Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. gelisch, in 5*katholisch, i<14 dissidentisch, in 4 jüdisch, und bei 669 jüdischen Ehen waren die Frauen in 83 Fällen evangelisch, in 9 katholisch, in 2 dissidentisch und in 573 jüdisch." — Ein beachtenswertes Urteil. Otto Seeck, der bekannte Kulturhistoriker, hat soeben von seiner „Geschichte des Untergangs der antiken Welt" den ersten Band erscheinen lassen. Vom Judentum ist begreiflicherweise in diesem Bande nur wenig die Rede. Das Wenige aber verdient des warmen Tones wegen, der es erfüllt und gerade in unserer Zeit Juden gegenüber selten geworden ist, wörtlich angeführt zu werden. In einem Ueberblick über die Völker des Römerreiches fällt Seeck über die Juden folgendes Urteil: «Tie Semiten haben am längsten einen Teil ihrer geistigen Frische bewahrt; doch soweit sie zum Reiche gehörten, sind endlich mich sie in das allgemeine Verderben hineingczogen. Nur einer ihrer Stämme hat sich bis auf den heutigen Tag in ungebrochener Kraft erhalten und der Weltkultur Dienste geleistet, deren Größe außer allem Verhältnis zu seiner geringen Menscheuzahl steht. Als das Altertum sich dem Untergange zuneigte, hat er die christliche Religion als Vermächtnis für eine bessere Zeit aus sich hcrvorgehen lassen, daun durch die Schöpfung der neuplatonischen Philosophie auch das Heidentum neu belebt. Im Mittelalter hat er fast den gesamten Geldverkehr zu monopolisieren verstanden, in der Neuzeit Europa einen seiner größten Deuker geschenkt; und seit in unserem Jahrhundert die gesetzlichen Schranken gefallen sind, welche ihn bis dahin einengten, giebt es kein Gebiet der geistigen und wirtschaftlichen Thätigkeit, auf dem er nicht sogar der germanischen Nation zum ebenbürtigen und oft überlegenen Mitbewerber würde. Und dieser Stamm ist nicht etwa ein Liebling des Glückes gewesen, sondern im ganzen Verlauf der Geschichte hat kein anderes Volk so viele Schläge und Niederlagen erlitten, wie die Juden." — Unnötige Aufregung. Die „Straßb. Post" berichtete über die Einweihung einer Synagoge in B a l b o r n im Elsaß, an welcher der Kreisdirektor Swiersen aus Molsheim, sowie außer mehreren Rabbinern auch der protestantische Ortspsarrer Kiefer teilnahm. Der Oberrabbiner weihte die Synagoge und sprach über die Bedeutung der Synagogen in der Vergangenheit; jetzt sei die Synagoge ein „Josua" geworden, ein Ort des Heils der Israeliten. Außer ihm sprachen noch zwei andere und zuletzt der protestantische Pfarrer Kiefer, der hervorhob, „daß, wenn es auch verschiedene Religionsbekenntnisse gebe, alle dennoch ein gemeinsames Ziel verfolgten, den Willen Gottes zu thuu und denselben zu bethätigen in den Werken der allgemeinen Nächstenliebe." — Ter „Reichsbote" ist außer sich vor sittlicher Entrüstung über diese Toleranz des protestantischen Geistlichen und fragt denunziatorisch-erregt: „Ist denn keine evangelische Kirchenbehörde da, welche einem evangelischen Geistlichen begreiflich macht, was Christentum ist und was für einen Geistlichen als Vertreter desselben sich schickt?" Das fromme Blatt regt sich aber umsonst aus. Der Herr Pastor hat seine Ansprache in der Synagoge echt-kirchlich mit einem „Vaterunser" geschlossen, und da wird ihm die Kirchenbehörde schon das Ganze Nachsehen, wie es jüdische Kreise in betreff des christlichen Gebetes gethan haben. *r Die Kopfbedeckung bei einer Eidesleistung. Schrimm, 23. Dezember. Bei einer vor kurzem an einem Sonnabend hier stattgefundenen Schöffenverhandlung weigerte sich ein Zeuge mosaischer Konfession den Eid mit unbedecktem Haupte zu leisten, mit der Begründung, daß dies am Sabbat nicht statthaft