Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Allgemeine JSraelittsche Wochenschrift. Seite 17. mandelförmig geschnittenen Gazellenaugen Champagner, Früchte und Blumen feilboten. Und zu Gunsten der Armen zahlte man den schönen Verkäuferinnen die allerhöchsten Preise. Die Soiree verlief sehr animiert und war außerordentlich zahlreich besucht. Der große Saal und sämtliche Nebenräume waren überfüllt. Es wurde bis 4 Uhr Morgens sehr flott getanzt. Die Notleidenden können mit dem Erfolg dieser Soiree zufrieden sein." — Hier möchten wir eine Redewendung der judenfeindlichen antisemitischen Presse des Westens zum Teil acceptieren: Die Juden bleiben sich überall gleich, lagen s i e. Sie sind Meister der Wohlthäthigkeitskunst — fügen wir hinzu. — In kompetenten Kreisen besteht die Absicht, jüdischen Kolonisten und Ackerbauern in den Gouvernements Jokaterinoslaw und Cherson freies Land zuzuweisen, — so melden kurz offiziöse Blätter. Es ist uns unverständlich, wie man eine so wichtige Nachricht so kurz fasten kann. Allerdings, die Thatfache spricht selbst laut und ausführlich, — sie sprickt von einer neuen Aera. Gott gebe es! *St. Aus Amerika. New Uork, 17. Dezember. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn, der allerdings hier zu Lande seine blendendsten Blüten zeigt und die schönsten Früchte zeitigt, preßt der hiesigen „Staatszeitung" folgendes Geständnis ab: „Nehmen wir einmal, schreibt das Blatt, ohne weiteres als Voraussetzung an, die Israeliten repräsentierten eine besondere Rasse mit einem spezifischen, so stark ausgeprägten Erwerbstriebe, daß jede unbeschränkte Konkurrenz mit ihnen ausgeschlossen märe. Und dann folgen Sie mir in das Lichtmeer jenes Bazars, welches das Judentum hiesiger Stadt zu wohlthätigem Zwecke entflammt hat. Männer, Frauen und Jungfrauen, welche sich trotz aller hämischen Anfeindungen das höchste Gut, den Glauben ihrer Vorfahren, nicht rauben ließen, finden w>r beisamnien im edelsten Wetteifer um die Erfüllung der schönen Pflicht der Nächstenliebe. Zu welchem Resultate müssen wir gelangen, selbst wenn jene Voraussetzung wahr wäre? Natürlich im allgemeinen gesprochen: Daß, wie bei uns gleichmäßig weniger Schalten und Licht, auch dort, bei diesen angefeindeten Juden, viel mehr Licht als Schatten zu finden ist. Und wenn wir solcher Selbsterkenntnis genug besitzen, werden wir sehen, daß wir uns auch schon auf dem Wege der Besterung befinden." — (E i n apologetisches Werk.) Das mit vieler Spannung erwartete Werk „Der amerikanische Jude als Patriot, Soldat und Bürger", welches den bekannten und beliebten Simon Wolf von Washington zum Verfasser hat, ist nun dem Verkauf übergeben worden. Er widerlegt in unanfechtbarer Weise den von antisemitischer Seite erhobenen Vorwurf, daß der Jude sich nicht als Soldat an dem Kampf zwischen Nord und Süd beteiligt hätte. Er liefert den Beweis, daß der Vorwurf mehr als ungerecht, daß er vollständig erfunden war. Seine Angaben sind alle den Archiven in Washington entnommen und liefern daher auch einen wertvollen Beitrag zur Geschichte Amerika's. — (Noch ein apologetisches Buch.) Ueber die Juden in Philadelphia hat Dr. Morais soeben ein Buch erscheinen lassen, dem wir Episoden aus der Thätigkeit der Juden im Heeres- und Marine-Dienst der Vereinigten Staaten entnehmen: Schon im Unabhängigkeits-Kriege unter Washington gelangten zwei unserer