Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. liehe, mit thränenden Augen nach. Habe ich denn ihren Mann um’s Leben gebracht? Gott sei Dank! Nun bin ich in der Synagoge. An der Thürc nichts weiter als Bettler, die um eine kleine Unterstützung bitten! Herr des Himmels! Wohin flüchte ich mich? Weder zu Haufe, noch auf der Gaffe, noch im Gotteshaufe wird mir der Anblick von Bettlern erspart. Aber wie kam ich darauf, mich nach Warschau zu flüchten? Dies kam so: Meine Frau war schon lange krank, eigentlich seitdem ich nüt ihr verheiratet war oder noch früher. Sie wollte nach Warschau fahren, wo es so viele berühmte Aerzte giebt. Gut denn, sie kann ja fahren! Auf Geld kommt!:s mir gewiß nicht an. Aber nein, setzte sich da die kranke Frau in den Kopf, ich mußte mit ihr nach Warschau fahren; sie fürchtete auf deni Wege zu sterben, ohne mich wieder gesehen zu haben. Du lieber Himmel! Ich kann doch keine Kranken bedienen! Ich würde mir nur selbst die Schwindsucht auf dem Wege holen. Ob sie nicht lieber in Begleitung einer Wärterin fahren wollte? 'Nein. Sie weint Tag und Nacht. Nein zuul verrückt werden. Da hieß es mit einem Male, meine Frau fei sterbenskrank und werde wohl bald das Zeitliche segnen. Die Gemeinde nehme sich vor, mich gehörig zu rupfen. Zehntausend Rubel soll ich bezahlen. Sie ivollen eine Gemeindeschnle damit bauen. Zehntausend Rubel? Uusinn! Da packe ich meine Frau ein und reise lieber nach Warschau! Die Aermste ist aus beut Wege gestorben. . . . Um die Leiche nach Warschau zn bringen hat mich mehr als zehntausend Rubel gekostet. Thut aber nichts. Ich habe doch Recht behalten. Die dort haben keine zehntausend Rubel bekommen und auch keine Schule aus meine Kosten gebaut. In Warschau gefiel es mir unterdessen sehr. Verschlossene Häuser, Fenster mit Gardinen, keine Armen, keine Schnorrer. Natürlich gehe ich nicht nach der Nalewki-Straße, wo ich so viele Arme sehen kann. Wo ich wohne und wo ich verkehre sind keine Armen zu sehen. Da herrscht Ruhe. Und so habe ich Bilanz gemacht. Alljährlich gebe ich zu wohlthätige Zwecke große Suinmen aus. Auf einige tausend Rubel kommt es mir wahrhaftig nicht an. Zehntausend Rubel wollten sie dort von mir haben, eine Gemeindeschule zu bauen. Unsinn! Die Schnorrer hatte ich satt. Neulich aber spendete ich eine gleich hohe Summe zum Bau eines neuen Operettentheaters. Dafür bekam ich keine Schnorrer zu sehen; ich hatte es mit hübschen Damen und Kavalieren zu thun; auch kam mein Name in die Zeitnng. In meiner Heimat konnte ich es mit einigen Rubeln abmachen, mit einer Pfeife Tabak, mit einer Taffe Thee. Aber die ewigen Bettler! Hier gebe ich an Vereine. Ob die Armen ivas davon haben? — — — Aber ich will Ruhe haben! Neulich schenkte ich eine große Sumnie für einen noblen Kavalier, der . . . fremde Gelder verspielt hatte und sich eine Kugel durch den Kopf schießen wollte. Er kam um zu danken. Ein vornehmer Herr; beileibe kein Schnorrer. Ich unterstütze Schauspielerinnen, Ballettänzerinnen, allerhand Vereine, manche Wohlthätigkeitsbälle mit, zahle die höchsten Preise in den WohlthätigkeitSbazaren, werde von den schönsten Damen freundlich angclächelt, in den Zeitungen gelobt, überall eingeladen und gefeiert. Es kostet mich das ungeheure Summen, die ich gerne und mit