Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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V Nr. 3. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 41. Geist und Sinne derjenigen Geburtsstadt, die die Ehre hatte, seine Persönlichkeit das laicht der Welt erblicken zu lassen, geleitet sehen. Wer kein Ehrenamt in der neu konstituierten Gemeinde erhält, erkennt darin ein verletzendes Mißtrauensvotum, das ihn zum natürlichen Gegner der Verwaltung und zum unvermeidlichen Steuerrenitenten macht. Dies hindert jedoch nicht, daß man von der vollendeten Thatsache sogleich alle Konsequenzen, die sich erst in Jahrzehnten vollziehen könnten, verlangt. Wer (5 Mk. Gemeindesteuer entrichtet, verlangt dafür: eine oder auch zwei große Synagogen, einen Gottesacker, eine unerschöpfliche Armenkasse, mehrere Unterrichtsanstalten mit den besten Lehrkräften ausgerüstet, einen wohlbestellten Prediger, einen oder mehrere Kantoren rr 1a Sulzer und eine Dag und beacht arbeitende Kanzlei, die zu jeder beliebigen Stunde jedem beliebigen Bettler Rede und Antwort, Rat und Geld geben solle — all' das für 6 Mk. Gemeindesteuer des Jahres. Der Titel Synagogengemeinde lockt das Proletariat und die ganze Brut des Pauperismus aus allen Genisten und Schlupflöchern hervor, das seinen Jammer ausschrciet und Hilfe heischt, während die bemitteltern Personen nur durch äußersten Zwang zur Tragung der Lasten verhalten werden können, und dies um so weniger, als die Bevölkerung in jahrelanger Stagnation vollständig undiszipliniert gelassen und niemals zur Ordnung herangezogen wurde. Die kleineren Betvereine wie ihre Kultusbeamtcn, erweisen sich unbotmäßig und die allerdings einsichtsvollere Repräsentanz verliert die Geduld, das Ehaos zu entwirren und mit Konsequenz die Institutionen erstarken zu lassen, unternimmt die problematischsten Experimente, beschließt und verwirft wieder, was sie beschlossen, denn umtobt, uipschwirrt, von tausend widersprechenden Forderungen belästigt, entsinkt ihr der Mut nuszuharren — und sie befindet sich dem Graus gegenüber, wie der Zauberlehrling, der die Flut herbeigerufen und die Formel sie zu bannen vergessen hat. Run entstehet die Frage: Wie soll den Kleingemeinden und von wem geholfen werdend Wie ließe sich den kleingewordenen, also verarmten, wie den kleingebliebenen, also ursprünglich armen, wie den BorortSgemeinden in ihrer Zerrissenheit wirksam unter die Arme greisen? Was ist «ns öärnk? Po» Tr. I. N i c in i r o >v c r- In der vorigen Nr. dieses Blattes wurde das Programm der^zu Gunsten des Stipendiensonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums veranstalteten Montags-Borlesungen abfällig beurteilt. Die Themata stehen zunächst in keinen! Zusamrnenhang mit dem Judentuni, was man doch von einein BortragseykluS erwartet, der vom Kuratoriunl einer Rabbinerschule veranstaltet wird. In der Thal, das Faktum, daß litterarische Unternehmungen zum Zwecke der Unterstützung jüdischer Gelehrter nicht ausschließlich der Verbreitung der Wissenschaft des Judentums dienen können, sondern sich auf die allgemeine Wissenschaft beschränken müssen, ist tief traurig. Diese Erscheinung berechtigt aber keineswegs zn einer Anklage gegen die Veranstalter von „Unterstützungs- Borlesungen", bei denen finanzielle Momente die Hauptrolle spielen müssen. Wenn rnan sich den Zweck setzt, mittelst Abhaltung litterarischer Abende u. s. w. größere Geldsunnnen für Jünger der jüdischen Wissenschaft zu schaffen, so ist inan verpflichtet, bei der Feststellung des Programms für die