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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-10 · 2 (10.1.1896) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
Seite 29 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 29. Diagnose der moralischen Zustände unter den Nationen stellen, wenn man deren Herz: das Befinden des jüdischen Volkes im Staate und in der Gesellschaft untersucht. Dieser Dichter und Denker sagte vom Christentum, daß es eine Einleitung und Vorbereitung aus jene große Zeit im Schoße der Zukunft sei, in welcher alle Menschen, brüderlich vereint, um ein einziges religiöses Banner sich scharen werden; er betrachtet es also als einen providentiellen Faktor in der Erziehung des Menschengeschlechts. Auch Moses ben Maimon ist in der nichtjüdischen Welt als einer der ersten Gesetzlehrer und der größten jüdischen Philosophen berühmt, dessen philosophisches Hauptwerk von dem Lehrer des heiligen Thomas von Aquino studiert wurde. Er gebrauchte eine andere Bezeichnung, um deni Christentum seinen Platz in der Pädagogik der Geschichte anzuweisen, indem er von demselben prädizierte, daß es jenem Zeitalter den Weg bahne, in welchem ein einziger Gottesglaube alle Menschen zu einem Einheitsbunde vereinigen werde. Es ist derselbe Maimonides, der in seinem Gesetzkodex folgende denkwürdige Worte niedergeschrieben hat: „Jeder Weltbürger, der Gott erkennt, ihn verehrt und ihm dient, der gerade und rechtschaffen wandelt, wie Gott ihn geschaffen hat, und das Joch unmenschlicher Klügeleien abwirft, ist vollkommen heilig, wie ein Mann aus dem Stamme Levi; sein Anteil und Erbe ist und bleibt Gott, der ihn wie einst die Priester und Leviten in Israel mit dem Nötigen versorgen wird." Diesen beiden stinunte Rabbi Moses ben Rachman bei, ein Mann, der aus dem Gebiete talmudischer -Gesetzgebung hervorragte und der zu seiner Zeit, das ist in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, der erstarkenden Kabbala mit ganzem Herzen anhiug. Ein Stock-Talmudist, der Gott dankte, daß er von aller philosophischen Bildung sich fern gehalten hat und gleichfalls noch in das dreizehnte Jahrhundert gehört: R. Ascher ben Jechiel, lehrte in Beziehung aus den Eid der Christen, daß, wenn sie auch bei der Anrufung Gottes an Jesus denken, dies doch kein Götzendienst sei — wie etwa, wenn ein Römer Jupiter anries — da sie Gott als den einzigen Schöpfer des Himmels und der Erde verehren und als Richljuden nicht zum Bekenntnis des strengsten, von aller Beimischung freien Monotheismus verpflichtet sind. Dieser Gesetzlehrer ohne jede philosophische Bildung, streng und unerbittlich in seinem halachischen Lehramte, that den merkwürdigen Ansspruch, daß Gott mehr Gefallen finde an der Erfüllung der Pflichteil der Menschen gegen einander, als an der Beobachtung der religiösen Formen, welche das Verhältnis des Menschen zu Gott betreffen. Diesen maßgebenden Gesetzlehrern und Denkern schlossen sich die Juden in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland und Polen in ihrer Beurteilung und Würdigung des Christentums an. Ein jüdischer Gelehrter, der 1492 Spanien verlassen mußte, und ein Gegner aller Philosophie war, ging sogar soweit, Gott zu preisen, daß nach der Zerstörung" des zweiten Tempel das Christentum in die Welt getreten war und das Heidentum verdrängt hatte, da, wie er schrieb, das Judentum vielleicht, uingebeil von feindlich gesinnten Heiden, sich kaum hätte erhalten können. In der modernen Zeit habeil die Juden durch Studien, Betrachtungen und ^Erfahrungen noch die Einsicht gewonnen, welche Verdienste das Christentum im Laufe der Jahrhunderte um die Zivilisierung barbarischer Völker, um die Entwickelung der Architektur und der Malerei und um die Verbreitung des Alten TestainentS in den verschiedenen menschlichen Sprachen sich erworben hat. Gewiß findet man auch in der jüdischen Litteratur sehr scharfe Urteile und bitterböse Ausdrücke über die Anhänger der Kirche; diese gelten aber nicht dem Christentum, sondern deiljenigen, welche wohl den Namen Christen führten, aber unchristlich handelten, oder einer Abart des Christentums, deren Vertreter das größte Elend ad majorem dei gloriam über die verfolgten und bedrängten Juden gebracht haben. Welches Urteil hätten denn z. B. die aus Spanien vertriebenen Juden über das Christentum in Genua fällen sollen, als sie dort ausgehungert und abgezehrt anlangten und aller christlichen Liebe zum Trotze, Menschen, die sich Christen nannten, ihnen entgegen kamen, in der einen Hand das Kreuz, in der andern Brot tragend, und ihnen die Wahl zwischen der Annahme des Kreuzes und dein Verhungern stellten, so daß ausgehungerte kleine Kinder um einen Bissen Brot sich taufen ließen? Hätten sie wirklich eine solche Religion, deren Bekenner so grausam waren, mit den ehrenvollsten Epitheta bezeichnen sollen? Waren etwa die wilden Horden der Kreuzzügler, die fanatischen Flagellanten, die Mordbrenner der Inquisition, Repräsentanten einer Religion, die den Juden, welche durch Geburt und Erziehung, durch den Einfluß des Stammescharakters und religiöser Lehren, von denen eine ihnen zurief: „Wenn Dein Feind hungert, so reiche ihm Brot," durch und durch barmherzig waren, auch nur die geringste Achtung und Anerkennung hätte einflößen können? Gewiß giebt e6 noch heute unter den jüdischen Massen Personen, die weder von dem Dichter Juda ha-Levi, noch von dem Denker Moses ben Mainon etwas wissen und über die Bekenner des Christentums in einer wegwerfenden Weise sich aussprechen. Wer aber ist schuld daran? Das Judentum, dem sie anhangen, oder jenes Christentum, dessen Söhne und Töchter wie Dämonen und wilde Furien in jüdische - Wohnungen einfallen, dort wüten, verwüsten, zerstören, weder Greis noch Säugling schonen? Simple Juden auf den Dörfern haben stets mit Bauern in Frieden und in Eintracht gelebt; die Bauern störten die Juden nie in der Ausübung ihrer Religion oder ihrer Feste, ja, sie wurden allmählich mit dem jüdischen Festkalender vertraut und die Juden nahmen Rücksicht auf die heiligen Zeiten der Kirche und aus deren Zeremonien bei Familiencreignissen in ihrem Verkehr mit den Bewohnern des Dorfes. Es herrschte ein interkonsesstonelles Zusammenleben, so friedlich und freundschaftlich, das nichts zu wünschen übrig ließ. Das ist ja eben das Ruchlose an der antisemitischen Hetze, daß sie den interkonfessionellen Frieden, der nach langer bitterer Feindseligkeit unter Intervention der fortgeschrittenen Bildung und der geläuterten religiösen Anschauungen geschlossen wurde, solche tiefe Wunden schlägt, daß es vieler Jahre und der Anstrengung der besten lind edelsten Männer aller Konfessionen bedürfen wird, um sie zu heilen. Jüdischerseits wird man stets bereit sein, frei und offen, ohne Hintergedanken und ohne einem äußeren Zwange zu folgen, den Grundsatz zu proklamieren: „Das Christentum den Christen!" und nichts unternehmen noch begünstigen, was mit diesem Grundsätze in 'Widerspruch steht.

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