Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609720--1060-9609735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 15. durchdrungen, durch frommen Sinn allen ein würdiges Vorbild sei, wie er durch sein besonnenes Wesen, durch seine Friedfertigkeit die Gegensätze gemildert und den Frieden in der Gemeinde erhalten. Gesänge vom Kantor und Chor, trefflich vorgetragen, erhöhten die Feier, welche aus den Jubilar wie auf die vollzählig erschienene Gemeinde einen tiefen Eindruck machte. Am andern Tage erschienen mehrere Deputationen im Hause des Vorstehers; die beiden Gemeindekollegien, geführt von Herrn Ullmann, überbrachten eine kunstvoll ausgestattete Dankadresse. Ferner überreichten Adressen der Vorstand der Chewra „Kadischa", eine Abordnung der Konfektionäre, welch letztere in Herrn Lamm den Begründer der Konsektionsbranche, einer der bedeutendsten Industriezweige am hiesigen Platze, ehrten. Herr Rabbiner Dr. Salzberger beglückwünschte den Jubilar im Namen der Gemeindebeamten und in dem der Religionsschule. Die überaus zahlreichen Gratulanten, die aus der Stadt und von auswärts erschienen waren, darunter auch der Landrat v. Müffling, und die Herzlichkeit, mit welcher sic ihre Wünsche ausdrückten, zeigten deutlich, welch großer Achtung und Beliebtheit sich der Jubilar hier nicht nur bei seinen Glaubensgenossen erfreut. Ein Mitglied der Gemeinde, der Schuhfabrikant Herr Alex Cers hatte ein Bild des Jubilars in wohlgelungener Kreidezeichnung selbst angefertigt, welches er demselben überreichte, damit es den Sitzungssaal der Gemeinde schmücken soll. Am Abend vereinigte ein wohlarrangiertes Bankett alle Glieder der Gemeinde im großen Saale des alten Ratskeller. Die Reihe der Trinksprüche eröffnete Herr Rabbiner Dr. Salzberger mit einem begeistert ausgenommenen Kaisertoaste, woraus die Versammelten stehend „Heil Dir im Siegerkranz" sangen. Hieran schlossen sich zahlreiche ernste und heitere Tischreden, welche das vielseitige segensreiche Wirken des Jubilars rühmend hervorhoben. Eine große Anzahl von Depeschen war eingelausen, darunter auch eine vom Geheimrat Kriftcller in Berlin im Rainen des Gemeindebundes, dessen Delegierter Herr Lamm ist. Rach Aufhebung der Tafel vergnügte sich die Jugend am fröhlichen Tanze und jeder schied von dem Feste hochbesriedigt darüber, daß einer der Würdigsten in der Gemeinde würdig geehrt worden. * Aus den Litteratnrvereinen In Frankfurt a. M. schilderte Pros. Dr. A. Sulzbach einen Abenteurer David Reubeni, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts großes Aussehen erregte. Im März 1524 trat ein kleiner, durch Fasten abgemagerter Manit von dunkler Hautfarbe in Rom aus und gab sich für einen Sendboden seines Bruders, des Königs- Joseph von Ehabor in Arabien, aus, der über 800,000 freie Juden gebiete. Er behauptete, zum Papst geschickt zu sein, um diesen zum Kriegszug gegen die Türken zu gewinnen. Durch sein kühnes Auftreten gelang cs David, den wohlwollenden Papst Clemens VII. und den Kardinal Egidio für seine Pläne zu gewinnen. Im Triumphzug ging es nun durch Italien, überall wurde er beschenkt, dann folgte er einer Einladung des Königs von Portugal. In Avignon angelangt, wurde er gefangeit genommmen und mußte zwei Jahr im Gefängnis bleiben. Während seines Aufenthaltes in Lissabon schloß sich ihm ein bekehrter Jude. Diego PireS, an und trat unter dem Namen Salomo Molcho ins Judentum zurück. David überredete ihn, mit ihm zu Kaiser Karl V. nach Regensburg zu reisen. Sie hatten auch eine Audienz, wurden dann aber