Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 3. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 45. ein halbes Dutzend wird er noch von dieser Ware zu Hause haben. Der Teufel mag's wiffen! Unter meiner Verwandtschaft zähle ich nicht wenig Schnorrer. Wollte ich ihnen auch nur eine Thürspalte öffnen, sie würde mich rein ausfressen, rein wie die Heuschrecken aussressen. Nein, wer kann Schnorrer je satt machen? Und ich selbst? Wieviel, glauben Sie, besaß ich, als ich mich verheiratete? — Vierhundert polnische Gulden! Natürlich habe ich sie nicht von meinem Vater, dem armen Synagogendiener, bekommen. Aber ich heiratete und mein Schwiegervater versprach mir achthundert Gulden Mitgift. Vierhundert habe ich bar erhalten — der Rest in einem Wechsel, der nie eingelöst worden ist. . . . Sie sehen also, mein Herr, daß ich selber nicht von Kommerzienräten stamme. Woher nun meine Abneigung gegen die Armen? Ja, Sie haben keine Ahnung davon, wie die Armen einen in der kleinen Stadt belästigen. Da lebt man wie in ver Oessentlichkeit . . . . wie in einer Laterne, wie aus der Straße, wie unter dem freien Himmel! Die Fenster haben da keine Vorhänge — die Thüren keine Schlösser! Eine Privatwohnung ist eigentlich tags über und auch bis spät in der Nacht eine freie Passage; wer da will, geht ein und aus. Da sitze ich des Morgens; ich gedenke meinen Thec zu trinken. Wer ist da? — Ach, die arme Milchfrau, die mir seit Jahren die Milch besorgt. Eine arme, kranke, immer hustende Frau. „Guten Morgen, Herr!" hustet sie. „Wo fehlt's, liebe Frau?" — Na, eine nette Geschichte. Eine Kuh sei bei ihr erkrankt, kein Geld im Hause, um den Tierarzt zu holen. Daß sie selber krank ist und des Arztes bedurfte, merkt sie nicht, die Aernffte. Sie sei eigentlich auch mit meiner Frau verwandt. Ob ich ihr nicht einen Rubel „borgen" möchte? Ich „borge" ihr den Rubel. Bin ich sie denn nun los? Bewahre! Sie hustet immer fort, unterbrochen von Dankesäußerungen. Gott möge es mir lohnen. Ihr Leben sei unglücklich und trostlos. Ich will's ihr gerne glauben; aber sie thäte besser, wenn sie ginge. Zum Glück wird sie zu meiner Frau gerufen. Diese ist schon seit Jahren krank und muß das Bett hüten. Durch ihre „Verwandte", die Milchsrau, will sie Stadtneuigkeiten erfahren. Ich glaube, durch solche läßt sich eine Frau auch vom Sterben abhalten. Ich werde wohl jetzt meinen Thee in aller Ruhe zu Ende trinken? Da öffnet sich wieder die Thüre. Es kommt ein alter, gebrechlicher Mann. Sein Vater war in unserer Stadt Rabbiner, von seinen! Gehalt konnte er sich zur Not dreimal in der Woche satt essen, aber keine Neichtümer sammeln. Und sein Sohn, der von Jugend auf gebrechlich ist, hat sich dadurch das Recht erworben, zu schnorren. ... Er nimmt neben mir Platz und stopft sich die Pfeife mit meinem Tabak — also eine Art von Kommunismus. Auch mein Thee scheint ihm zu gefallen. Er trinkt eine Tasse. Na, meinetwegen. Ob ich ihn dann los werde? Er macht gar keine Miene zu gehen. „Wiffen Sie was, Freund," spreche ich in meiner Verzweiflung — „ich gehe in die Synagoge!" Mein Gast ist hochentzückt. Ein reicher Mann wie ich, der die Synagoge besucht! „Gehen Sie in Gottes Namen!" meint er; er aber wolle unterdessen bei mir bleiben, noch eine Taffe Thee trinken und ein wenig ausruhen, da