Glaubensgenossen zu der hohen Stellung von Obersten. David Sulzburg Franks trat im Jahre 1775 in die Armee der Aufständischen ein und avancierte schnell bis zum Major, wurde im Jahre 1778 Adjutant des Generals Arnold und bei dessen Verrat gefänglich eingezogen, im Prozeß aber freigesprochen und wieder in alle seine Würden eingesetzt. Dann nahm er von neuem thätigen Anteil am Kriege, wurde Oberstlieutenant und schied als Oberst aus dem Dienst, um in die diplomatische Karriere einzutreten. Jsaac Franks, gebürtig aus New-I)ork, trat 1775 in die Armee der Vereinigten Staaten ein, wurde rasch Offizier und Adjutant bei General Washington und nach Abschluß des Friedens mit dem Range eines Obersten entlassen. Gleich schnelle Karriere weisen auch im Sezessionskriege viele -jüdische Soldaten auf, so z. B. der Oberst Friedmann. In Mühlhausen (Bayern) geboren, kam er im 23. Lebensjahre nach Amerika und wurde dort Kaufmann. Gleichzeitig trat er in die Miliz von Pennsylvanien ein und avancierte bis zum Major. Bei Ausbruch des Sezessionskrieges übernahm er die Leitung des 65. Kavallerie-Regiments, in dem sehr viele Juden als.Gemeine wie als Offiziere dienten, und machte an der Spitze desselben die Schlacht bei Bull-Run (Juli 1861) und nachher viele Gefechte mit. Im Februar 1862 wurde er im Kampfe bei Vienna (Virginia) schwer verwundet und mußte deshalb den Felddienst aufgeben, in dem er zum Oberst befördert worden war. Er drillte dann während der Dauer des Krieges in Pennsylvanien neu ausgebildete Kavallerie-Regimenter, während an seiner Stelle die Führung des 65. Regiments wieder ein Jude, Oberstlieutenant Joseph L. Moß, übernahm. —(Worüber man hier „predigen" kann.) Rev. Joses Silverman vom Tempel Emanu-El hatte sich gestern ein zeitgemäßes Thema zu seinem Vortrag gewählt, nämlich: „Die Schuld, welche die Menschheit an Heinrich Heine abzutragen hat." Was der Apostat Heine in einem jüd. Gotteshause zu suchen hat, ist uns ebenso unverständlich, wie die Behauptung, daß die „Menschheit" an Heine eine Schuld abzutragen habe. Kier und dort. — Ein Festessen für Herren veranstaltet der „Zentralverein für die Interessen der jüd. Gemeinde in Berlin" am 4. Januar, zu dem alle Einladungen erhalten haben, die sich an der Agitation für die jüngste Repräsentantenwahl hervorragend beteiligt haben. — Das „Israelitische Heimathaus" in Berlin ist am Sonntag eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben worden. Die Weiherede hielt Herr Dr. Ungerleider, außerdem hielten Herr Stadtrat Nürnberg und der Begründer der Anstalt, Herr Hermann A b r a h a m,_ Ansprachen. — Daß Freiherr v- Ha mm er st ein in Athen aufgespürt und auf italienischem Boden verhaftet worden ist, um nach Deutschland ausgeliesert zu werden, wissen unsere Leser aus der Tagespresse. Wir begnügen uns damit, die Thatsache hier zu registrieren. — Dem Geschäftsantisemitismns geht es dauernd faul; das „Antisemitische Volksblatt" des Abgeordneten Ludwig Werner in Kassel beschloß am 1. Januar sein Dasein, an seiner Stelle, erscheint ein vom Hessischen Landesverbände der Reformpartei herausgegebenes Wochenblatt, dessen Redakteur Herr Werner wird- — Auch die „Wests. Reform", die sich als „älteste antisemitische Zeitung" bezeichnet, ging zum 1. Januar ein- Als Grund wurden Schwierigkeiten in pekuniärer und litterarischer Beziehung seitens des Blattes leibst angegeben.