, dessen Mitgliederzahl am 31. Dezember 1894 die respektable Ziffer von 1443 erreichte. Die Gesellschaft ist jetzt in das zweiunddreißigst? Jahr ihrer Existenz getreten und das Programm zeigt sehr erfreuliche Fortschritte. Man beschränkt sich nicht mehr darauf, Studierende der höheren Lehranstalten zu unterstützen, sondern ist jetzt auch bestrebt, Schulen zu gründen und die Aufklärung in den niederen Bolksklassen zu verbreiten, Lesehallen zu organisieren, Lehrbücher für den Elementarunterricht zu beschaffen u. s. w., so weit es die ziemlich bescheidenen Mittel des Vereins gestatten. Zur Verstärkung der Geldmittel wurden Soireen veranstaltet, die sehr guten Erfolg hatten. Dem Komitee der Gesellschaft ist einehistorisch-ethnographischeKommission attachiert, welche unter anderem sich die Aufgabe gestellt, eine ausführliche Geschichte der Juden in Rußland zusammenzustellen. Im vergangenen Jahre hat die Gesellschaft bei dcr Regierung um Errichtung eines jüdischen theologischen Instituts nachgesucht. Da vor 20 Jahren die zwei Rabbinerschulen in Wilna und Shitomir geschlossen wurden, so gab es in Rußland keine speziellen Anstalten zur Heranbildung jüdischer Seelsorger, was dazu führte, daß die zur Ausbildung nach den jüdischen Seminarien in Deutschland und Oesterreich gesandten jungen Rabbinerkandidaten der russischen Sprache dann nicht mehr genügend mächtig waren. Die Regierung verhält sich sympathisch zu diesem Projekte und hatte auch den Dr. Henkel (altsprachlicher Lehrer an der hiesigen reformierten Schule) nach Deutschland delegiert, um die dortigen jüdischen theologischen Institute kennen zu lernen. Man hofft, daß diese Frage binnen kurzem in günstigem Sinne entschieden werden wird, trotzdem unsere Orthodoxen gegen diese Neuerung energisch protestieren und vor keinem Mittel zurückscheuen, um die Realisierung dieses Planes zu verhindern. Im Rechnungsjahr verausgabte die Gesellschaft 48 170 Rbl., die Einnahmen hingegen betrugen 51 255 Rbl. — (HelleL ich Ist reif en.) Nr. 1. Wie ich Ihnen vor einiger Zeit meldete, hatte der verflossene Minister des Innern Du rnowo, den Bauleitungen der Eisenbahnen in Sibirien verboten, jüdische Handwerker zu beschäftigen. Diese Verordnung ist rückgängig gemacht worden, und zwar mit der Begründung, daß das Ministerium des Innern kein Gesetz finden konnte, welches diese Maßregel gegen die Juden rechtfertigen konnte. — Nr. 2. Unter Alexander III. wurde eine Verordnung erlassen, wonach die ausgedienten jüdischen Soldaten in ihren „ursprünglichen Zustand", d. h. in den früheren Kleinbürger- oder Kaufmannsstand zurückversetzt werden müssen, was solchen Juden das Recht nahm, sich überall im Reiche ansiedeln zu dürfen. Diese Verordnung machte das von Alexander II. sanktionierte Gesetz zunichte, wonach jüdische Soldaten nach Beendigung ihrer Dienstzeit das unbeschränkte Ansiedelungsrecht genießen sollen. "Volle acht Jahre wirkte die gegen die jüdischen Soldaten gerichtete Verordnung, und niemand siel cs ein, dieselben als ungesetzlich zu erklären. Erst vor kurzem hob der Dirigierende Senat zu Petersburg diese Verordnung als illegal auf und fetzte die ausgedienten jüdischen Soldaten in die ihnen von Alexander II. verliehenen "Rechte wieder ein. * 8t Aus Amerika. New-Pork, 1. Januar. Vor wenigen Wochen hielt