es für ihn zu Hause keine Ruhe gebe. Eine wahre Lantippe habe er zu Hause, die immer keift, selbst zu nachtschlafender Zeit. Der Teufel mag wissen, was ihr diesmal in die Krone gefahren; sie habe die ganze Nacht keine Ruhe gegeben. Was bleibt mir noch übrig? Ich lasse ihn bei meinem Thee und laufe davon. Ich bin auf dem Wege nach der Synagoge. „Guten Morgen!" Ja, was ist schon wieder? Mein Schneider spricht mich an. Ob ich ihm nicht zwei Rubel „Vorschuß" geben möchte? Seine Frau sei niedergekommen, mit Zwillingen niedergekommen. Das eine Kind sei sofort gestorben, das andere thue es jetzt. Die arme Frau liege im heftigsten Fieber. Zu Hause kein Heller Geld. Na, die Melodie kennen wir schon. Unleugbar. Er ist m e i n Schneider. Aber er ist nunmehr der Schnorrerei verfallen. Mit Haut und Haar verfallen. Da giebt es kein Entkommen mehr. Der Anfang ist gut. Zwillinge! Das eine sofort tot, das andere stirbt, die Mutter im Fieber. Na — gut, sehe gut. „Da haben Sie, Freund, zwei Rubel; aber lassen Sie sich ja nie wieder bei mir sehen - — —" In Gottes Namen vorwärts! Ueber den Marktplatz. Was sehe ich da? Armut, nichts als Armut. Abgehärmte Gesichter, nackte Kinder, zerlumpte Greise, früh gealterte Frauen. Der reine Ekel! Betrachten Sie nur die armen Weiber aus dem Marktplatz. Arme, früh gealterte Weiber. Da stehen sie halb erfroren und bieten halbsaules Obst aus. Es fällt der Schnee über sie und schmilzt gleich. Wie es da trieft! Die armen Geschöpfe hauchen sich die von t Kälte steif gewordenen Finger an. Welch ein armseliges „Lbben"! Nein, ich kann die Armut nicht ansehen. . . . Ich muß Ihnen die Wahrheit sagen. Das arnie Weib da, das so elend und siech aussieht - vor wenigen Jahren war sie blendend schön und prunkte in ihrem jugendlich-keuschen Liebreiz! .... Ich war mit ihr damals versprochen. Wir trafen uns während der Feiertage vor der Synagoge und wir erröteten beide. Ich ergriff ihre Hand und sie zitterte in keuscher Schamhaftigkeit am ganzen Körper. Da kamen fremde Menschen und wir gingen beschämt von einander.'Rach den Feiertagen erklärte mir mein Vater, die Sache sei zu Ende; ihr Vater sei ein Schnorrer. Die Aermste heiratete dann einen schwindsüchtigen Mann, der bald darauf starb. Jetzt bietet sie Obst seil. —- Reben ihr hat eine zweite arme Frau ihren Stand. Auch sie verkauft Obst. Eigentlich ist sie mit mir etwas verwandt, das heißt .... sie ist eigentlich sozusagen eine Kousine von mir. Es ist eine interessante, aber gewiß unschuldige Geschichte, die ich Ihnen erzählen will. Eines Tages wollte ich mit ihrem Manne gemeinschaftlich eine Lieferung übernehmen. Wir thaten uns zusammen, jeder mit seinem kleinen Kapital, und fuhren nach der Kreishauptstadt. Auf dem Wege erkrankte mein Kompagnon; er hatte sich den Blagen wohl verdorben, weshalb er in einem fort erbrach. ... Ich kann so etwas nicht sehen; außerdem ivar die Reise nach der Hauptstadt dringend. Ich ordnete einen Boten nach unserer Heimat ab, während ich mit der gemeinsamen Kasse weiter reiste. Der Aermste ist später gestorben, während ich an der Lieferung reich geworden bin. Selbstverständlich habe ich der Wittwe das von ihrem Manne entnommene Geld bis aus die letzte Kopeke zurückgezahlt. Dessenungeachtet schaut mir die arme Frau stets, wenn ich vorbei-