Litteraturabende in erster Reihe für Themata zu sorgen, die auf die Teilnehmer solcher Veranstaltungen eine Anziehungskraft ausüben. Ueberdem sind die Montags-Vorlesungen wohl von der allgemeinen berufsmäßigen Wirksamkeit der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, mit der ich übrigens in keiner Beziehung stehe, zu trennen. Die Montags-Vorträge und die einen! ähnlichen Zwecke dienenden Vorträge, die von konservativer Seite jährlich inszeniert werden, müssen ebenfalls, wenn sie aus zahlreiche Beteiligung rechnen wollen, in einen! gewissen Sinne einen nichtjüdischen Charakter nnnehmen. Wenn schon — wird die gestrenge Redaktion einwenden — so lasse man ivenigstens die feierlichen Vorlesungen über die Antijuden, die Vorträge über Börne und Genossen! Was ist der Apostat Börne, was sind uns feine Taufgenoffen, daß mir sie einer offiziellen Besprechung würdigen sollen? Sind denn getaufte Juden, mögen sie sonst noch so berühmt sein, Forschungsobjekte der Wissenschaft des Judentums? Diese prinzipielle Frage drückt mir die Feder in die Hand. Ich weiß mich selbstredend von jeder Vorliebe für Abtrünnige frei. Jeder Jude, der es nicht blos dein Namen nach ist, kennt keine Sympathie für Apostaten. Das jüdische Herz, in den! die heilige Asche aller Märtyrer unseres Stanunes aufbewahrt ist, kennt keine Vorliebe für Leute, die den! Judentum, das Israel mit feinen! Herzblut verteidigt, den Rücken gekehrt! Der jüdische Verstand läßt sich nicht täuschen, sondern sieht in jeden! Austritt au,> dein Judenturn eine Charakter- und Pietätlosigkeit. Auch das Anstandsgefühl Israels, des ältesten Adels der Welt, fühlt sich durch einen leichtsinnigen Verrat der alten Fahne des Judentums verletzt. Denn der Anstand gebietet auch dem freireligiösen Israeliten — mit lind Akosta gesprochen —■ „zu leiden mit den Leidenden", sich nicht zu trennen von den Bedrängten und Bedrückten, von den von allen finstern Mächten der Gesellschaft verfolgten Slamntesbrüdern. Trotzdem bin ich der Ucberzeugung, daß Börne, Heine und andere Apostaten, bei denen sich, trotz ihrer unjüdischen Steigungen, großartige Züge jüdischer Geistesgröße finden, der jüdischen Geschichte angehören. Grütz hat nicht fehl gegriffen, als er sich in diesem Sinne entschied. Soll die jüdische Geschichte inehr als ein bloßes Gedenkbuch frommer Gemüter und ein Ehrenverzeichnis schöner Thaten sein, soll sie aus der Höhe der modernen Geschichtswissenschaft stehen, so gehören in dieselbe alle Eharakterköpfe, auch wenn eine christliche Maske ihr wahres Gesicht verbarg. Soll die Psyche Israels erkannt werden, so müssen alle eigenartigen Gebilde, die unsere Gemeinschaft hervorgebracht hat, einer kritischen, von jeder gefühlsmäßigen Wertschätzung losgelösten Betrachtung unterworfen werden. Wie die Psychologie in der Gegenwart, besonders in Frankreich und Amerika, ihr Augenmerk den anormalen Zuständen der Seele zuwendet und so indirekt die Natur des Psychischen ermittelt, so gewinnt auch die Völkerpsychologie an Erkenntnis des jüdischen Wesens, wenn sie die anorinen Verhältnisse und die ungewöhnlichen Erscheinungen Israels betrachtet. Ich stehe allerdings nicht auf dem Standpunkt Zangwills, für den Börne-Juden die wichtigsten Gestalten unserer Geschichte sind. Ausnahrnemenschen sind interessant, Helsen über die Langweiligkeit mancher Geschichtsabschnitte hinweg, sind einflußreiche Faktoren, aber entscheidend für die Entwicklung eines Volkes ist die große Masse seiner gesunden Durchschnittsmenschen. Nicht die Ausnahme-Juden, sondern die m •1-