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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 39. Die Kkitasadend-Fkier. Wie ein Echo des vorstehenden Rufes klingen die folgenden Zeilen, die mir einem Aufsatz über „Innere Mission" entlehnen, die Rabb. Dr. Biach-Brüx in der Dezember-Nummer der „Indischen Chronik" veröffentlichte. Dr. Biach schreibt: Es läßt sich nicht leugnen, daß die jüdischen Eltern unserer modernen Zeit alles aufbieten, um ihre Binder zu gebildeten und kenntnisreichen Menschen zu erziehen. Doch mögen unsere Kinder noch so viele Sprachen lernen, die Sprache des Herzens werden sie dann nur zu führen imstande sein, wenn von Seiten der Eltern religiöse Freude ins Herz der Kinder gepflanzt wird. Man gebe sich keiner Täuschung hin': Durch trockene Morallehren, und mögen dieselben noch so oft den Kindern gepredigt werden, wird man in den seltensten Fällen gemütvolle und felsenfeste Charaktere erziehen; die Lehrer mögen noch so oft zu ihren Schülern von der Ehrfurcht gegen die Eltern sprechen, mehr als durch alle diese Lehren und Mahnungen wird dieses heilige Gefühl geweckt werden, wenn der Vater jeden Freitag-Abend in dem sabbatlich erleuchteten Hause die Hände segnend auf das Haupt des Kindes legen wird. Mich ergreift noch heute eine heilige Scheu, wenn ich daran denke, wie mein seliger Vater die Hände segnend auf mein Haupt legte. Und dies wird gewiß bei all' denjenigen der Fall sein, die noch das Glück hatten, von ihren Eltern gesegnet worden zu sein. Es ist merkwürdig: Ans allen Gebieten des Unterrichts erkennt man, daß die Anschauung von der größten Wichtigkeit ist; nur in der Religion erkennt man dies nicht und glaubt durch abstrakte Begriffe auf das Gemüt des Kindes wirken zu können. Wer nur etwas Psychologie versteht und nur ein wenig aus das praktische Leben achtet, wird sich bald davon überzeugen, daß trockene Moralsätze noch sehr wenig geholfen haben. Vor allem müßte zum Heile unserer Kinder die Freitagabend-Feier wieder eingeführt werden. Diese Feier ist heute trotz unserer veränderten Verhältnisse möglich, ja notwendig. Ich kann es mir nicht versagen, hier die Worte der Rahida Remy anzuführen, weil dieselben auch in weiteren Kreisen nicht nur gekannt, sondern auch beherzigt zu werden verdienen. „Einmal in der Woche," so bemerkt R. Remy in ihrem lesenswerten Buche „Das jüdische Weib", „findet sich die Zeit, sich und seine Kinder aus der Niederung des Lebens zu der fröhlichen Feier eines Tages zu erheben, der in vergangenen Zeiten seine Strahlen über die ganze Woche gebreitet hat. Gesetzt aber den Fall, der übereifrig Geschäftige käme wirklich erst um 8 Uhr nach Hause — was hindert ihn, den Rest des Abends noch feierlich zu begehend Und sollte er nicht seiner Erschöpfung und Verdrießlichkeit besser als in rauchigen Spielzimmern, blendenden Theatern, im eigenen trauten Heim Herr werden, angesichts der festlich gekleideten Gattin, der geschmückten Tafel, des spezifischen Lichterglanzes, der froh und erwartungsvoll dreinschauenden Kinder? Was hindert die Frau, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, sich und das Heim und die Kinder zn schmücken, ihnen in der sinnreichen Zeremonie des Lichteranzündens ein Symbol der Weihe und der Heiterkeit zugleich ins Herz zu pflanzen? Die Erziehung des Kindes zur Pietät und Liebe zur Religion hängt daran, und sie sollte dieser Erziehung wegen, welche die ganze Zukunft des Gemütes bestimmt, nicht eine Tagesordnung anpassen können? Einmal in der Woche? Man hört oft die Klage, daß das