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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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Seite 40. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. Lehrer. Aufgabe der Rabbiner wird es aber auch fein, sowohl auf der Kanzel als im privaten Verkehre daraus hinzuweisen, welche hohe Bedeutung eine würdige Acier des „Freitagabend" für das Gemüt unserer Binder hat. Die Klnilgkiiieiiidtii. IL Wo üppiges Wachstum ist, da giebt cs auch viel Seitensprof; und RelnnwuchS, und Strauchwerk wie Gestrüppe verkünden die 9iähe des Waldreichtums. So lausen riesige GebirgSspsteme in Hügelketten aus, bilden sich Sümpfe und Wassertümpel in der Nachbarschaft größerer Flutenbehälter — und ebenso lagern sich in unmittelbarer Nachbarschaft der großen Gemeinden kleinere Ansiedelungen von eigentümlichem Charakter ab: — die sogenannten Vorortsgemeinden, deren Verhältnisse einer eingehenden Würdigung bedürfen. Die meisten VorortSgemeindeu sind als zusammenhangloses Aggregat von Individuen, die, teils das Erwerbsbedürfnis, teils die Wohnungsnot der Großstädte hierher geführt hat, auf die Welt gekommen. Gin Gemeinsinn der von den Fluten der Freizügigkeit aus aller Welten Enden herbei- und übereinandergeschwemmten jüdischen Bevölkerung ist von vornherein ausgeschlossen. Niemand hat hier liebgeivordene Traditionen, niemand Jugenderinnerungen, die er an die Stätte knüpfen, niemand ein Pietätsgesühl, das die Liebe zur Heimat ersetzen könnte. Hat auch der Eine oder Andere dort seine wirtschaftliche Eristenz gefunden, selbst Liegenschaften oder Güter erworben: sein Herz ist dennoch mit geringerer oder größerer Lebhaftigkeit der Gemeinde seines Geburtsortes anhänglich —■ und die Fremde wird ihm doch niemals zur wahren Heimat. Bei dem Mangel eines jeden Kommunitätsgefühles, kann die Stammes- und Religionsverwandschaft, deren die jüdischen Individuen sich allerdings sehr rasch bewußt werden, nur die Bildung von Vereinigungen veranlassen, aber niemals das Bedürfnis, eine Gemeinde zu bilden, lebhaft genug anfachen. So entstehen denn zuerst Andachtskonventikel, Wohlthätigkeitsvereine, die unabhängig neben einander wirken, und nicht selten in einem mehr oder weniger latenten (Grolle sich gegenseitig Rivalität bereiten. Jedes Konventikel bestellt seine Ritusbeamten, erwählt sich seinen Vorstand, regiert fidi oder zerstiebt, wenn die spröden und ungefügigen heterogenen Elemente sich in einander nicht zu schicken vermögen - - und da bekanntlich die vereinzelten Pfeile der Widerstandskraft entbehren, so brechen und zersplittern sie rascher, als sie geschmiedet wurden. Hierzu kommt noch die fortwährende Fluktuation, in welcher die auf- und niederwogende jüdische Bevölkerung begriffen ist, die jeder statistischen Berechnung spottet, indem sie ihr die Basis entziehet. Die jüdische Einwohnerzahl erweist zu jedem llmzugstermine ebenso erhebliche.Differenzen, wie die approximative Schätzung ihrer Vermögensverhältnisse, was mit denn oben geschilderten Gefühle der Heimatlosigkeit zusammenhüngt. Diejenigen Familien, welche die Wohnungsnot der Großstadt gezwungen hatte, hier ihr zeitweiliges Domizil auszuschlagen, gravitieren natürlich nach dem Hauptorte, und geben diesen! Zuge, sobald es ihre Mittel gestatten, ungesäumt Folge. "Rur wenige denken im Vororte stabil zu bleiben, und auch diese nur so lange, als sich ihnen der Wohnsitz lukrativ genug erweist. Manche konnnen in Dürftigkeit hierher, gelangen zu Vermögen, und kehren dann dem Vororte den Rücken, wie die reisgewordene Pflanze sich dem Düngerhausen