Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609758--1089-9609764
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 42. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. rechten und echten Juden bilden den Grundstock unseres Stammes und den Inhalt seiner Geschichte. Dessenungeachtet muß sich die Wissenschaft des Judentmns auch mit unseren uns äußerlich untreu gewordenen Brüdern befassen, wosern sie Charakteristisches an sich haben und nach einer bestimmten Seite hin die Vollendung des israelitischen Typus darstellen. Gegenstand unserer Wissenschaft ist und in unsere Geschichte gehört jeder Jsraelite, desien Leistungen zum großen Teile ein Erzeugnis der jüdischen Volksseele sind. Glauben etwa unsere Sittenrichter, daß sich die jüdische Wissenschaft nur mit denjenigen befassen darf, die ein Sittenzeugnis von ihrer Polizeibehörde oder vom Vereinsvorstande der „Ethischen Kultur" besitzen? Hätte sich vielleicht das Kuratorium der Lehranstalt s. d. W. d. I. den Wunderrabbi von Sadagora ansragen müssen, ob Börne in den paradiesischen Gefilden weilt? Ist vielleicht Prof. Geiger verpflichtet, bevor er seinen Vortrag über Börne hält, sich zu erkundigen, ob — nach einem talmudischen Bilde - noch immer dem Grabe Börnes Rauchwolken entsteigen? Nein, ihr unerbittlichen Richter! Was ist uns Börne, was ist uns Heine? dürfen und sollen wir fragen. Nicht nur die Dankbarkeit gegen diese Männer, die ihre Löwenstimmen für unsere Befreiung von politischer Knechtschaft erhoben, die ihre schneidige Waffe gegen unseren Feind gerichtet haben, sondern auch das rein wissenschaftliche Interesse legt uns die Pflicht auf, diesen Geisreshelden im Heiligtum unserer Wissenschaft Altäre zu errichten. Es gilt zu zeigen, was sie dein Judentum verdanken, wie sie sich über bas Judentum geäußert nach der Taufe, woran sie seelisch gekrankt haben und zu welchen verderblichen Inkonsequenzen sie ihre Jugendthorheiten geführt haben. ES gilt zu zeigen, daß ihre gehässigen Auslastungen über Israel, die mit der dem jüdischen Stamme innewohnenden Neigung zur Selhstk r i t i k z u s a m m e «hängen, sich aus ihren eigenartigen Seelenkämpfen erkläret: lassen. Derartige Erwägungen werden sicherlich nicht vermehren die Zahl der „getauften Nichtchristen jüdischer Abstammung". Ich kann nicht glauben, daß jemand sich taufen wird,, um — gleich Börne — von einem jüdischen Professor besprochen zu werden, oder um sich persönlich zu uberzeugen, inwieweit Börne und Heine mit ihren dreisten Auslassungen über die Wirksamkeit des Weihewaffers auf verstockte Juden im Rechte waren. Börne und Heine sind, trotz ihrer großen Fehler, die wir nichts beschönigen, trotz mancher Taktlosigkeiten, die wir gleich unseren christlichen Brüdern verurteilen, Geist von unserem Geiste und Fleisch von unserem Fleische. In dieser richtigen Erkenntnis hat der berühmte hebräische Schriftsteller Schulman in der heiligen Sprache Börne's Leben und Streben behandelt, hat Kaufmann seine allgemein anerkannte Kenntnis der jüdischen Geschichte in den Dienst der Heineforschung gestellt, durch seine interessante Ermittelung der Ahnen Heine's. Auch ein gesch. Mitarbeiter dieses Blattes, der mit Eifer und Geschick gegen die nicht getauften Apostaten in unseren Reihen kämpft, hat, wenn ich nichts irre, Heinrich Heine dem Hebräisch lesenden Publikum zugeführt. In der Zukunft werden bei der Behandlung unserer Geschichte dieses Jahrhunderts gar viele eine Rolle spielen, die sich dem Judentum entfremdet haben, unbewußt aber in demselben wurzelten. Gewiß