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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 50 (sequence 14)
Language
German
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Seile 50. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. Versammlung dein Verbände einen andern Namen gegeben — beschlossen, die Vorstandswahl vorgenommen und über andere wichtige Punkte beraten werden. Der Anschluß ist von der Versammlung einstimmig und unter Hochrusen aus den Verband angenommen worden. In den Vorstand sind — fast alle einstimmig — gewählt: Dr. Adler (1. Vorsitzender), Dr. Sachs (2. Vorsitzender), G. Remak (1. Schriftführer), Dr. Fiegel (2. Schriftführer), G. Jakobsohn (Schatzmeister). — Die nächste, am 4. Februar stattsindende Versammlung wirk eine außerordentliche Generalversammlung sein, da über zwei wicktige Anträge Beschluß zu fassen ist. Einer derselben lautet: Die G.-V. wolle beschließen, die Wissensch. Vereing. jüd. Schulmänner in einen Lehrerverein für die Provinz Brandenburg umzuwandeln. — Zum Gaudium unsrer Leser wollen wir einen Satz aus dem Berichte, den die gesamte gegnerische Presse über die Delegierten-Versammlung des Lehrerbundes gebracht hat, mitteilen: „Die Verhandlungen sind in allen ihren Teilen streng geheim gewesen. Vermutlich (!) haben die Frage wegen der jüdischen Lehrer an christlichen Schulen und die damit im Zusammenhänge stehenden Vorgänge in Berlin eine Rolle auf diesem „Lehrertage" gespielt." — „Vermutlich" hat sich der Spürsinn der antisemitischen Presse wieder einmal gehörig blamiert, denn davon war in der Delegierten-Versammlung mit keiner Silbe die Rede. Die jüd. Lehrer haben ganz andere Sorgen. — Das Ghetto, das Schreckgespenst aller „liberalen" Juden, ist jüngst in London von dem berühmten litterarischen Genre-Maler Israel Zangwill. vor einer überaus großen Versammlung verherrlicht worden. Und das distinguierte Auditoriuiu hat den Redner nicht nur nicht ausgepfiffen, sondern — es ist kaum glaublich! — mit Applaus überhäuft. Allerdings werden nur selten jüdische Angelegenheiten mit solcher Eloquenz behandelt, wie im vorliegenden Falle geschehen. Zangwill begann mit dem Anfänge der Dinge und sprach davon, wie zwei Jahrhunderte nach der üblichen Zeitrechnung Juden und Christen von dem übrigen heidnischen Europa gleich gehaßt und verfolgt wurden. Er skizzierte dann die Geschichte der Juden im Mittelalter, berichtete über ihre Lage in Spanien, Deutschland, Italien und England, wo sie trotz der Austreibung schon lange vor Eromwell's formeller Aufforderung gelebt zu haben scheinen. Er zeigte dann, daß die Beschäftigung des GeldleihenS und des VerkausenS „alter Kleider", die so lange den unsinnigen Begriff eines Juden ausmachte, ihnen von denen, die ihnen nun daraus einen Vorwurf machen, aufgezwungen worden sind. Die Details des Lebens im Ghetto wurden mit viel Phatos und Bilderreichtunt wiedergegeben. Durch die Szenen ging hier und da ein Zug von Humor, der die Tragik der Komik, welche in jenen dunkeln, schrecklich überfüllten Straßen eng bei einander wohnen, beleuchtete. Und Glück wohnt dort auch, das Glück, welches, was immer dagegen auch von Menschen unternonunen wird, nicht verbannt werden kann aus den Herzen, wo Gott lebt. Mit einein kleinen Seufzer wenden mir uns von dem frommen in Ghetto geborenen Juden, der fein Weib fein „Heim" nannte, dessen Religion sich seinem Geiste so eng wie 'der Taliß dem Körper anschmiegte, zur Beschauung unserer eigenen rastlosen Bestrebungen in dieser Welt. — Im Laufe seiner Geschichte brachte Zangwill viele Beweise, die die Behauptungen Earlyle'S und anderer, daß es den Juden an Huinor mangele, entkräftigen sollten. Zmn Schluffe betrachtete er die Zukunft des Judentums. Redner