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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-10 · 2 (10.1.1896) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
Seite 31 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 31. der Aufmerksamkeit gefolgt waren, fuhren überrascht empor und blickten einander an, sagten jedoch nichts. „Ja", rief der alte Jude mit erhöhter Stimme, „er mußte Jude werden! Nur derjenige, der unter diesem Volke ausgewachsen, der sein Leid und Weh mitempfunden,^ der seine karg zugemessenen Freuden mitgenossen, der seinen Legenden gelauscht und aus ihnen erfahren, wie Tausende und Tausende seiner Vorfahren für ihr Volk und ihren Glauben mit dem Leben eingestanden, der die mit Blut geschriebene Geschichte Israels durchforscht, — nur derjenige kann das Wesen des Judentums ganz verstehen, kann seinen Charakter vollständig kennen lernen; nur der kann die Schätze ermessen, die in der Tiefe seines Innern schlummern, nur derjenige kann, wenn ihm die Macht dazu verliehen, diese Schätze wecken und diese uralte Nation, die so viele andere und größere überdauert, zu erneutem und dauerndem Glanze bringen! — Und aus meinem Hause sollte derjenige hervorgehen, der dieses zu Stande bringen würde — der Gedanke erfüllte mich mit Begeisterung und machte mich wieder aufleben. „Es galt nur noch, sich des Kindes zu bemächtigen und mein Entschluß war bald gefaßt. Mit vieler Mühe und List gelang es mir, das Kind in meine Hände zu bekommen und mit demselben zu entfliehen. Bald daraus wurde es mit aller Förmlichkeit in den blutigen Bund Abrahams ausgenommen. Der Sohn des Königs von Polen wurde Jude! Das war zugleich meine Rache. Es war eine Judenrache!" Der König war aufgesprungen. Wierzynek erhob sich ebenfalls. „Elender! schrie Kasimir zornig, „Du hast es gewagt, mein Kind zu rauben!" „Das Kind war kein eheliches," antwortete Reb Josef furchtlos; „nach dem Gesetze hatte niemand ein größeres Recht daraus als ich, der Vater der unverehelichten Mutter." Des Königs Zorn begann sich zu legen, er setzte sich nieder und hieß Wierzynek ein Gleiches thun. „Sieh Nikolaus," sagte er zu diesem, „wie menschliche Gerechtigkeit irren kann. Wie viele Unschuldige mußten dadurch leiden!" „Majestät," sprach Wierzynek feierlich, „der sterbliche Mensch ist dem Irrtums unterworfen. Dort, wo die Wahrheit nicht klar zu Tage liegt, kann er ni.it§ thun, als das Wahrscheinliche zur Richtschnur nehmen. Die Wahrscheinlichkeit sprach damals mit aller Macht dafür, daß es die zurückgesetzte «Hofpartei wäre, von der der Streich ausging, denn niemand anders konnte ein gleiches Interesse am Verschwinden jenes Kindes haben." „Ihr habt also das Kind entführt, um es zum Juden zu machen", wandte sich der König in ruhigem Tone zu Reb Joses. „Ich will Euch deshalb nicht zürnen. Ich versetze mich in Eure damalige Lage. Ihr handeltet nach Eurer Eingebung. Ihr wart ja des Kindes Großvater. — Was geschah weiter mit ihm?" „Im Lande selbst konnte ich natürlich mit dem Kinde nicht bleiben", erwiderte Reb Josef. „Ich verließ daher mit demßlben das polnische Gebiet, nachdem der Knabe zuvor in aller Form in den Bund Israels ausgenommen worden ivar un dden Namen Amisser erhalten hatte. Auch sein Name sollte seine zukünftige Bestimmung andeuten: Helfer seines Volkes." _ Bei der 'Nennung des Namens Ammser horchte Wierzynek gus, sagte jedoch