ist die Thatsache beschämend für unser Jahrhundert, daß so viele Abtrünnige selbst auf den Ruhmesblättern unserer Geschichte verzeichnet sind. Aber was will das sagen bei einem Jahrtausende alten Stamm, der so oft seine Anhänglichkeit an den Glauben der Väter mit seinem Blute bezeugt hat, was will das sagen in Anbetracht unserer moralisch-geistigen Errungenschaften selbst in diesem so viel beklagten und angeklagten Jahrhundert? Ein Stamm, der Heine und Börne als seine Schatten betrachtet, der sich erst die Frage vorlegt, ob diese Herren die Gallerie sei' ner Helden nicht verunzieren, darf sich als auserwählt preisen. Börne, Heine und andere, die in ihren reiferen Jahren so stolz aus ihre Herkunft waren, wären es in ihrer, jüdischen Verehrung alles Erhabenen in noch höherem Maße gewesen, wenn sie sich bewußt worden wären, daß ihr Stamm selbst Männer ihrer Bedeutung nicht ohne weiteres in die Hallen des Ruhmes seiner Geschichte läßt. 8uum ouique. III. Mit sehr großen Schwierigkeiten ist die Realisierung unsrer zweiten, an die Bekenner des Christentums gerichteten Forderung verbunden, daß sie nämlich das Judentum mit ganzen: Herzen anerkennen möge als eine Religion, welche ebensogut wie ihre eigne die lauterste Moral lehrt und die pädagogische Kraft besitzt, ihre Anhänger zu gerechten und guten Menschen, zu loyalen Bürgern, zu hingebenden Patrioten, zu friedfertig und brüderlich gesinnten Mitbewohnern auszubilden, denen man daher nicht ein neues Evangelium zu predigen und die man nicht zu einem neuen Glauben zu bekehren brauche, um sie etwa aus den Fesseln des Heiden tums und den Banden moralischer Verwahrlosung zu erlösen. Um einen Einblick in die Schwierigkeiten zu gewinnen, die der Erfüllung dieser zweiten Forderung in: Wege stehen, braucht man nicht etwa an die große Menge zu denken, welche die absonderlichsten Vorstellungen von den: Lehrinhalte des Judentums hat, sondern man n:uß dabei die Elite der christlichen Intelligenz vor Augen haben. Ein sehr hoher Staatswürdenträger z. B. war frappiert in einer israelitischen Wohlthätigkeitsanstalt die Inschrift „Liebe deinen Nächsten une dich selbst" zu finden und fragte, ob denn auch neu testamentliche Sprüche ir: öffentlichen Gebäuden der Juden angebracht werden? Unter den Professoren der Universitäten, deren Lehrfach die Bibel und die nachbiblische jüdische Litteratur bildet, ist eine objektive Kenntnis und Darstellung des Judentltms kaum zu finden. Das alte Testament fasten sie in ihrer Weife auf und nicht im Geist derer, denen es nicht ein Werk hohen Alters, sondern Seele und Lebet: ist. Denn vom religiösen und praktischen Gesichtspunkte aus darf die Grundschrift eines Glaubensbekenntnisses nicht nach den Thaten der Philologie und Altertumskunde beurteilt werden, sondern nach der Erklärung, Ausdeutung und Auffassung derjenigen, für welche sie seit Jahrhunderten Lebensregel und sittliche Norm ist. Mit dem Geiste des Talmud sii:d sie durchaus nicht vertraut. Sie kennen und verstehen einzelne Sätze und Aussprüche, nicht aber immer die Methode und Gewandung desselben. Auch sind sie nicht über seine praktische Geltung stets in: klaren und können nicht so leicht von einer gewissen Befangenheit sich losfagen, die sie hindert, den Talmud objektiv und aus seinem innersten Wesen heraus aufzufassen und zu beurteilen. Es wird daher jedermann einleuchten, daß es unverdrossener Arbeit und ausdauernder Anstrengungen bedarf um unsere Forderung: „Das Judentum den Jude,:", zu ver.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.