stellte die? - 'e, ob der Jude das Ghetto überleben werde. Der Jude kann nicht nur durch seine Rasse allein erhalten bleiben. Die sozialen Barrieren, welche durch die Ghetto Thore versinnbildlicht sind wurden weggeräumt, mit ihnen siel die eiserne Kette, die den Juden auf den Verkehr mit seinen Glaubensgenossen angewiesen hatte. Wird das Judentum von der hereinbrechenden Flut des Kosmopolitismus weggespült werden? - Die Beantwortung dieser Frage bleibt der Zukunft überlassen. Doch als eine Nation von Priestern bietet sich uns das alte Israel dar, und seine Hoffnung liegt eben in dein religiösen Geiste, der sie allzeit durchweht — sollte sich da das Judentum vor der Apostasie Einzelner fürchtend — Wir werden vielleicht später einmal den ganzen Vortrag bringen. * r Lehrerkonferenz, Am 1. Januar hielt tut Kaiser- Eaf6 zu Köln der Verein von jüdischen Lehrern in Rheinland und Westfalen seine Generalversammlung ab, die von Lehrern und außerordentlichen Mitgliedern recht gut besucht war. Der Schriftführer des Vereins, Lehrer Gut- Köln, erstattete über das verflossene Jahr den Bericht, nach welchem der Verein 80 ordentliche, 400 außerordentliche und 9 Ehrenmitglieder zählt und 1600 Mark Vermögeit besitzt. 200 Mark wurden als Beihilfe zum Eintritt der Mitglieder in die rheinisch-westfälische Unterstützungskasse verausgabt. Lehrer Spier-Bocholt sprach den Wunsch aus, daß allmählich sämtliche Vereinsmitglieder in diese Kasse eintreten möchten und der Verein dieselbe nach Kräften uitterstützen möge, was seitens des Vorstandes bereitwilligst in Aussicht gestellt wurde. Mit lebhafter Genugthuung wurde konstatiert, daß seitens der Vorstände beider Vereine eine Verschntelzung geplant sei. Nun soll endlich das mtbegründete Vorurteil mancher Kassenmitglieder gegen den segensreich und rührig schaffenden Verein schwinden! — 12 Konferenzen wurden abgehalten, bei welchen besonders der 1. Bezirk (Köln und Uingegend), sowie der 4. (Niederrhein) durch eifrige Arbeit sich auszeichneten. Für das Jahr 1896 sollen allen Bezirken folgende 3 Themen zur sorgfältigen Attsarveitung und Besprechung aufgegeben werden: 1) Welche Methode ist die geeignetste für den Uebersetzungsunterricht int Hebräischen? 2) Was könnett die Lehrervereine zur Besserstelluttg des einzelnen Lehrers lhun? 3) Wie kattit eine bessere Fühlung zwischen Vorstattd und Bezirkskonserenzen hergestelll werden? (Antrag Abraham - Kettwig). — Die vom Verein herausgegebene Denkschrift über die soziale Lage der jüdischen Lehrer in Rheinland und Westfalen soll allen Synagogenvorständen und Behörden der beiden Provinzen zugeschickt werdeit. Jedent Lehrer wurde warnt ans Herz gelegt, einen Bericht über seine Lage auSzuarbeiten und denselben seiner Regierung einzusenden. Eine Komntission wird besonders schreiende Mißstände zusantmenstellen und aus Wunsch nähere Auskunft über diese Sache erteilen. Die Lehrer mögen sich dicserhalb an den Vereinsvorsitzenden oder an Sulmattn-Köln wenden. — Eine andere Kommission sichtet die bis jetzt erschienenen Lehrpläne über den jüdischen Religionsunterricht und stellt eventuell einen neuen Plan her. Besitzer solcher Lehrpläne sind freundlichst gebeten, solche Herrn Lehrer Gut-Köln eittzusenden. Portoausgaben werden vergütet. — Eine lebhafte Debatte rief die Beitrittssrage zum T. I. L. B. hervor. Die beiden Delegierten des Vereins, die Herren Dr. Lazarus und Goldschtnidt-Köln erstatteten Bericht über die am 24. und 25. Dezember in Berlin stattgehabte Delegiertenversantmlung. Da betreffs der Abhäitgigkeit vom D. I. G. B. tnancherlei Bedeitken laut wurden, vertagte man diese Angelegenheit nach dem Anträge Sulmanns bis zur Lsterversammlung. —

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