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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 48 (sequence 12)
Language
German
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Seite 48. Aüßemeiur J-raelttische Wochenschrift. Nr. 3. ausging, Geräusch und Schritte wurden vernehmbar. Durch die offene Thür gewahrte man einen Zug mehrerer Männer in jüdischer Tracht hintereinander herschreiten. Bald erschien vor der offenen Thüre eine schwarz verhüllte Bahre, getragen von Männern desselben Zuges. Unmittelbar hinter der Bahre wankte eine gebeugte alte Männergestalt in jüdischer Tracht. Die Gräfin, durch das ungewöhnliche Geräusch aufgestört, richtete ihren Blick nach der offenen Thür; sie sah die Totenbahre, sie erkannte den hinterherfolgenden Reb Josef. Wie ein Dolchstoß fuhr es ihr durch's Herz; ein krampfhafter Schmerz durchzuckte ihren ganzen Leib, das Auge wurde stier. „Amigo! Geliebter, ich komme nach!" schrie sie mit erlöschender Stimme auf und sank in die Kissen zurück. Die Umstehenden eilten herbei. Sie hatte ausgerungen, sie war tot. Die Liebe zu ihrem Lebensretter, den: edlen, hochgebildeten Judenarzte, in's tiefste Innere des Herzens zurückgedrängt, — in der Todesstunde hatte sie sich Bahn gebrochen und alle von mächtigen Vorurteilen gezogenen Schranken übersprungen. Ihre Seele folgte dem Seelengeliebten nach. Ein stiller, einfacher Leichenzug, nach jüdischem Brauche, bewegte sich von der Pforte des Kerkers gegen den jüdischen Friedhof zu. Es war der Leichenzug des jüdischen Arztes Amieser Ben Josef. Hinter der Totenbahre wankte der ulte Reb Josef gebeugt einher. Eine Anzahl Glaubensgenossen begleitete ihn. Hinter dem Zuge, in geringer Entfernung, folgte eine dicht verhüllte Sänfte bis an's Thor des Friedhofes. Dort hielt dieselbe an und vom Eingänge des Friedhofes folgte der Insasse der Sänfte dem mit bekannter Einfachheit vor sich gehenden jüdischen Begräbnisse. Niemand von den Mitgehenden hatte den Mann in der Sänfte beachtet, nur Reb Josef hatte ihn erkannt. Es war der Vater desjenigen, der hier zur Erde bestattet wurde — der König von Polen. — * * * Die letzten Szenen hatten König Kasimir's Gemüt mächtig erschüttert und ihn mehr als je bewegt und zur Milde gestimmt. Die Verschworenen, die auf die strengste Ahndung gefaßt waren, gingen teils mit gelinden Strafen, teils gänzlich frei aus. Das Haupt derselben, Graf Zarnowiecky, wurde blos von der Hauptstadt verbannt. Auf seinen Gütern zurückgezogen lebte er noch lange Zeit, ohne sich mehr mit politischen Dingen zu befassen. Durch eine zweite Ehe wurde er Stammvater eines noch jetzt hochangesehenen polnischen Geschlechtes. Der alte Reb Josef war ganz frei ausgegaugen; für seine fernere Existenz war reichlich gesorgt worden. Aber für den vereinsamten alten Mann war jede Freude in dieser Welt dahin. Nur kurze Zeit dauerte es, und er fand eine Ruhestätte an der Seite jenes Grabes, wo mit seinem Enkel, dem Königssohne, die Ideale seines Lebens eingebettet worden waren. — König Kasimir starb als Letzter ftines Stammes und mußte Reich und Thron feinem Neffen, dem König von Ungarn, überlassen. Sein natürlicher Erbe, sein einziger Sohn schlummerte unter dem Rasen auf dem jüdischen Friedhose. Wochen-Chronik. Berlin, den 15. Januar. Berliner und allgemeine Nachrichten. — Seine erfte Versammlung nach vollzogener Repräsentantenwahl hielt a:n 14. d. M. der Zentralverein für die Jntereffen der jüdischen Gemeinde bei Dräsel, Neue Friedrichstraße ab. Herr Conrad Sch aper erstattete daselbst das einleitende Referat über das Thema: Vor und nach den Wahlen. In dem über alle anfänglichen Erwartungen glänzenden Siege des Zentralvereins bei Gelegenheit der Repräsentantenwahlen glaubt Redner den Ausdruck der festen und bestimmten Willensmeinung aller derjenigen Elemente in unserer Gemeinde erblicken zu müssen, welche Protest dagegen erheben, daß durch radikale Zerstörungswut aus dern altehrwürdigen Gebäude des Judentums Stein aus Stein herausgerissen werde. Nicht gegen Personen, sondern gegen Zustände und Prinzipien sei der Kampf geführt worden, und darum die jetzige Freude über den gewonnenen Sieg eine durchaus berechtigte. Im zweiten Teile seiner Ausführungen behandelte der Vortragende einige in die Praxis einschlagende Punkte, die abgesehen von den großen und durchgreifenden Programmpunkten des Zentralvereins zur Zeit dringend einer Abhilfe bedürftig seien. Eine solche sei z. B. die Frage der Beschaffung des Koscherfleisches; es müsse seitens der Gemeindebehörden endlich einmal dem hier sich breit machenden Unfug ein Damm gesetzt werden. Außerdem sei zu verlangen, daß in Zukunft zu Synagogenvorstehern nicht mehr Leute gemacht würden, denen jüdischer Ritus und religiöse Vorschrift eine terra incognita sei. — Die Diskussion, welche sich an den Vortrag knüpfte, lind an welcher sich die Herren Dr. Bernseld, Redakteur Levin, Spiewkowski, M. A. Klausner, Conrad Schayer u. a. beteiligten, beschäftigte sich fast ausschließlich mit dem zur Zeit wichtigsten Gegenstände innerhalb der jüdischen Gemeinde, der Wahl eines neuen Rabbiners. Sie wurde durch eine von Herrn Levin eingebrachte und verteidigte Resolution provoziert, welche dem Wunsche Ausdruck giebt, daß nn Interesse der religiösen Institutionen der Gemeinde eine Kraft nach Berlin berufen werden möge, die als Autorität auf talmudischem und wissenschaftlichein Gebiete gelte und auf dem Boden des traditionellen Judentums stehe. Dieser Antrag gab Veranlassung zu längeren Debatten und wurde namentlich von Herrn Schayer aus inneren und formellen Gründen bekämpft. Die Resolution blieb schließlich in der Minderheit. Jedoch dürfte noch eine weitere Versammlung des Zentralvereins sich eingehender mit der im gegenwärtigen Moment akutesten aller Fragen beschäftigen. (Wir kommen auf die Rabbinerwahl-Angelegenheit noch in nächster Nummer zurück. Red.) R. W. — Aus dem feindlichen Lager. In der antisemitischen Presse wird dem Kampfe gegen die christlich-sozialen „Jungen" große Aufmerksamkeit geschenkt. Die „Jungen" der Nauurannschen Richtung werden vor dem „Doppelspiel" des „Vater Stöcker" gewarnt und ermahnt, so bald als möglich endgiltig von allen Beziehungen zu Stöcker sich loszusagen. Es wird auch gleich gesagt, welche Parteigeschäfte die Antisemiten hierbei zu machen hoffen: „Die Naumannsche Richtung würde eine sehr nützliche und zweckmäßige Ergänzung der antisemitischen Parteibewegung sein. Die letztere hat bisher ihr Hauptthätigkeitsseld in den Kreisen des Hand-

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