Vergnügen spende. Eins aber thut mir wohl: Ich sehe keine armen Leute mehr! So, deshalb wohne ich in Warschau! S. B. Zahn um Zahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Schluß.) Der König schwieg eine geraume Weile, nachdem Reb Josef bereits geendet hatte, in tiefes Sinnen verloren. Wierzynek schien in Betrachtung versunken. „Wenn ich nicht schon von Eurer Tochter her wüßte, welche Schätze oft unter unscheinbarer Hülle in Eurein wunderbaren Volke schlummern", sagte endlich der König mit bewegter Stimme, „ich hätte es jetzt aus Eurer Rede entnommen. Ihr handeltet edel, Josef. Eure Rache, wenn es auch eine solche war, war edel. Doch nun zum Wichtigsten. Lebt er noch, mein Kind? Was ist aus ihm geworden? Wo ist er? Wo ist mein Sohn? Sprecht!" Reb Josef schwieg, blos ein schmerzlicher Seufzer entfuhr seinen Lippen. „Was ist das?" rief der König erschreckt, „was soll dieser Seufzer? Warum sprecht Ihr nicht?" „Majestät", sprach Wierzynek mit traurigem Ernste, „wohl ist Grund dazu vorhanden, denn nichts Erfreuliches hat dieser Mann Euch zu melden. Aber die Zeit ist karg zugemessen und so sehr es auch angezeigt wäre, Eure Majestät zu schonen, so darf doch mit dem Reste der Enthüllung nickt mehr gezögert werden. Eurer Majestät Sohn lebt noch und ist in der Nähe, aber nur eine sehr kurze Zeit ist es Eurer Majestät vergönnt, mit ihm zusammen zu sein." „Noch?" ries der König erschrocken, „er lebt noch? Ist denn sein Leben gefährdet? — Wie, Nikolaus, Du wußtest davon und hieltest es vor mir geheim?" „Majestät", erwiderte Wierzynek, „als ich in dies Zimmer trat, wußte ich noch nichts, doch jetzt weiß ich alles. Möge sich Eure Majestät auf Trauriges gefaßt machen: die Stunden des Sohnes Eurer Majestät sind gezählt. Unter den verwundeten Gefangenen, die im Schlosse des Grasen Zarnowiecki ergriffen wurden, befindet sich ein schwerverwundeter jüdischer Arzt. Dieser Arzt, Majestät, ist — Amioser, der Enkel dieses Mannes hier." „Mein Sohn verwundet!" schrie der König schmerzlich auf, „mein Sohn unter den Verschworenen gegen mein Leben!" „illein, Majestät", ries hier Reb Josef, „Euer Sohn ist unschuldig. Im Hause des Grafen Zarnowiecki dadurch bekannt, daß er einst in Spanien die Gräfin auf kühne Weise von Räubershänden befreite, wurde er ihr Leibarzt. Durch einen Zufall muß die Gräfin, die ebenso unschuldig ist wie ihr Arzt, erfahren haben, welche Gefahr ihrem Manne und seinen Genossen drohe und kam, trotz ihrer Krankheit, auf ihren Arzt gestützt, in eben demselben Momente als Warnerin zu den Verschworenen, als dieselben von ihrem Schicksale ereilt wurden. Bei abermaliger Verteidigung der Gräfin erhielt Amisser seine Wunde. Ich hingegen, ich bin schuldig, ich gestehe es ein. Durch Amisfer mit dem Grafen Zarnowiecki bekannt, nahm ich an jener Verfchwörurrg teil, die gegen Eure Majestät gerichtet mar. Eben war ich daran, meinen Lebenstraum verwirklicht zu sehen, als — o Verhängnis! — ein Schwertstoß demselben ein Ende machte — ein Ende für irnmer! Es ist aus! — Alles für mich zu Ende!" Des Königs Züge wurden verstört, er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und blieb einen Moment lang unbeweglich. „Was ihr auch gethan habt, Josef", sagte er dann, sich erhebend, „ich verzeihe es Euch. Ihr seid frei. Und nun.