Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 26 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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,s- .«3ö&gra»?riw- Seite 26. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. Hier ist der vox populi auch die vox dei, und erstere weiß — nicht viel darüber zu erzählen. Es ist nicht wahr, wie es in dem Zitat des vorigen Artikels lautet: „daß eine einzige Seele (durch Worte) getröstet und erbaut zu haben mehr wert ist, als die Abfassung manchen Buches." Nein, nein, es muß heißen: eine einzige Thräne durch werkthätige Hilfe getrocknet zu haben, ist mehr wert, als alle Predigten zusammen! Die herzzerreißendste Schilderung der Not, die ergreifendste Aufforderung zum Wohlthun bewirkt, wie wir oft bemerkt haben, eine gegenteilige Stimmung. Diejenigen Hörer, die vergebens an die Thüren und an die Herzen der Redner geklopft haben, machen sich luftig über die Predigt und erzählen Beispiele, die im krassen Widerspruch mit den Worten stehen. Wir wollen es uns versagen, diese Beispiele heute zu bringen, wir wollen vielmehr am Schlüsse Fragen aufwersen, die noch besser reden als Beispiele. Wir kannten einen Rabbiner, der einer der unglückseligsten Redner war, welcher jemals eine Kanzel bestiegen. Man wußte immer im voraus, gleichviel ob er am Trauersabbat, vor dem Fasttage des neunten Ab oder am Freudenfeste der Thora predigte, was er sagen wird: Zedokoh war sein Thema, Wohlthun der Inhalt seiner Rede. Er hat keine seiner Predigten drucken lassen. Könnk man eine solche lesen, so würde man sehen, wie sie allen Gesetzen der Rhetorik und Hemiletik Hohn sprach; aber die ganze Gemeinde hing mit Spannung an dem Munde des allverehrten Seelsorgers, denn man mußte, das waren keine hohlen Phrasen, keine nichtigen, schönen Redensarten. Hier standen die Thaten des Redners in lebendiger Wechselwirkung mit seinen Worten. Der Vorstand seiner Gemeinde mußte eines Tages den Beschluß fassen, ihrem Rabbiner nur den Teil seines Gehaltes auszuzahlen, der nicht unbedingt zur Erhaltung seiner Familie erforderlich mar. Alles übrige, selbst seine Kleidung verteilte er an Arme. Aehnliches erzählt man sich in Cincinnati von Dr. W i s e. Kein Wunder, wenn solche Rabbiner von allen Parteien verehrt werden! Diese Beispiele stehen nicht vereinzelt da. Wir haben Rabbiner, die durch ihr mohlthätiges Wirken einen Weltruf sich erworben. Wir wollen nicht das naheliegendste Beispiel in Berlin hervorheben, um nicht in den Verdacht zu konunen, Wortführer der orthodoxen Partei zu sein. Wer kennt nicht das segensreiche Wirken eines deutschen Rabbiners an der russischen Grenze. Der Herr ist nicht allein eine wissenschaftliche Kapazität, Redakteur einer politischen Tageszeitung, — er wird auch wahrscheinlich an den Sabbaten und Festtagen predigen — sondern tausend und abermals tausend unserer russischen Brüder verdanken ihm Leben und Existenz. Wir meinen Dr. Rüls in Memel. Hätte dieser Rabbiner kein bahnbrechendes philosophisches Werk geschrieben, von dem Gerhard von Ampntor sagt: es ist ein epoch emachen des Werk, hätte er in seinem Leben keine einzige Predigt gehalten, er stünde größer da, als alle unsere Schönredner zusammen! Man kennt auch die Thätigkeit eines Rabbiners in Süddeutschland, der weder für seine starr orthodoxe Gesinnung, noch für seine sonstige günstige Thätigkeit in. seinein Bezirke Verständnis und Anerkennung findet. Er hat dieses schon