Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 30 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 30. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. Feuilleton. Zahn «in Zahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Hier in den polnischen Landen ist es auch, wo der europäische Jude, wenn auch nicht allen gleichgestellt, doch auch frei von Verfolgungen wie im übrigen Europa, noch am meisten seine eigentümlichen Sitten und Gebräuche von früheren Zeiten her bewahrt hatte und der „polnische Jude" gilt noch bis an den heutigen Tag als der besterhaltene Typus des mittelalterlichen — nicht des antiken — Juden. Reb Josef hatte seine Fassung wieder gewonnen. „Verzeihung, Majestät," sprach er, „daß ich mich in Eurer Gegenwart vom Schmerze übermannen ließ und die kostbare Zeit Eurer Majestät mehr als geboten in Anspruch nehme. Er ist stärker als ich, und die Zeit hat den Schmerz nicht gelindert." „Sprecht wie es Euch am besten dünkt und thut Euch keinen Zwang an," sagte der König sanft, „ich bin bereit Euch zuzuhören." „Ich will dasjenige nur kurz erwähnen," fuhr Reb Joses fort, „was Eurer Majestät besser bekannt ist als mir selbst. Als ich eines Tages erwachte, war meine Tochter verschwunden. Als ich voller Verzweiflung ihre Spur verfolgte, wurde ich nach einigen Tagen ergriffen und in einen Kerker geschleppt, wo ich ein volles Jahr zubringen mußte. Nur die Hoffnung, über das Schicksal meines geliebten Kindes Gewißheit zu erlangen, hielt meine Kräfte ausrecht und verhinderte mich mir ein Leid anzuthun. Als ich nach Jahresfrist sreigelassen wurde, da war für mich bereits alles vorüber. Meine Tochter hatte ihre Ehre und ihren Glauben verloren, sie hatte ihren Vater geopfert, ihren alten Vater, dessen einzige Freude und Stütze aus dieser Welt sie gewesen, ihrer Lust geopfert." „Ihr thut dem Andenken Eurer Tochter Unrecht," sagte der König. „In der rührendsten Weise hat sie stets an Euch gedacht, und daß man Euch gut behandle und an nichts Mangel leiden lasse, habe ich zu wiederholten Malen selbst anbefohlen. In Glaubenssachen ließ ich ihr vollkommene Freiheit und daß ich ihr zu Liebe Eurem Volke manche Wohlthat erwiesen, kann Euch jeder im Lande hier erzählen." „Ich habe es bei meiner Rückkunft nach Polen erfahren," erwiderte Reb Joses, „und es hat mich einigermaßen mit dem Andenken meiner Tochter ausgesöhnt. Wie könnte auch ein Vater dem Andenken seines Kindes fluchen! Ich habe es erfahren, als mich in der Fremde die Nachricht von ihrem jähen unglücklichen Tode traf. Vergebens versuchte ich meinen Schmerz mit erkünstelten Argumenten und mit religiösen Tröstungen niederzukümpfen. Das Vaterhcrz zuckte unter der frisch ausgerisseneu Wunde zusammen und wie schon früher im Kerker, war es nur noch die Hoffnung, die mich erhielt." „Die Hoffnung?" fragte der König, „was war denn dies für eine Hoffnung?" „Es ist das Geheimnis, das ich Eurer Majestät zu enthüllen im Begriffe bin," antwortete Reb Joses. „Als ich," fuhr er fort, „nach Jahresfrist aus meinem Kerker entlassen wurde, war, wie ich erwähnt, alles für mich vorbei. Meine Tochter hatte dem Könige ein Kind geboren. Es war ein Königssohn, der König erkannte es als das seinige an, er liebte es, wie jeder Vater sein Fleisch und Blut liebt, aber — es war ein uneheliches Kind. Meine Tochter, mein Fleisch und Blut, hatte ein uneheliches Kind geboren! Ich war der Verzweiflung nahe." „Wenn dem Menschen alle Hoffnung benommen wird," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, daß er noch jemals im Lause seines Lebens Freude haben werde, so bleibt ihm immer ein letztes Mittel, das alles Hebel beseitigt — der Tod durch eigene Hand. Der Jude, das heißt der strenggläubige Jude, ist auch hierin schlimmer daran als seine anderen Mitmenschen. Seine Religion verbietet ihm den Selbstmord und verdammt, mit wenigen Ausnahmen, denjenigen, der das ihm vom Schöpfer anvertraute Pfand, die Seele, vor der Zeit vom Körper löst. Ich mußte also am Leben bleiben, denn Gott hatte es so bestimmt. Ich versuchte so gut als möglich in der Ergebung, in Gottes Fügung und im Nachdenken über meine Lage Trost oder Vergessen zu finden. „Indem ich so in meiner Einsamkeit fortwährend über denselben Gegenstand brütete, begann sich in mir die Idee zu regen, ob nicht die Fügung Gottes es absichtlich so geleitet, daß das Opfer des einzelnen zum Heile der Gesamtheit gereiche. An Beispielen in der Geschichte meines Volkes fehlte es mir nicht. Ich begann mich in diese Idee zu vertiefen und nach längerem Sinnen stand endlich der Gedanke in mir fest: Dieses Kind, der Sprosse eines mächtigen Herrschers und zugleich ein Reis vom Stamme Israels ist von der Vorsehung dazu berufen, dereinst der gedrückten Nation der es entstammt, zum Heile zu gereichen. „Wenn er nun," dachte ich dann, „am Hose seines Vaters oder bei irgend einem Erzieher, oder selbst unter den Augen seiner eigenen Mutter auswächst, so wird er wohl, wenn sein Eharakter seiner edlen Abstammung entspricht, für die Brüder seiner Mutter Rücksicht und Zuneigung empfinden. Er wird dem Volke Israel, dem er entstammt, gewiß nach allen seinen Kräften Gutes erweisen und sie, die ringsumher Bedrückten und Verfolgten schirmen und schützen, so weit seine Macht ausreichen wird. „Aber", entwickelte sich mein Bedenken weiter, „sollte der außerordentliche Ursprung dieses HerrschersprößlingS nichts weiter hervorbringen, als daß er meinem Volke gewisse Wohlthaten erweise, die dann der nächstfolgende Machthaber wieder beseitigen könnte? Und wer bürgt überhaupt dafür, daß er auch die Gefühle für das Volk seiner Mutter hege, die ich voraussetze? „Wenn der an den Stufen des mächtigen Thrones geborene, nicht wie ein gewöhnlicher, den Juden gewogener Mächtiger in der Zeiten Flucht spurlos verschwinden soll, für unser niedergebeugtes Volk keine andere Wirkung hinterlassend, als die eines warmen freundlichen Sonnenblicks, der sich einen Moment lang zwischen drohendem Gewölke hervorstiehlt, von dem er jedoch bald wieder verdeckt wird: — so ist es notwendig, daß derselbe das scheu in sich zurückgezogene Judentum nicht nur von außen kennen lerne, wo dem fremden Beobachter meist nur die glanzlose, abstoßende äußere Hülle geboten wird. Er muß das Wesen und den Kern des Judentums in seinem vollen Umfange kennen, in seiner ganzen Tiefe erfassen. Der Sprecher hielt einen Augenblick inne. . „Um dieses zu erraten", fuhr er dann fort, „gab es nur ein Mittel — er mußte Jude werd en." _ Die beiden Zuhörer, die der Rede Reb Josefs mit steigen-