Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sir. 3. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 43. wirklichen, und unseren christlichen Mitbürgern ein richtiges und sachgemäßes Urteil über das Judentum, wie es in den Herzen seiner Bekenner lebt, beizubringen und ihnen einen sichern und klaren Einblick in die Entwickelung desselben zu verschaffen. Wodurch? Welchen Weg müssen wir betreten, welche Mittel gebrauchen, welche Kräfte in Bewegung setzen, um zu diesem Ziele zu gelangen, das durchaus erreicht werden muß? Bereits zu Ende des Jahres 1880 hat in einer Denkschrift über die antisemitische Zeitströmung, die in die Hände einflußreicher und für das Wohl des Judentums begeisterter Männer gelangte, der entschlafene Jellinek auseinandergesetzt, daß es notwendig sei, den ethischen Lehrinhalt des Judentums aufgrund der Bibel, des Talmud und der nachtalmudifchen jüdischen Litteratur in einem systematischen Zusammenhänge darzustellen, vorzugsweise in Beziehung auf die Familie, den Staat und die Gesellschaft, und daß eine solche zusammenfassendc jüdische Ethik, welche frei und unabhängig von den verschiedenen religiösen Richtungen und Bestrebungen innerhalb der Judenheit ganz objektiv zu Ende geführt und in die wichtigsten abend- und morgenlündischen Sprachen übertragen, als das verbindliche Moralgesetz des Judentums unter Borantritt der ersten und größten jüdischen Geineinden von Gesamt-Israel anerkannt werde. Die^Einftund Abschnitte in der Geschichte des Judentums werden durch große litterarische Schriftwerke markiert, in denen der Geist einer jeden geschichtlichen Epoche zum Ausdrucke gelangt. So besitzen wir die Bibel, die Mischna, die beiden Talmude und die Midraschim, die religions-philosophische Litteratur, das rabbinisch-talmudische Schrifttum, die Versuche und Unternehmungen, die religionsgesetzliche Entwicklung und Ausgestaltung zu kodifizieren. Jeder dieser aufgezählten Litteraturkreise charakterisiert mit scharfen Zügen das Leben und Streben bestimmter Hauptepochen in der Geschichte des Judentums. Die Signatur unserer Zeit ist nicht der Scharfsinn in der Behandlung talmudischer Probleme oder die .Modifizierung von Gesetzen und Gebräuchen in einem Gefüge von Hauptstücken und Paragraphen, sondern die Ethik, wie sie sich im Laufe von Jahrhunderten durch das Zusammenwirken von jüdischen Weifen in den Talmuden und Midraschim, der philosophischen Denker, der angesehenen Gesetzlehrer und der frommen Moralisten entwickelt und befestigt hat. Im Punkte des jüdischen Moralgesetzes sind alle Bekenner des Judentums einig, mögen sie in zeremonieller Beziehung noch so weit auseinandergehen. Nichts ist daher imstande, daS innerste Leben und Walten des Judentums in der modernen Zeit zu offenbaren als ein Moralkodex, der durch die allmähliche einmütige Anerkennung von Gesamt- Israel eine unvergleichliche Autorität erlangen würde. Eins im Geiste, müßte er der Form nach sich abzweigen und teilen. Es muß nämlich ein großes ethisches Fundamentalwerk geschaffen werden, welches die ethischen Ideen des Judentums mit einem imponierenden geschichtlich ethischen Apparat und der größt-möglichen Ausführlichkeit nach den Anforderungen der philosophischen Systematik behandelt, und ein anderes, kleineres, welches auf gründlichen und umfassenden Studien ruhend in gefälliger, klarer und ansprechender Form, das ethische Material mit Vermeidung pedantischer Paragraphenweisheit bearbeitet. Das erstere Werk soll auf die Männer der Wissenschaft und höheren Intelligenz einwirken und denselben