nichts, „Ich durchzog mit ihm", fuhr Reb Josef fort, „den größten Teil derjenigen europäischen Länder, wo unsere Glaubensgenossen sich in großer Anzahl befinden und brachte ihm die Anfangsgründe der Wissenschaften, sowohl der jüdischen als auch der weltlichen Kenntnisse bei. So kamen wir nach einigen Jahren nach Spanien. Dort, wo unsere Glaubensgenossen seit uralten Zeiten, lange vor den jetzigen Bewohnern, im Lande ansäßig, es von allen gegenwärtig in der weiten Welt zerstreuten Söhnen Israels am weitestens in der Wissenschaft sowohl als auch an Macht und Ehre gebracht haben, beschloß ich zn bleiben und meinem Amieser die höhere Ausbildung, die ich ihm zugedacht, angedeihen zu lassen. Wäre er dort im Lande zu bleiben bestimmt gewesen, so hätte ich ihn vielleicht ganz dem ritterlichen Stande sich widmen lassen. Aber seine Bestimmung war ja nach Polen zurückzukehren, und so hatte ich, um ihn nicht hier dereinst, bis seine Zeit gekommen sein würde, in Gesellschaft seiner Glaubensgenossen im Ghetto verkümmern lassen zu müssen, nur eine Wahl, ihn dem ärztlichen Stande zu widmen. Dies war noch der einzige Weg, der dem gering geschätzten Juden offen steht, um aus seiner erdrückenden Sphäre herauszukommen, bei den Großen des Landes Zutritt zu haben, mit deren Umgang vertraut zu sein und mit dem Laufe der Weltereignisse Schritt halten zu können. „Denn," fuhr er fort, „ich habe das Ziel, das ich mir vorgesteckt hatte, ihn dereinst zu den Großen und Mächtigen dieser Erde zählen zu können, nicht einen Moment lang aus den Augen verloren und seine ganze Erziehung war danach gerichtet. Wenn ich auch ein unbedeutender Jude bin und in meinem Benehmen mich durch nichts von meinen übrigen Glaubensgenossen unterscheide, so weiß ich doch auch, was sich für jeden schickt, und wie ein Charakter gebildet und entwickelt werden muß. Nicht wie ineinesgleichen, nüt Kleinlichem sich befassend, an das Große und Höhere sich zu wagen des Mutes ermangelnd, gebeugt und mutlos, gegen Hohn und Beschimpfung abgestumpft und ihnen keinen andern Widerstand als Unterwerfung und Resignation entgegensetzend, — nicht so sollte er werden. Nein, entgegen meinem eigenen Naturell, stolz und kühn, wie es die Söhne jener Nationen sind, die das Joch des Exils nicht tragen, den Kamps nicht scheuend und den Gefahren trotzend, auf das er einst in Gesellschaft seiner künftigen Umgebung niemand zu weichen brauche und niemand zur Schande gereiche: — so habe ich ihn erzogen und so hat er sich auch stets bewährt." Der Redner schwieg, von der langen Rede erschöpft. Seine Gestalt, die sich im Eifer der Rede gestreckt hatte und sich verjüngt zu haben schien, sank wieder zusammen, der belebte Ausdruck seiner Züge wich der früheren Fahlheit und Apathie, sein Haupt senkte sich auf die Brust, der Moment der Begeisterung, wo er, seine Lage vergeffend, sich zu seinem Ideale emporgeschwungen hatte, war gewichen — er sank in die rauhe Wirklichkeit zurück. (Schluß folgt.) Wochen -Chronik. Berlin, den 8. Januar. Berliner und allgemeine Nachrichten. — Der Zentralvercin für die Interessen der jüd- Gemeinde veranstaltete am Sonnabend-Abend ein Festestem an dem alle, die sich um die Agitation für die jüngsten Repräsentantenwahlen verdient gemacht, teilgenömmen haben — doch nein, nicht alle, der Saal in Cassels Hotel war \ü{

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