Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 28 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 28. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. Synagoge rechnen, demgemäß auch die zu behandelnden Stellen mit zarter und kundiger Hand berühren. In letzter Zeit jedoch machen sich Einrichtungen bemerkbar die eine eminente Gefahr für die heilige Angelegenheit in sich bergen. Ohne in die Machtspähre irgend einer Behörde eingreifen zu wollen, erlauben wir uns, darauf hinzuweifen, daß es, nach bis nun üblicher Gepflogenheit, bei bevorstehenden Aenderungen opportun wäre, jene Faktorenwelche die fraglichen Aenderungen zunächst betreffen, behufs Abgabe eines Gutachtens vorzuladen, bevor eine endgiltige Entscheidung getroffen wird. Eine solche merkwürdige Thatsache ist die neueste Anschauung, der Kantor soll beim Jugendgottesdienste nur „sprechend" seinen Vortrag halten. Dementgegen erlauben wir uns Nachfolgendes zu bemerken : Es ist selbstredend, daß der modern Vortragende Kantor der Deutlichkeit des Wortes sein Hauptaugenmerk zuwenden und all' das vermeiden müsse, was diese Deutlichkeit beeinträchtigen könnte. Seine Stimme muß sonor, wohlgeschult und durch langjährige Uebung für die prägnante Wiedergabe des schwierigen hebräischen Wortes vorbereitet werden. Den Synagogengesang selbst betreffend, besteht derselbe aus zwei, von einander wesentlich abweichenden'Gattungen: der rhythmischen Melodie und dem freien Rezitativ. Die rhythmische Melodie fällt zum größten Teile in das Bereich des Chorgesanges, worüber wir an dieser Stelle uns nicht weiter äußern wollen und in ganz verschwindender Weise — wie beispielsweise beim Vortrage des alten Chasonus oder der Keduscha re. auch dem Kantor zu; die eigentliche Form des modernen jüdisch-kantoralen Vortrages ist jedoch das Rezitativ, zu Deutsch „Sprech"- oder Redegesang. Schon aus der Bezeichnung „Sprechgesang" ist, auch für die minder Eingeweihten, ersichtlich, daß bei dieser Kunstform Wort und Ton vollständig gleichwertig behandelt werden müssen und das Eine zu Gunsten des Anderen nicht zurückgedrängt werden darf; die in rezitativischer Weise vorgetragene Deklamation wird bestimmter fixiert und verleiht dem Worte größere Eindringlichkeit. So viel imallgemeiuen. Was die synagogale Vortragsweise insbesondere betrifft, so erscheint es geradezu unmöglich, das vorzutragende Wort des üblichen Tones zu entkleiden, indem der ganze Vortrag hierdurch vollständig gegenstandslos erscheint. An einem Beispiele — von den zahllosen anderen, die wir anführen könnten — wird diese Hypothese prägnanter ersichtlich werden. Zweck des kantoralen Vortrages ist es unter allen Umstünden, die Stimmung des Tages zum Ausdrucke zu bringen. Da nun das Minclia Maariw und Miissaf;©e6i’t für Wochen- und, Samstage Schollosch regolim und Jomimnoroim 2C. zumeist dieselben Texte aufweist, so ist es nicht abzusehen, wie der in sprechender Weise vorzutragende Kantor lediglich durch die innner gleichen Textworte die Stimmung des jeweiligen Momentes zum Ausdruck bringen soll. Der Gebettext des Ledor wodor ist derselbe beim Wochen-, Samstags-, Samstags-Nachmittags, Fest- und Jomim uorornirn-Gottesdienst und nur die, diesen Worten beigegebenen Tönen verleihen denselben jenes Relief, welches die Charakteristik des Tages ausmacht; entkleiden wir diese Worte der usuellen Töne, so gelangt keinerlei Charakteristik zum Ausdrucke. Das Olenu-Gebet, welches täglich Morgens und