zum Bewußtsein bringen, wie der Strom der jüdischen Ethik durch alle Jahrhunderte rein nnd lauter sich ergießt, ein inuner breiteres und tieferes Bett sich grübt und wie die stcllenweiscn Trübungen desselben nicht von seinem Grund und Boden herrühren, sondern von den Zeitstürmen, welche ihm momentan trübe Elemente zuführten. Das letztere Werk soll sich an die gebildeten Klassen der Gesellschaft wenden und ihnen, ohne daß sie sich anzustrengen brauchen, einen Einblick in das moralische Fühlen, Denken und Handeln der Bekenner des Judentums gewähren. Um ein solches großes, für das Wohl, die Verteidigung, die Ehre, die Ruhe und den Frieden der Juden unbedingt notwendiges Unternehmen glücklich nuszuführen, bedarf es des Zusammenstrebens und Zusammenwirkens jener Männer unseres Bekenntnisses, welche teils durch Namen uud einflußreiche Lebensstellung, teils durch geistige Gaben uud Fachkeuntnisse hervorragen. Alle aber müssen von der hohen Bedeutung dieses Unternehmens tief durchdrungen, und für die Realisierung desselben begeistert sein und gewiß verdient ein solches Werk, das berufen ist, die christliche Welt, Regierende, Staatsmänner, Gesetzgeber, Repräsentanten der Universitäten, Publizisten, Jugendlehrer, gebildete Männer und Frauen zu überzeugen, daß die Judenheit einen so reichen und wertvollen ethischen Fond besitzt, daß sie nicht der moralischen Unterstützung und der ethischen Almosen anderer Religionssysteme bedarf, daß die besten, edelsten, angesehensten und geistig tüchtigsten Männer in Israel an dessen Zustandekoutmen Mitarbeiten, die einen, indem sie es materiell ermöglichen, die anderen, indem sie die Bausteine dazu liefern, damit Meisterhände es vollenden, uud die dritten, indem sie ihren ganzen Einfluß in Bewegung setzen, damit es als der Moralkodex des Judentums oder als der ethische Schulchan-Aruch überall anerkannt werde und so als Schild gegen die feindlichen Angriffe auf die Moral des Judentums dienen könne. Es muß ein Ende nehmen, jenes ungualifizierbare Schau spiel, daß mau pädagogische Ratschläge und ethische Lehren einer Religionsgenossenschaft zu erteilen sich veranlaßt und verpflichtet fühlt, welche das Gebot der Nächstenliebe als das höchste Moralgesetz vor Jahrtausenden vernommen hat, aus deren Mitte jene Männer hervorgegangen sind, die den heidnischen 'Nationen dieses Gebot verkündeten, deren charakteristische Litteratur aus den trefflichsten ethischen Sprüchen und Sentenzen besteht, die in den „Sprüchen der Väter" ein goldenes Ehrenbuch moralischer Weisheit besitzt, deren Leidensgeschichte ein beredtes Zeugnis ist für ihre moralische Stärke und Ausdauer, für die pädagogische Kraft, welche der jüdischen Moral innewohnt! Es müssen endlich die mit fast periodischer Regelmäßigkeit, besonders auf deutschem Boden sich erhebenden Kontroversen über die Gleichwertigkeit und Ebenbürtigkeit der jüdischen Ethik mit der kirchlichen znm Schweigen gebracht und die Ueberzeuguug allgemein verbreitet werden, daß das jüdische Leben und Zusaiumenleben mit anderen Konfessionen und Nattoncn von den strengsten und menschenfreundlichsten ethischen Normen geregelt wird. Um dieses Ziel zu erreichen nnd den ethischen Lehrinhalt des Judentums ein für alle Rial vor periodischen Angriffen zu sichern, muß, wie gesagt, die jüdische Ethik in einem Geiste und in zweierlei Formen bearbeitet von Gesamt-Israel allinühlich als der Ausdruck ihres ethischen Bewußtseins und als ihr moralischer Gesetzeskodex feierlich anerkannt und in den verschiedenen Sprachen in den höchsten, mittleren und