Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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*0r'&" Seite 24. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. glaubte ich es, der Sache schuldig zu sein, den Herrn nicht im Glaubeil zu lassen, daß ich mich durch solche windige Gemeinplätze, wie ich sie in Büchern, jedenfalls geistreicher und schöner vorgetragen, unzählige Male gefunden, besiegt gäbe, Nein, ich glaube kein Wort von all dem, und meinen Unglauben ließ ich auch in einem weiteren Brief an jenen Herrn kräftig zu Worte kommen. Wie sie mit ihrer Freisinnigkeit, mit ihrein „Liberalismus" prunken, die Lobredner unserer glücklichen Zeit! Gewiß sind wir freisinnig und „liberal." Es kann heutzutage geschehen, daß ein „Rabbiner" öffentlich erklärt, Moses sei ein Gaukler gewesen, der die Juden eigentlich nach Art des seligen Cartouche gefoppt habe; man schmückt diese „originelle" Anschauung mit einigen „wissenschaftlichen" Zitaten, die man sich bequem von Wellhausen abschreiben kann, und giebt diesen „wissenschaftlichen" Ragout in einen: Buch zum Besten. Wenn null ein „Fanatiker", wie ich einer bin, fragen würde: gewiß hat jeder Mensch das Recht, solche Ansichten zu äußern; aber selbst Wellhausen war seiner Zeit, nachdem er sein bekanntes bibelkritisches Werk geschrieben, ehrlich genug, nicht mehr Professor der christlichen Theologie zu sein, weshalb er dieses Amt niedergelegt hat, wie kommt es nun, daß ein Herr, weil er jene lästerlichen Ansichten, die das Judentum in seiner Lebenswurzel schädigen, einfach wiederkaut, Rabbiner sein darf? oder ist der Wiederkäuer auch in diesem Falle als Zeichen des rituell Zulässigen zu betrachten? — wenn man solches fragen würde, dann wird man von der anderen Seite stolz auf den „Liberalismus" Hinweisen linb den unbequemen Frager zllr Ruhe verweisen. Versuche es aber jemand, aus die Schäden des modernen Judentums hinzuweisen, die Kutte — Pardon! den Talar — des Rabbiners nicht mit dem gehörigen Respekt zu behandeln, die Damen vom gemischten Chor überall, nur nicht in einer Synagoge passend zu finden, die opernhaste Liturgie als fade und unjüdisch zu erklären, die phrasenhaften Predigten als hohl und nichtig zu bezeichnen, den auf diesem Gebiet unwissenden Vorstehern ihre Unwissenheit vorzuwersen — kurz, versuche es jemand, um mit Frau von Sevigne zu sprechen, die Wahrheit, die leider verletzend ist, zu sprechen, dann ist der Freisinn beim Teufel, dann beginnt statt des frühern Banns der moderne Boykott, statt der ehrlichen, offenen Verfolgung von damals, die heimtückische Hetze, statt des klassischen Giftbechers die perstde aqua tofana der Verleumdung, gegen die man schutzlos ist. Denn das kennzeichnet ja die zeitgenössischen Herolde des „Liberalismus": sie sind feige gegen die Reichen unb Mächtigen, brutal und schonungslos gegen den wirtschaftlich Schwachen. Wahrlich, wenn ich auch sonst keine Tugend anfzuweiseir hätte: stets habe ich die eine geübt, stets habe ich mich entwaffnet gesiihlt, wenn ich einen Gegner vor mir hatte, der mir wirtschaftlich nicht gewachsen war! Gebannt und geächtet wäre ich in jener Zeit des Lebens und der Blüte Israels geworden! Wofür? Haben denn auch schon damals unwissende Männer sich der Leitung unseres Stammes bemächtigt? Galt denn auch schon damals Liebe zmn Jndentuni linb zur Wahrheit als ein lotwürdiges Verbrechen? Wer hätte mich damals gebannt und geächtet? Die heutigen Machthaber wären ja in jener Zeit aus Mitleid nur geduldet worden. Denn was