vor einem Vierteljahrhundert eingesehen und sich daher auf das Schnorren im edelsten Sinne, verlegt. Können mir cs auch nicht loben, daß die Hunderttausende fast nur den Armen in Jerusalem zu Gute kommen, so sehen wir doch, daß auch dieser Rabbiner sein Amt und seine Aufgabe richtig erkannt hat. Wir meinen Dr. Salvendi in Dürkheim. Als der Schreiber dieses Artikels vor einigen Jahren dem Chacham (Rabbiner) in einem orientalischen Tempel vorgestellt wurde, war er sehr erstaunt, daß der sonst gut unterrichtete türkische Rabbi nur von drei Rabbinern in Deutschland etwas wußte und zwar von den vorerwähnten zwei und einem in Berlin, der aber nicht einmal in der Hauptgemeinde angestellt ist. *) Bar Minan. iftttciitMilkr. Aus Ostp reu ßen wird uns geschrieben: In einer Mittelgemeiude unsrer nordöstlichen Provinz gährt es seit längerer Zeit, und die Vorgänge in dieser Gemeinde fangen immer mehr an, ein öffentliches Interesse zu beanspruchen, je mehr sie sich zu einem öffentlichen Aergernis herausbilden. Diese Vorgänge zeigen dem unparteiischen Beobachter, wie die Unfähigkeit ihrer Vorsteher eine Gemeinde zu Grunde richten, den Frieden in derselben zertrümmern kann. Diese Gemeinde hatte bis vor anderthalb Jahren einen ersten Beamten, der — Ihr Referent muß sich hier aus nicht näher zu bezeichnenden Gründen Reserve auferlegen — ziemlich stattlichen Wuchses war, so daß er über seine Glaubensgemeinschaft hinaus in der Stadt, der Provinz, ja zum Teil auch im Reiche gesehen wurde. Die Mitglieder hingen an ihm mit einer, das gewöhnliche Maß überschreitenden Liebe und Verehrung und waren stolz auf seinen Besitz. Ein neu gewählter Vorstand verstand es aber nicht, ihn der Gemeinde zu erhalten, ja brachte durch ein verletzendes Benehmen, vielleicht ohne es zu wollen, den empfindlichen Beamten dahin, daß er zum Bedauern der ganzen Gemeinde, der gesamten Bürgerschaft sein Amt niederlegte und von dannen ging, und zum Bedauern seiner Amtsgenossen seinen Beruf aufgab. Mit diesem Beamten, den die Unfähigkeit des Vorstandes verdrängt hatte, schied auch der Frieden ans der Gemeinde, und sie führte zu einer innern Spaltung, als bei der 'Neubesetzung des Amtes die Urteilslosigkeit der Machthaber, denen, entgegen dem Sprichworte, Gott mit dem Amte keinen Vorstand gab, sich im grellsten Lichte zeigte. Sie trafen eine Wahl, die beide Teile nicht befriedigte, und obwohl aus fünf Jahre angeftellt, schied auch der folgende Beamte nach ebenso viel Monaten. Die Probevorträge begannen von neuem. Erfahrene Kultusbeamte, durch den häufigen Wechsel innerhalb der Gemeinde stutzig, mißtrauisch geworden, bewarben sich entweder gar nickt, oder zogen ihre Bewerbungen zurück, und so wählten denn die Vertreter einer älterer: Gemeinde rnit alten Traditionen einen kaum bcm Seminare entwachsenen, noch völlig unerfahrenen blutjungen Beamten, _ der am 1. Dktober in Funktion trat. Die Folge dieses neuen Mißgriffes war nunmehr eine förmliche Spaltung innerhalb der Gemeinde. Diejenigen Mitglieder, die sich eine so unerhörte Vergewaltigung nicht gefallen lassen wollten, aus den: Gotteshause aber sich gedrängt sahen, traten zusarnmen und veran- *) Im vor. Artikel haben sich einige sinnenistellende Druckfehler eingeschlichen: Zeile 18: „Die Mitarbeiter des Sammlers" ^gehörten auch nicht dem Rabbinerstande an. Im Beispiel Nr. 2 auf -Leiter»! muß es selbstredend heißen: am Sabbat kommt Dr. Geiger aus der Synagoge u. s. w. «4 i'S