Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nikolaus, führe mich zu meinem Kinde hin. Ich bin auf alles gefaßt. Schnell! Schnell! Ihr Josef kommt mit. Wir zwei sind ja seine nächsten Verwandten." „Ich bin bereit", sagte Wierzynek. „Ich bitte Eure Majestät, mir zu folgen." Wierzynek schritt voran; der König folgte, in seinen Mantel gehüllt. Reb Joses schloß den Zug. Bald waren sie im Kerker allgelangt. Wierzynek hieß alle Mitbewohner der Zelle des Judenarztes unvorzüglich hinausschaffen. Niemand als er und Reb Josef sollten Zeugen des Zusammentreffens des Königs mit seinem Sohne sein. Wierzynek nahm hieraus eine Fackel in die Hand, gab Reb Joses eine zweite, und alle drei traten in die Zelle ein. Kaum eingetreten, schloß Wierzynek rasch die Thüre hinter sich zu und die drei befanden sich vor dem Lager des mit deur Tode ringenden Königssohnes. „Amivser", ries Reb Joses mit gepreßter Stimme, „mein teures Kind, Sohn meiner Esther, hörst Du mich?" Ein leises Stöhnen des Daliegenden, eine leichte Wendung mit dem Haupte und ein halbes Aufschlagen der geschlossenen Augen war die Antwort und der Beweis, daß die Worte verstanden worden waren. „Amieser", sprach der Alte weiter, „ich habe Dich früher gebeten, Dich aus einen Besuch vorzubereiten, der Dich sehr ausregen wird und der die letzte Hülle des Geheimnisses, das bis jetzt über uns gewaltet, fallen lassen wird. Der Besuch ist da. Es ist Zeit, daß Du Deinen Vater kennen lernst. Hier steht er. Es ist der König!" Bei dem Worte „Vater" hatte sich die ermattete Lebenskraft des Sterbenden mit einem Male neubelebt. Das Blut schoß in das leichenblasse Antlitz, die Glieder dehnten sich, der Kranke fühlte mit einem Male Kraft in seinen Muskeln, er erhob sich halb von seinem Lager und richtete seine weitgeöffneten Augen spähend nach dem Winkel hin, wo die in den Mantel gehüllte Gestalt seines Vaters stand. Bei dem letzten Worte seines Großvaters war Amieser mit einem lauten Schrei emporgeschnellt. „Mein Sohn!" schrie der König, aus ihn zustürzend und ihn in seine Arme schließend. Wierzynek und Reb Joses standen stumm und gerührt da. „Mein Sohn", rief der König nochmals, „mein lieber, teurer Sohn, wie ist Dir?" Keine Antwort erfolgte. Das Haupt des Sohnes ruhte regungslos an der Brust des Vaters. „Was ist dies?" rief der König erschrocken. „Um Gotteswillen!" Wierzynek und Reb Joses traten hinzu. Der König hielt nur noch eine Leiche in seinen Armen. Er hatte in demselben Augenblicke zugleich seinen Sohn gesunden und verloren. Den entseelten Körper aus das Lager zurücklegend, sank der König an demselben nieder. Tiefer Schmerz malte sich aus seinen Zügen, reichlich strömten seine Thränen über seine Wangen hinab, er barg sein Haupt in die Falten der ärmlichen Lagerdecke und blieb lange, lange in dieser Stellung. Reb Joses saß still und in seinen Schmerz versunken zu Füßen des Lagers, während Wierzynek stumm dastand und sich seitwärts wandte, um das Mienenspiel seines Antlitzes zu verbergen. Der starke Mann schämte sich seiner Rührung. Eine geraume Weile war bereits vergangen seit Ammser in den Armen seines Vaters feine Seele ausgehaucht hatte, und noch immer verharrte der König in seiner Stellung. Seite 47. Die Fackeln singen an zu Ende zu gehen, und auch draußen war bereits die Nacht hereingebrochen. Besorgt wagte endlich Wierzynek ein leises Geräusch zu verursachen, um den König aus seiner Betäubung zu erwecken. Bleich und verstört erhob sich dieser endlich. „Es ist zu Ende", sagte er traurig, „komm, Nikolaus, laß uns gehen." Einen letzten Blick auf das noch im Tode schöne jugendliche Antlitz seines einzigen Sohnes werfend, wankte er hinaus, gestützt von Wierzynek. „Und Ihr, Josef?" rief Wierzynek im Hinausgehen. „Ich bleibe hier als Totenwacht", sagte der Alte mit dumpfer Stimme. Wierzynek und der König schritten hinaus. „Der Judenarzt ist tot", sagte Wierzynek zu dem herbeieilenden Kerkermeister, während der König sich wieder in seinen Mantel hüllte. Sein Vater bleibt bei ihm als Wacht zurück. Demselben sind die Fesseln abzunehmen, er ist vollkommen frei und allen seinen Anordnungen bezüglich der Leiche seines Sohnes soll Folge geleistet werden." Eine stumme und tiefe Verbeugung war die Anerkennung des Befehles. Wierzynek und der König schritten weiter. An einer Thüre, bei der sie vorbeikamen, stand eine Frauengestalt. Totenbleich, mit abgehärmten Zügen, nur mit Blühe und gestützt aus eine Dienerin sich aufrecht erhaltend, war die ehemals.blendend schöne Gräfin Jadwiga Zarnowiecka kaum mehr zu erkennen. Nur der Adel der Züge war geblieben und hatte wo möglich ein noch verklärteres Gepräge angenommen. „Gnade, Herr, Gnade!" ries sie, als Wierzynek herankam. Deffen verhüllten Begleiter erkannte sie nicht. „Gnade für den Schuldigen, edle Frau", erwiderte Wierzynek, „der Unschuldige bedarf ihrer nicht." „O, es ist für einen Unschuldigen, der ihrer dennoch bedarf", ries die Gräfin. „Glicht für mich, Herr, für meinen Arzt, der, indem er mich schützen wollte, sich selbst preisgab und unschuldig leiden muß." Der König lüftete seinen Mantel; die Gräfin erkannte ihn. „Gnade, Majestät, Gnade!" rief sie, „Gnade für einen Unschuldigen!" „Er ist meiner Gnade bereits entrückt", sagte der König mit dumpfer Stimme; „möge Gott mir dafür gnädig sein." „Tot!" schrie die Gräfin schmerzlich auf, „tot, für mich! Amigo, Amigo!" Bewußtlos sank sie zusammen. „Man rufe einen Arzt", sagte Wierzynek zu den herbeieilenden Dienstleuten „und pflege sie auf's beste. Wenn möglich, soll man sie in ihre Wohnung zurückbringen. Sie ist frei." Der König hatte sich wieder dichter in seinen Mantel gehüllt. Ihn schauderte. Zuviel war über ihn an einem Tage ergangen. Er schritt düster davon, gefolgt von Wierzynek. — Die Bewußtlose wurde auf ihr Lager gebracht und der schnell herbeigerusene Arzt strengte all seine Kunst an, sie wieder ins Leben zurückzurufen. Indes erst gegen Anbruch des andern Morgens kehrte das Bewußtsein in den gebrochenen Leib zurück. Aber es war nur noch mehr eine vor dem Verlöschen nochmals aufflackernde Flamme. Mehrere Stunden lang lag sie so da, schon mehr einer Hinübergegangenen als einer Lebenden ähnlich, nur die aufgeschlagenen, mattglänzenden Augen besagten, daß ihre Gedanken noch auf dieser Erde weilten. Da erscholl vom Korridor her, auf den die Thüre hin-