sei. Rabbiner Dr. Bamberger Hierselbst, gutachtlich hierüber vernommen, erklärte, daß ein diesbezüglicher Untelschied zwischen Sabbat und einem anderen Tage nicht bestehe, daß aber die Heiligkeit des Eides dem Israeliten gebiete, hierbei ebenso wie beim Gebete das Haupt zu bedecken, und bejahte die wiederholte Frage des Richters, „ob dies eine religiöse Vorschrift sei". Aus die Bemerkung des Richters, „dann müsse wohl jedem Juden gestattet werden, beim Eid das Haupt zu bedecken", entgegnete Dr. Bamberger, daß dies seines Wissens auch allgemein gestattet werde. (Sehr richtig! Red.) Der Richter gestattete nun dem Zeugen, das Haupt zu bedecken, mit dem Hinzusügen, daß er sich für künftige Fälle bei dem Oberlandesgerichtspräsidenten in Posen informieren werde. *P „Chanukkah-Einbefcheerung . Posen, 24. Dezember. Ter Verein zur Förderung des Handwerks un.er den Juden und der israelitische Vorschußverein hat, wie in früheren Jahren, auch diesmal wieder seinen Pflegebefohlenen, 14 Handmerkslehrlingen, von denen 13 in Posen untergebracht sind, während der 14. die Bildhauerei in Birnbaum erlernt, anläßlich des diesjährigen ChanukkahfesteS mit vollständiger Kleidung ausgestattet. Der Verein, im Jahre 1855 unter dem Namen „Israelitischer Vorschußverein" gegründet, hat im Jahre 1890 sein ^Arbeitsgebiet auf die Fürsorge solcher jungen israelitischen Leute ausgedehnt, welche sich einem bürgerlichen Handwerk widmen wollen. Die Fürsorge besteht darin, daß solche jungen Leute unterstützt und bei tüchtigen Handwerksmeistern untergebracht werden. Der Posener Verein ist übrigens der älteste Verein in der Provinz Posen, welcher sich derartige Bestrebungen zur Aufgabe gernacht hat. Bis jetzt sind 38 Lehrlinge unterstützt worden, davon haben 24 Lehrlinge ausgelernt. * Aus dem Qlderibrirgischen wird gemeldet: Herr I. I. Schwabe in Delmenhorst, schon Jahre lang Vorstand der dortigen israelitischen Gemeinde, ist auch in diesem Jahre wieder bei der vor kurzem stattgehabten Wahl auf weitere 4 Jahre zum Mitglied des Stadtrais gewählt worden. Aber auch uoch andere unserer Glaubensgenossen bekleiden hier in diesen! Teile Oldenburgs solche Ehrenstclleu. So ist Herr L. Frank in Berne schon seit Jahren städtischer Turn« wart, Herr S. Meyer in Brake Mitglied des dortigen Stadtrats und Herr F. Meyer in Delmenhorst Vorstands- Mitglied der dort bestehenden Freiwilligen Turner-Feuerwehr. Hierzu kommt uoch, daß unsere Glaubensgenossen fast allen bestehenden Vereinen angehören und in solch friedlichem Verkehre mit den andern Bürgern stehen, wie es wohl sonst selten anzulrcffen ist. *r Jubiläum Erfurt, 27. Dezember. Am 15. Dezeiuber vollendete Herr Isaak Lamm, der Vorsitzende des Synagogcngemeinde-Vorstandes, sein 70. Lebensjahr, was der hiesigen Gemeinde Veranlassung gab, dem Jubilar ihre Achtung und Anerkennung in mannigfacher Weise kund zu geben. Schon am vorhergehenden Tage, am Sabbat Chanukka, wurde Herr Lamm in der Synagoge vor Beginn des Gottesdienstes durch den Gesang des feierlich begrüßt und von den Vertretern der Gemeinde zu seinem bekränzten Sitze .geleitet. Die heilige Lade, Kanzel und Tisch erhielten neuen Schmuck. Aus dem kostbaren Porauches — j ein Geschenk der Gemeinde — war die den Namen des Jubilars tragende Widmung zu lesen. Nach Einheben der Thorarollen würdigte Herr Rabbiner Dr. Salzberger mit Anknüpfung an die Schlußworte des Prophetenabschnittes Sech. 4, 6—9 die Verdienste des Jubilars um das Wohl der Gemeinde, der er nahe an 4 Jahrzehnten mit selbstloser Hingebung einen großen Teil seiner Zeit und Kraft gewidmet. Der Redner führte aus, wie der Jubilar von wahrhafter Liebe zum Judentum