entringt, aus dessen Fette sie sich großgenährt Sv gehört denn stets die überwiegende Majorität der Vorortsjudenschaft dem erbarmungswürdigsten Proletariat und dem uni das Brot des Elends mit dem härtesten Geschicke ringenden Kleingewerbe an, und um diese Majorität ist das Baud der Zusammengehörigkeit so locker geschlungen, daß jeder Wellenschlag des Verkehrs Mitglieder dem Reigen zuführen und entreißen kann. Was die bemitteltere Minorität anbelangt, so betrachtet sie sich als eine Summe zufällig nebeneinander wohnender versprengter Glieder der nachbarlichen großstädtischen (gemeinde,^ wohin sie ihre Spnagoaensteuer leistet, während sie dein disfoluten Hausen um sich herum einige Almosen zuwirft. Die große Gemeinde erkennt in der Vorortsjudenschaft nur. die Brutstätte des Pauperismus, der als Schmarotzerpflanze sich an den Stamm der reichen Glaubensgeuossenschaft herandrängt, und ist aus allen Kräften bestrebt, sie sich vom Leibe zu halten. Die Großgemeinde will diese buntscheckigen Kleingemeinden nickt organisieren noch regieren — miD diese selbst können nicht selber sich regieren, und so verfallen sie der Stagnation, wie solche im Gefolge jeder Anarchie ist. "Nach jahrelangem Siechen in dieser Weise rafft sich denn doch zuweilen irgend eine hochherzige Seele in den bemittelteren Mitgliedern der Kongregation enipor und versucht es, wie Cäsar, lieber der Erste im gallischen Dorfe, als der zweite in Rom zu sein, zumal als ihr das Verständnis für Komunalwesen und Organisation ausgegangen ist, und ihr gar bald einleuchtet, daß all die Wässerleiu, die einzeln versickern, leicht zu einen! inüßigen, aber doch immerfließenden Strome vereinigt werden könnten. Der Heilsgedanke dämmert heran, der Gedanke wird Wort, das Wort zur That das Morgenrot der künftigen Gemeinde in dem Vorort feiert seinen Anbruch. Der hochherzige Schöpfer der irn Anbruch begriffenen Gemeinde ist in der Regel ein Mann von Energie, Opferwilligkeit und echt religiöser Gesinnung, erfreut sich eines mächtigen Einflusses, einer angesehenen soziale» Stellung und hat sich bereits auf anderen Gebieten seiner bürgerlichen und gemeinnützigen Thätigkeit den wohlverdienten Ruf erworben. Mit Recht glaubt er also voraussetzen zu dürfen, daß sein Prestige auch inmitten der eigenen Glaubensgeuossenschaft von erfolgreichster Wirksainkeit sein würde, um so mehr, als sich ihm die hervorragendsten Persönlichkeiten gern anschließen und seiner Führerschaft vertrauen. Nun wird vvr allein ein Statut entworfen, dessen Ausarbeitung, wie bereits erwähnt, einem Juristen übertragen wird, der das Gesetz nicht aus dem faktischen Bedürfnisse erwachsen läßt, sondern un-gekehrt, die Logik der Thatsachen der reinjuristischen Formel unterordnet. Das Statut ist fertig, springt, wie Minerva gewappnet, aus der Stirne des Paragraphenjupiters, die Behörde untersucht nichts weiter als die Verträglichkeit desselben mit dem Vereinsgesetze und nun soll dieser a priori und aus der Vogelperspektive erdachte Organismus in Aktivität gesetzt werden. Was unter solchen Mißständen hätte vorausgesehen werden können, trifft ein: von Tausenden sind nicht Hundert, welche das Bedürfnis einer eigenen Gemeinde begreifen und die nicht zwangsweise zu Beiträgen verhalten werden müßten. Das Gerülle kennt keine Gemeinschaft, hier fühlt sich nicht einer in dem andern; eine Ehre der Gesamtheit, welche einen esprit de corps ausmachen sollte, ist nicht vorhanden, denn kein Mitglied hat seine Traditionen in dieser Ortschaft übernonnnen und jedes möchte die Gemeinde in dein

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