Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. untersten Schichten verbreitet werden. Dann wird man christlicherseits zur Einsicht gelangen: „Das Judentum den Juden" oder mit anderen Worten, daß das, dem auf die Bekehrung und Belehrung der heidnischen Völker abzielenden Christentum vorausgegangene und in stetiger Fortbildung begriffene Judentum seinen Bekennern eine reine und lautere Duelle der Ethik öffnet, aus der man nur zu schöpfen braucht, um zu erfahren, welche moralische Pflichten der Familie, dem Staate und der Gesellschaft gegenüber nach den höchsten Forderungen des absoluten Moralgesetzes zu erfüllen habe. Die I«i>k» und ihr Kiirßuß auf die tzeiliiuiide. Wir entnehmen das Folgende dem „Britisch Medica- Journal": „Jüdische Einflüsse sind in der englischen Medizin niemals zu großer Geltung gelangt, in Süd-Europa aber waren sie einmal vorherrschend. Aus diesem Grunde enthalten auch englische Bücher keinen klaren Bericht über die Bedeutung, die den Juden in der Geschichte der Medizin zukommt. Höchstens weiß man, daß die Juden im frühen Mittelalter sehr hervorragende Aerzten zu ihren Glaubensgenossen zählten, und daß die Aerzte der großen Kaiser und Könige gewöhnlich jüdischer Abkunft waren. Wenige aber — mit Ausnahme der Geschichte der Medizin Studierenden — wissen, in welchem Umfange die wahre Existenz der Medizin dereinst von den Juden abhängig war. Dr. Richard Landau hat eben eine Geschichte der jüdischen Aerzte herausgegeben, die selbst für den Laien des Jntereffanten genug bietet. Nachspürend verfolgt er das medizinische Talent unter den Juden von Moses, ihrem größten Gesetzgeber, der thatsächlich ein Mitglied unseres Standes in seiner höchsten und besten Form war, denn er war Gesundheitslehrer, über Salomon, Elifcha, Jefaiah, Ezekiel und Jesus, Sirachs Sohn bis zu den Essenes, deren aramäischer Wurzel-Stanun beweist, daß sie ursprünglich medizinische Studien trieben, obschon die Sekte sich bald in Mystizismus verlor. Aber erst im ersten Jahrhundert der gegenwärtigen Zeitrechnung begann die wirklich große Schule jüdischer Aerzte mit Akiba und Jsmael, denen um das Jahr 200 Hanina folgte. Hanina war ein Zeitgenosse Samuels, des großen Augenarztes und noch größeren Geburtshelfers, dessen ärztliche Ratschläge lange Zeit in der damals bekannten Welt als unantastbare Allheilmittel galten. Samuel praktizierte erst in Palästina und später in Mesopotamien. Sein Busenfreund war Raw, ein vom ernsten wissenschaftlichen Geiste beseelter Mann, von dem der Talmud erzählt, daß er sein ganzes Vermögen aufwenden wollte, um Leichen zur Zergliederung zu erhalten, denn fein Hauptziel war, sich in der Anatomie fortzubilden. Abba Oumna und Rabbi Gamliel III. hielten im vierten Jahrhundert den Ruhm jüdischer Aerzte ausrecht, die im fünften Jahrhundert in West-Europa geradezu allmächtig wurden. Als die Kenntnis des Griechischen nach und nach verloren ging, machten sie sich selbst zu Meistern des Arabischen und erhielten einen Schlüssel zu all den Litteraturschätzen, die Jahrzehnte lang verschlossen gewesen waren. Bald nachdem Spanien von bcn Khalifen erobert worden war, entstanden im achten Jahrhundert große Schulen in Afrika und in Europa, und in diesen waren die Juden die ersten und leitenden Lehrer. Die jüdische Schule zu Kairo wanderte zuerst nach Cordova, dann