Rabbiner Dr. Krauskopf in Philadelphia eine Predigt/welche nicht wenig Aufsehen erregte. Das Thema lautete: „Wie Juden und Ehristen vereint Erfolg erringen möchten" und es schienen Anklänge darin zu fein, die auf eine Verschmelzung von Judentum und Christentum hinwiesen als eine Lösung des Jahrtansende währenden Zwiespalts und zur Verwirklichung des Gedankens, daß das Eingehen von Mischehen am zweckdienlichsten dazu erscheine. Darob selbstverständlich große Aufregung nicht nur in konservativen Kreisen, sondern auch innerhalb feiner eigenen Gemeinde, da man, so reformfreundlich die Leute auch gesinnt sein mögen, an ein Aufgeben des jüdischen Religionsgedankens nicht denken kann. Nun veröffentlicht Dr. Krauskopf einen Brief an seinen Freund Morris Neuburger, worin er seine Stellung genau definiert und welcher ein gewisses Interesse hat. Der Brief lautet: „In Erwiderung Ihrer Anfrage beeile ich mich, zu erklären, daß von dem Tage an, an welchem ich die jüdische Kanzel betrat, ich blos e i n Ziel kannte, und das war: als jüdischer Lehrer von der jüdischen Kanzel das reine Judentuin — das Judentum der Propheten Israels — den Juden zu lehren und die Stellung des Juden in den Augen der Nichtjuden zu erhöhen. Ich bin von diesem Kurse nie abgemichen, habe nie gewankt und in der Förderung der mir gestellten Aufgabe habe ich meine besten Kräfte eingesetzt. Außer der Selbstbefriedigung, mein bestes in dieser Richtung getban zu haben, besitze ich weiter nichts auf dieser Welt — obschon ich in den bestell Mannesjahren stehe. — Uebelwollende und schlecht Unterrichtete anderer Gemeinden und Mitglieder meiner eigenen Gemeinde, welche mich mißverstanden, habeil nicht gesehen, daß ich von einer bloßen Theorie spreche, von einem Trauule, welcher vielleicht in tausend Jahren zur Verwirklichung gelangen mag, von dem, was nlöglich sein könnte, wenn der Christ zuerst seine Christologie aufgeben würde. Diese sind es, die das Geschrei erheben, als ob ich deil Ucbertritt zum- Christentunl befürwortete, die Anbetung Jesu und das Eingehen von Mischehen. Ich bin bereit, den vollständigen Text meines Vortrags zum Schiedsrichter zwischen mir und meinen Anklägern zu »lachen. Ich bin bereit, mein gesprochenes und geschriebenes Wort während rneiner Vergangenheit, sowie meine Haildlungen als Zeilgen auftreten zu lasten; sie mögen für meine Loyalität an der Sache des unverfälschten Judentums und die besten Interessen dcr Juden sprechen. Sie »lögen Kunde davon gebeil, ob ich die Ergebung des Judentums an das Christentunl wovon ich nie geträuillt — je befürwortet hätte. Mögeil diese spreche», ob ich je für die Ehe eines Juden mit einer Nichtjüdin, oder Jüdin mit "Nichtjuden, welche nicht vorher unseren Glauben adoptierten — eine Einsegnung, die von mir vorgenolnmen — eingetreten wäre. Mögen diese aussagen, ob die Anbetuilg Jesu oder irgend eines Menschen, irgend eines Wesens, außer Gott — wovon ich auch nie eine Ahnung hatte — je von mir angedeutet wurde. Und deren Entscheidung soll für lnich maßgebend fein." — Und so weiter. Das kommt aber davon, wenn man das, was man „träumt" auf die Kanzel bringt und wenn man, sobald die wachen Zuhörer sich auf Traumdeutung nicht einlasseil wollen, sagt, daß man ganz etwas anderes gemeint habe und „mißverstanden" worden sei.