Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 51 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 51. In der vom 2. Vorsitzenden, Brisch-Mülheim geleiteten Nachmittagssitzung hielt Lehrer Heilberg-Beuel einen Vortrag über den Sagenkreis des Königs Salomo und erntete reichen, wohlverdienten Beifall. In der Diskussion sprach Gut-Köln den Wunsch aus, es möchten auch die jüdischen Sagen in schönen, billigen Ausgaben den Kindern zugänglich gemacht werden. - Nachdem die ausscheidenden Vorstandsmitglieder Brisch-Mülheim und Salomon-Jserlohn durch Akklamation wiedergewählt waren und Freytag-Borcheim für die nächste Versammlung einen Vortrag übernommen hatte, schloß der 2. Vorsitzende, da Herr Dr. Lazarus in der Nachmittagssitzung zu erscheinen verhindert war, die sehr anregende Versammlung mit einen: begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. *t. Aus Oesterreich-Ungarn. Wien, 10. Januar. (Die Zahl der Juden in Oesterreich.) Nach den Aufzeichnungen der statistischen Zentralkommission beträgt die Anzahl der Juden in Oesterreich 1 141 615, nach den einzelnen Kronländern geordnet, wie folgt: Niederösterreich 128 784, Oberösterreich 1078, Salzburg 157, Steiermark 1979, Kärnten 164, Krain 89, Küstenland 5268, Tirol 737, Böhmen 94 479, Mähren 45 324, Schlesien 10 042, Galizien 770 468, Bukowina 82 717 und Dalmatien 329. Aus je 1000 Einwohner der Monarchie kommen 47 Juden. — (Aus Lemberg) berichtet der dortige „Israelit" die wunderbare Mär, daß daselbst in zwei orthodoxen Synagogen, welche Eigentum der Gemeinde seien, an Sabbaten von einein Kantor und seiner „Kapelle" Produktionen ausgeführt werden, zu denen förmliche Einladungen seitens der Synagogenverwaltung ergehen und welche gegen Eintrittskarten a 20 resp. 10 kr. zugänglich sind. Ein Programm zum „Ehanukkakonzert" lautete: „1. Marsch im chainbre separee. 2. Ehanukkagesang. 3. Ouvertüre des „Modell". 4. Ouvertüre. 5. Haneros lialolu. 6. Moaus zur. 7. Ständchen ans Wien. 8. Tow lachsos. 9. Marsch Wien -Paris." — Marsch—aus Lemberg! wäre besser. — (Dem finanziellen Voranschlag des Krakauer) Kultusvorstandes entnehmen wir folgende interessante Daten: Erhaltung der Schächter 9755 99 fl., Erhaltung des Friedhofes 6655 50 fl., zusammen 16 411 49 fl., für Unterrichtszwecke 1000 fl. Diese Gegenüberstellung spricht Bünde. Alle Achtung vor der Pietät gegen die Toten und gegen die traditionellen Ueberlieferungen. Allein eine Kultusrepräsentanz, die für Tote und eine einzelne rituelle Institution mehr als 16000 fl. ausgiebt, dagegen für die Heranwachsende Generation, also für die kraftvoll aufstrebende Jugend, welche die Zukunft und das Leben bedeutet und welche für das Judentum zu erziehen und zu begeistern die vornehmste Aufgabe der jüdischen Gemeinden sein sollte, nur 1000 fl. verwendet, eine solche Kultusrepräsentanz richtet sich von selbst und sollte füglich zu den Toten gelegt werden. Dem sei gegenübergestellt, daß die Wiener Knltusgemeinde, die wohl auch nicht ganz auf der Höhe der Zeit und ihrer Ausgabe steht, in ihrem Jahresbudget für Unterrichtszwecke rund 70 000 fl. ausweist. — (Die Landeskonferenz der israelitischen Distrikts-Präsidenten), die vor wenigen Tagen in Pest zusammengetreten war, beschloß, bei der Legislative und dern Kaiser um Bewilligung zur Abhaltung eines LandeskongreffeS der ungarischen Judenschast nachzusuchen, wie ein ähnlicher im Jahre 1868 stattgefunden, um eine „einheitliche Organisation der jüdischen Konfession" durchzusühren. Die Konferenz beschloß ferner die Schaffung eines Fonds zur „Förderung des Judentums in nationalein Geiste". — (Einsegnung von Mischehen in Ungarn.) Koposwar, 6. Januar Eine solch erregte Generalversanunlung, wie die an: 26. v. M. in den Lokalitäten hiesiger .israelitischen Ku ltu s ge m e i n de stattgehabte, hat es hier vielleicht noch nie gegeben. Anlaß zu derselben bot ein Aufruf des Grundbesitzers und gewesenen Vorstehers Adolf Kunsy an die Mitglieder der Kultunsgemeinde in Angelegenheit des Rundschreibens der Arader israelitischen Kultusgemeinde betreffend die Einsegnung gemischter Ehen. Kaum hatte Präsident Franz Bakonyi den Aufruf verlesen, als die ganze Generalversammlung — 5—6 Personen ausgenommen — in laute Eljenrufe auf den Arader Oberrabbiner Dr. Rosenberg ausbrach. Hierauf trat Herr Adolf Kunsy in schöner und schwungvoller ungarischer Rede für den Standpunkt des Ausrufes ein. Die edle ungarische Nation — hob Redner hervor — hat die Scheidewand, welche das Judentum von den übrigen Konfessionen des Landes Jahrhunderte hindurch absonderte, niedergerissen. Warum sollten wir unsererseits jetzt neue Scheidewände errichten wollend Hierauf mar Rabbiner Dr. Emanuel Herzog bestrebt, sowohl seinen, wie auch den Standpunkt der im Herbste in Budapest gehaltenen Rabbiner-Konferenz zu beleuchten und nachzuweisen, daß dieser Standpunkt der allein richtige sei. Er warnte die Generalversammlung vor einem übereilten Beschluß. Doch seine Beredsamkeit war diesmal fruchtlos: die Einsegnung der gemischten Ehen wurde mit 54 gegen 4 Stimmen zum Beschlüsse erhoben. — Den braven Ungarn ist die Rezeption des Judentums zu Kopfe gestiegen. Wir wünschen, daß der Katzenjammer nicht dem Rausche gleichen möge. *r Aus Rußland. St. Petersburg, 12. Januar. Das Journal „Katolitschefkoje Obosrenije" erzählt von einen: Austausch von Begrüßungsreden zwischen dem gelehrten Rabbiner im Flecken Sserozk und dem katholischen Bischof von Plozk. Letzterer wurde unerwarteter Weise bei seinen: Einzug von: Rabbiner in hebräischer Sprache begrüßt. Derselbe bemerkte u. a.: „Möge Ihre Ankunft ein Unterpfand des Friedens und der Eintracht sein zwischen den Inden und den Christen und mögen sie stets des Gebotes: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" eingedenk sein . . ." Der Bischof dankte und bemerkte seinerseits u. a.: . . . . Inmitten des nun in: breiten: Strom sich ergießenden Antisemitisnlus, haben Sie durch diesen Ihren Schritt bewiesen, daß Sie missen, wie oft die christliche Kirche Sie vor Ausbrüchen des fanatischen Hasses der von der evangelischen Lehre der Nächstenliebe nicht hinreichend durchdrungenen Menge geschützt hat . . . Allen sind die langjährigen Leiden und Unglücksfälle, die auf das Los Ihres Volkes entfallenen und von Hosea so prophetisch vorhergesagt worden sind — wohlbekannt. Doch giebt eü auch andere Weissagungen, die Ihnen eine lichte Zukunft in Aussicht stellen, wo Sic u:it allen und alle mit Ihnen sein werden. Diese Verschmelzung kann nur durch Liebe erfolgen und besteht in der Liebe. Doch hierzu bedarf es nicht nur der Liebe in Worten, sondern auch in: Herzen, da nur in solchen: Falle sie nicht nur ein schöner, aber leerer Klang sein wird., sondern eine Frieden und Glück schaffende Kraft. Doch eine solche Liebe kann nicht hervorgehen aus den: durch Stolz verdorbenen menschlichen Herzen. Sie wohnt nur in jenen: göttlichen Ouell, welcken der Erlöser der Welt hinterlassen hat. Wir brauchen nur mit empfänglicher Hand aus diesem Quell des Lebens und der Liebe zu schöpfen und Sie — zu demselben zu kommen, lind dann wird in Jerusalem der heilig"