galten die fra'tres ignorantes, die heutzutage das große Wort führen, in der damaligen Jndenheit, wenn sie noch so reich waren? Aber dies ist bezeichnend für die Anschauungen, die rnan in „maßgebenden" Kreisen über unser lebensvolles und ruhmreiches Judentum der Vergangenheit hegt. Freilich wurde im Ghetto'streng auf Ehrbarkeit und Zucht geachtet, freilich verlangte man damals von einem Rabbiner umfassende Gelehrsamkeit und hohe Charaktereigenschaften. Freilich hieß es damals: „Rur wenn der Rabbiner in seinem Leben einem Engel gleicht, kannst Du von seinen Lippen das Wort Gottes vernehmen" — Gestalten, wie sie heutzutage in: Judentum breitspurig auftreten, konnten sich damals keine Geltung verschaffen. Aber soll ich deshalb gering denken von unseren großen Ahnen, welche stets ganze Männer gewesen und sich als solche auch gezeigt, die nie sich bedachten, wenn es galt, Gut und Leben für die heilige Fahne unseres Stammes einzusetzen? Wenu Ihr schon so mattherzig und kraftlos seid, daß Ihr nicht mehr unseren Vorfahren in Thaten des mutigen Bekennens und des Martyriums nacheifern könnt, wenigstens so viel Pietät müßt Ihr doch haben, nicht die Gräber jener Männer zu schänden und nicht unsere Vorfahren als Fanatiker zu verlästern, weil ihneil das Judentum teuer und heilig war. Es sind nach dieser Richtung hin wohl manche Legenden vorhanden: man hat uns Juden, die wir eigentlich nie ein Mittelalter gehabt — denn gerade um jene Epoche war das goldene Zeitaler unseres Stammes — inan hat uns Juden Fanatismus unb Bildungsfeindlichkeit nachgesagt. Dies ist aber ebenso irrig, wie all die Vorurteile, die über uns verbreitet worden sind. Solches zu widerlegen hoffe ich noch die Gelegenheit zu haben. Aber wenn auch, wenn ich auch in einer kraftvollen Zeit, wie die Judenheit sie einst gehabt, und wie ich sie heiß und innig zurückwünsche, geächtet und verfehmt sein sollte — Herr, mein Gott, laß mich dies erleben! Denn lieber will ich geächtet wandeln unter Lebenden, als in Frieden unter Toten! Bon Oberlehrer Dr. Julius Schneider. II. Sind wir also verpflichtet, unbekümmert um persönliche Wünsche des einzelnen, im Interesse der Verwirklichung unserer Gleichberechtigung, Religionsunterricht für unsere Kinder an den öffentlichen Schulen zu verlangen, so sprechen doch auch noch andere sehr schwerwiegende Gründe dafür. Von allgemeinen Erörterungen über die Bedeutung des Religionsunterrichts absehend, berufe ich mich wiederum auf das Programnl des Zentral-Vereins und behaupte, daß gerade unser Verein es zu seiner Aufgabe machen muß, in Erfüllung dieses Programms die angeregte Frage thatkräftig anzugreifen. Keine Zeit kann dringlicher und lauter uns an die Verpflichtung mahnen, unseren Kindern Religionsunterricht zu erteilen, als die gegenwärtige. Das gehört auch zur Pflicht der Selbstverteidigung, unseren Kindern zu zeigen, was sie an ihrer Religion haben, sie hinzuweisen auf die Sittenlehre der heiligen Schrift, die noch von keiner anderen übertroffen worden ist, auf die einzige Geschichte des Volkes Israel, die Entwickelung des Monotheismus in seiner Mitte, die weit über das Judentum hinausgehende Bedeutung seiner Psalmisten und Propheten, jener Männer, deren Leben und Wirken an ergreifenden und begeisternden Momenten so reich ist. Was »lau nicht kennt, dafür kann man sich nicht begeistern, und manchem der Fahnenflüchtigen mag es zum Vorwand und zur Entschuldigung für sich selbst dienen, daß er von dem Glauben seiner Väter nichts weiß, daß er nichts ihm