Kind der Religionsehre so wenig Interesse entgegenbringe. Woher soll dasselbe ommen? Empstndet doch das Kind die Religion nur als Schullast mehr, von einem fremden Manne zu allen übrigen Aufgaben ihm aufgebürdet, statt daß die Empfänglichkeit dafür in der Familie sanft vorbereitet würde. Dazu ist die Sabbatfeier da. Bedeutungsvoller noch als für die Eltern ist sie für das Kind. Wenn es die Freude auf den kommenden Sabbat mitsühlen lernt, wenn es die geschmückte Mutter in der Vorbereitung zur Feier beobachtet, sie die Lichter anzünden sieht, ihren Segen hört, wenn es dem heimkehrenden Vater entgegeneilt, dieser mit Handauflegen das Kind segnet, alle um die gedeckte Tafel sich reihen, der Vater mit dem Segen über Wein und Brot die Weihe des Tages „Kiddusch" vollzieht, und die Familie in fröhlicher Feierlichkeit den Abend beschließt — dann ahnt das Kinderherz, was Religion ist und wird auch ihre Lehre in der weihevollen Stimmung aufnehmen, ohne die sie eine leere Formalität büiben, gleichgiltig, wenn nicht unwillig ertragen, vielleicht gänzlich abgeschüttelt wird." Soweit Rahida Remy. Wenn nun aber den Eltern auch dieses Opfer zu groß ist, nun dann bringen sie ihre Kinder um eine Freude, die sie ihnen weder durch Geld noch sonst irgendwie ersetzen können, dann bringen sie auch sich selbst um jene heilige Scheu und Ehrfurcht, die ehemals von jedem Kinde den Eltern entgegengebracht wurde; findet man ja heute schon Beispiele genug, daß die Kinder nicht mehr den nötigen Respekt ihren Eltern entgegenbringen. Dies kommt nicht zum geringen Teile daher, daß die Kinder alle möglichen Sprachen lernen, nur nicht die Sprache des Herzens. Wem trotz aller dieser Gründe die Feier des Freitagabends noch immer als zu großes Opfer erscheint, der möge ein schönes Wort unserer alten Lehrer beherzigen: Gott habe einst, so bemerken sie, zu Israel gesprochen: Wenn Ihr darauf achten werdet, die heiligen zur Weihe und Andacht stimmenden Lichter anzuzünden — sei es die Chanucka-, Sabbat- oder Festlichter — dann werde ich auch Euer Licht, Eure Seele fortleuchten lassen, denn die Seele des Menschen ist ein Licht in Gottes Hand." Bedenke, so sagen unsere Weisen ferner, daß zwei Engel am Freitagabend im Hause des Israeliten erscheinen, der Engel des Guten und der Engel des Bösen; ist das Haus sabbatlich erleuchtet, der Tisch festlich geschmückt, da spricht der Engel des Guten: „O, möchte doch auch am nächsten Sabbat jene freudige Stimmung in diesem Hause herrschen!" Und wider seinen Willen antwortet darauf der Engel des Bösen: „Amen! So möge es wiederum sein I" Erstrahlt aber das Haus nicht im sabbatlichen Glanze, da spricht der Engel des Bösen: „So düster, so ohne jede festliche Freude soll es wiederum am nächsten Sabbat in diesem Hause werden!" Und der Engel des Guten, sein Haupt verhüllend, antwortet weinend: „Amen!" Und wahrlich, ich gestehe es offen, daß es mir tief ins Herz schnitt, wenn ich sah, wie gar manchmal der Engel des Bösen in die düster gewordenen Gemächer Israels einzog, und wie dann Israel mit der größten Gewissenhaftigkeit die Lichtlein um die teuren dahingeschiedenen Kinder anzündet-, es dagegen beim Leben der Kinder verabsäumte, durch die heiligen Sabbatlichter freudige und weihevolle Stimmungen ins Herz der Kinder einziehen zu lassen. Möge daher die schöne und erhebende Feier des „Freitagabend" wieder eine geführt werden; diese einfache häusliche Feier wird mehr wirken als abstrakte Morallehren von Seite der Eltern oder

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