in Ketten mit nach Mantua genommen. Hier wurde Molcho von der Jnguisition zum Feuertode verurteilt. Auch David Reubeni soll im Jahr 1441 in Mantua verbrannt worden sein. — In Karlsruhe sprach Dr. S. Schiffer über „Das Frentdenrecht in Bibel und Talmud. In seinen einleitenden Ausführungen gab der Vortragende einen flüchtigen Rückblick über die Rechte, die die alten Kulturvölker dem Fremden zugestanden hätten. Die Beantwortung der Frage sei eine sehr einfache und klare: gar keine. Die alten Griechen bezeichneten jeden Fremden cls Barbaras und auch die Römer hätten für ihn den Namen Barbaras gehabt. Keine Rechte seien dem Fremden eingeräumt worden, ja er sei jeder Willkür preisgegeben gewesen. Auch bei den alten Germanen sei es den Fremden nicht viel besser gegangen. Ganz anders sei es bei den jüdischen Stämmen gewesen. Wie die Lehren aus der Bibel es bewiesen, wie Ausdrücke es bestätigten, sei der Fremde menschenwürdig behandelt worden, da man in ihm den Träger des Ebenbildes Gottes erblickt. Gleichsam als Motto stünven über diesen Lehren in leuchtender Schrift die Worte Gottes: „Einerlei Recht sollt Ihr haben, gleich sei dem Fremden der Eingeborene, denn ich bin Euer aller Herr!" Der Redner wies an einer Reihe biblischer Vorschriften nach, daß man dem Fremden in vollem Maße Rechte eingeräumt habe. Einer dieser biblischen Sätze verdiene angeführt zu werden, er laute: „Verflucht sei der, der das Recht der Fremden, Waisen und Witwen kümmert." Es stehe fest, daß die Lage der Fremden im jüdischen Staat eine durchaus günstige gewesen sei. Dhne Jude zu werden, konnte im jüdischen Staat ein jeder Fremde sich ein uneingeschränktes jus domicilii erwerben. Wenn auch der Heidenglauben der unter den Juden wohnenden Fremden mit den schärfsten Geisteswaffen bekämpft worden sei, so sei aber doch der Fremde nicht unterdrückt morden. Gleich der Bibel lasse auch der Riesenbaum Talmud recht erquickende Früchte in den Schoß des Fremden in überreicher Weise niedersallen. Aus allem sei das Prinzip der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Erdenbewohner zu entnehmen. Die Lehren des Talmud predigten Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit in allen Dingen. Ehrlich und redlich, bieder und rechtschaffen im Thun schreibe die Lehre vor. Daß es, leider Gottes, wie in allen Konfessionen so auch bei den Juden einzelne gebe, die die Gesetze der Gerechtigkeit und Moral verlassen, beweise doch nicht daß diese Lehre nicht mehr bestehe. Nicht - nur strengste Gewissenhaftigkeit in Thnt, Wort und Gesinnung verlangten die Lehren des Talmud, sondern auch herzliches, inniges Wohlwollen und Barmherzigkeit gegen jedermann. Von glühender Begeisterung rede der Talmud der zartsinnigen Gastfreundschaft das Wort. Aus diesen Darlegungen dürste wohl hervorgehen, daß der in der jetzigen Zeit als jüdisches Geheimgesetz so viel geschmähte und verlästerte Talmud in keinem Gegensatz zn den Lehren der Bibel stehe, deren Grundsätze er in sich ausgenommen. Was die Römer nicht fertig gebracht, hätten auch andere Völker nicht vermocht, in den Juden den Geist der Nächstenliebe zu erkälten und zu ersticken. Möge immerhin ein engherziger Geist Zwietracht schüren und der Fanatismus blinder Verhetzung sich immer drohender gestalten, der echte Talmudjude wird eingedenk feiner Lehren stets Haß mit Liebe und Böses mit Gutem vergelten. * t Aus Oesterreich-Ungarn. Wien, 27. Dezember. In E s s egg ist der durch seine litterarisch-journalistischen 1 Arbeiten bekannte Dberrabbiner Dr. Samuel Spitzer hoch-