Abends vorgetragen wird, gelangt am Rosch hoschonoii und Jom Kippnr nur durch die demselben beigelegte und historisch gewordene Melodie zur weihevollen Bedeutung; der Vortrag des Kadiscli und Scli'mone esre bei Geschem und Tal und am Roseh hoschanah und Jom Kippur empfängt seine farbenprächtige Signatur lediglich durch die jedem Synagogenbesucher bekannten Melodien. Ja noch mehr! Die Textesmorte von Kol nidre sind längst aus unseren Gebeten eliminiert, während die Melodie ihre Festtagsheiligkeit selbst in Verbindung mit einem anderen Texte in keiner Weise eingebüßt. Diese heilige jMelodie, die letzthin von Max Bruch für Orchester bearbeitet wurde, ist eine ständige Repertoirenummer der Orchestermusik geworden und sicherlich wird kein Jude beiin Anhören dieser von einem Konzert-Orchester vorgetragenen Piece sich einer heiligen Anwandlung erwehren können, die schon die Anfangstakte dieser ganz ohne Text vorgetragenen Nummer in ihm erwecken, weil die Erinnerung mit gedächtnistreuen Farben ihn plötzlich vom Konzertplatze in die Synagoge und inmitten der betenden Glaubenrbrüder versetzt. Wir vermeinen nun erschöpfend nachgewiesen zu habeu, daß der jüdisch-kantorale Vortrag der melodiösen Ausstattung unter gar keinen Umständen entkleidet werden darf. Wir ersuchen die löblichen Synagogenbehörden, wie nicht minder die Kollegen insgesamt, der vorstehenden Auseinandersetzung die nötige Beachtung nicht vorenthalten zu wollen, damit unser heiliger und historischbedeutsamer Synagogengesang keine Einbuße erleide. 8uum cuique. II. Die Forderung, daß das Judentum in seiner vollen Berechtigt'ng als Religion des jüdischen Stanunes anerkannt werde und daß man es endlich aufgebe, die Bekenner desselben zu einer anderen zu bekehren, oder wie ivir diese Forderung formuliert haben: „Das Judentum den Juden", hat ihre Ergänzung in der offenen und unzweideutigen jüdischen Anerkennung des Christentums als einer Religion, welcher diejenigen, die in ihr geboren und erzogen sind, treu und innig anhangen, deren Riten, Lehren und Zeremonien beobachten sollen, oder wie wir es kurz ausdrücken: „Das Christentum den Christen!" Es ist weder ein Gebot des Judentums, besonders des von den Weisen entwickelten, noch ein heißes Verlangen der Juden, das Christentum zu bekämpfen, wenn sie nicht zu ihrer Selbsterhaltung dazu provoziert werden, oder materielle und moralische Mittel zu gebrauchen, um Christentum Abfall von der Kirche zu verleiten, oder die kirchlichen Symbole in den Augen derer, denen sie heilig sind, herabzuwürdigen. Dies ist nicht etwa ein Postulat der modernen, aufgeklärten oder indifferenten Juden, sondern ein Grundsatz, der seit Jahrhunderten, selbst in den Zeiten der blutigsten und unmenschlichsten Judenverfolgungen von den berühmtesten jüdischen Autoritäten gelehrt und vertreten werde. Juda Ha-Levi ist auch in der nichtjüdischen "Welt als ein großer Dichter und Schwärmer für das heilige Land und für die alte Herrlichkeit Israels bekannt. Er war auch ein Denker wie Salomon ibn Gabirol, hatte aber mehr von der Phantasie eines Plato, als von der kühlen Vernunft eines Aristoteles an sich. Er verfaßte ein Werk, in welchem er alle Vorzüge des Judentums philosophisch-poetisch schildert und erörtert. Von ihm rührt das schöne Bild her, daß das israelitische Volk das Herz im Organismus der Menschheit ist: ist das Herz leidend, dann fühlen es sofort die übrigen * Glieder des Körpers, lind in der That, man kann die