nach Sizilien und ließ sich später, nachdem sie an einzelnen Punkten des italienischen Festlandes Station gemacht hatte, in Salerno nieder, von hier gings nach Arles, 'Rarbonne und noch späer nach Montpellier und Paris. Avieennn, eine latinisierte Form von Ebn-Sina, Ebn Zolar, der unter dein Namen Avenzoar besser bekannt ist, Jbn Roschel, oder Avenroes, und Moses ben Maimon, genannt Maimonides, waren die berühmtesten Juden im zehnten und elften Jahrhundert. Tie Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf die Eingriffe der Juden in die Medizin, und sie erlangten von höherer Stelle einen förmlichen Kirchenbann gegen alle die jenigen, welche sich von einem jüdischen Ärzte behandeln ließen, denn das kanonische Recht verfügte, daß ein Jude einem Christen keine Arznei verabreichen dürfe. Während des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts verbreiteten sich die jüdischen Aerzte von Spanien über ganz Europa, ja sie drangen selbst nach dem fernen Osten vor, denn Saad Eddula war Leibarzt und erster Minister der Groß-Cham Argun. Dies war ihre Blüthezeit. Das spanische Dekret vom Jahre 1492 nötigte 160,000 von 800,000 Juden binnen 16 Wochen nach seiner Veröffentlichung Spanien zu verlassen. Etwa der zehnte Teil von diesen nahm seinen Weg nach Portugal und gründete dort Schulen; der Rest wurde zerstreut, aber viele Tausende starben aus dem Wege. Die Verfolgung der spanischen Juden war ein Unglück, aber ein Glück war auch dabei: sie trug dazu bei, die jüdische Rasse über ganz Euroga zu verteilen und die von ihren besten Söhnen besessenen Kenntnisse zu verbreiten. Frankreich und Italien wurden besonders begünstigt, und die Päpste umreit klug genug, mehrere Generationen nach der Vertreibung der Juden aus Spanien, nur jüdische Aerzte zu ihrem persönlichen Dienste zu bestellen." Dr. M. — ch w a r z. Leuilleton. Der Wchlthätn. (Aach dem Hebräischen des I. ti. Percz.1 Sie fragen mich, warum ich nach Warschau übersiedelt bin? — Ich mußte mich vor den Armen flüchten. . . . Bitte, Herr — nehmen Sie ja nicht an, ich sei ein Geizkragen, ein hartherziger Mensch, der nie eine Kopeke für wohlthätige Zwecke geben will. . . . Rein, ganz im Gegenteil. Hundert, ja tausend Rubel spielen bei mir nie eine Rolle. Ich schenke gern. Aber — ich kann einfach die Armut nicht ansehen, die Armut mit ihrem abgehärmten, fahlen Gesicht, ihren matten, eingefallenen Augen, mit ihrem schwindsüchtigen Hinwanken. Gewiß, es ist mir dies unerträglich. Woher bei mir diese Empfindlichkeit, meinen Sie? Wahrhaftig — ich weiß es selber nicht. Wenn Sie glauben, ich sei aus reichem, oder mindestens wohlhabendem Hause, so sind Sie, lieber Freund, aus dem .Holzwege. Mein seliger Vater war — ein Schnorrer, Synagogendiener in irgend einem gottvergessenen Nest, der sich kaum satt essen konnte, dafür aber vom Rabbiner, vom Kantor, vom „Parnaß" und von sonst jedem Lumpen sich die niederträchtigste Behandlung gefallen lassen mußte. Jeder durste an ihm sein Mütchen kühlen. Ich habe noch zwei Brüder, sie leben noch Gott sei Dank . . . Der eine ist jetzt in Brest abgebrannt worden. Ein Bettler — ich sage Ihnen, ein Bettler. Ter andere schnorrt schon seit Jahren, um seine „verjährten" Töchter nach und nach verheiraten zu können. Unzählige besagte Töchter sind bereits verheiratet, natürlich an Schnorrer; aber