Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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r Nr. 1. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 13. — Bureauwahl. Zu der unter diesem Stichworte in der vorigen Nummer gebrachten Notiz, nach welcher Herr Martin Simon als Vorsitzender des neugewählten Reprüsentantenkollegiums in Aussicht genommen sei, schreibt uns der Vorsitzende des Zentralvereins, Herr Julius Oppenheim u. a.: „Es hat bis jetzt, da die Bestätigung der neugewählten Repräsentanten noch aussteht, iu den matzgebenden .Streifen noch keinerlei Besprechung über die Bureauwahl stattgefundeu, demnach konnte auch weder von meiner Person noch von der des Herrn Martin Simon die Rede sein." Uns war die Nachricht von sehr gut unterrichteter Seite zugegangen. Die Thatsache bleibt jedenfalls bestehen, daß die neue Mehrheit sich ein Zeugnis bedauerlicher Schwäche ausstellen würde, wenn sie einen Vorsitzenden nicht aus ihrer Mitte wählte. — Der Kommers, den die „Wiss. Vereinigung jüd. Schulmänner zu Berlin" zu Ehren der Delegierten der deutschisraelitischen Lehrer am 25. Dezember veranstaltet hat, nahm einen glänzenden Verlauf. Die Stimmung eines Kommerses wird nicht sowohl durch geistige Getränke als vielmehr durch geistvolle Worte gehoben, und solcher Worte konnte man viele hören. Kein Wunder; waren es doch Männer der Rede, die sich in dem Vereinslokale der Wiss. Vereinigung zu gemütlichem Beisammensein einfanden: Rabbiner, Prediger, Lehrer, deren Kraft nicht ausschließlich, aber doch vornehmlich in ihrem Munde liegt. Es wurde von den Delegierten das friedliche Moment betont und von einen: einträchtigen Wirken des Bundes mit den Gemeinden des ersteren Gedeihen abhängig hingestellt; es wurde aber auch von einem Nichtdelegierten auf den Kampf hingewiesen, den der Bund gegen die Auswüchse der Autonomie unsrer Gemeinden werde zu führen haben, werde führen müssen, denn „der Bund wird agitatorisch sein oder er wird nicht sein." Und so folgten Rede aus Rede, Sang aus Sang, Glas aus Glas, die gesprochen, gesungen und geleert wurden aus das Wohl des Lehrer- und Gemeindebundes, ihrer Leiter und Vertreter, auf die Schullehrer und Schuljugend u. s. w. Erhöhten Reiz erlangte der Abend durch die Mitwirkung eines aus Lehrern und Laien ad hoc gebildeten Doppelguartetts und den Vortrag zweier von Mitgliedern des hiesigen Vereins, den Herren Jaeobsohn und Remak, gedichteten Tafellieder. — Mit Genngthuung konstatieren wir, daß die Delegierten ausnahmslos sowohl in der ernsten Arbeit der Konserenztage als auch im geselligen Verkehr des Kommersabends ihrem Stande, ihren Vereinen und sich selbst Ehre gemacht habet:. Das ist der Eindruck, den inan in Berlin von ihnen empfangen bat. Obwohl dies zu erwarten stand und im Grunde etwas selbstverständliches ist, wollten wir heute doch ausnahmsweise auch das Selbstverständliche gesagt haben. — Im Inseratenteil unserer heutigen Nummer findet sich die Ankündigung des „Courier", Reife-, Hotel- und Verpflegungs-Gesellschaft, aus die unsere Leser besonders aufmerksam zu machen wir Anlaß haben. Die genannte Gesellschaft, die sich der besten Empfehlungen erfreut, bestreitet jedem, der sich bei ihr meldet, für insgesamt 105 Mark die Kosten der Reise nach Berlin und zurück und eines siebentägigen Aufenthalts in Berlin während der kommenden G e w e r b c - A u s st e l l u n g, einschließlich Wohnung, Verpflegung, Ausstellungs- und Theaterbesuch. Die Verpflegung, und darauf kommt es für einen Teil unserer Leser hauptsächlich an, ist für die Tettnehmer auf deren Verlangen rituell. — Der israelitische Fortbildungsverein „Montefiore", dessen Ziel es ist, die Kenntnis von Bibel, Talniud und jüdischer Geschichte unter den jungen Leuten zu fördern und zu verbreiten, beging jüngst in den Sälen des Hotels „Münchner Hof" sein elftes Stiftungsfest. Die Feier wurde mit einer Fest-Ouvertüre eröffnet, die von den Herren Musikdirktor Schmerl und Konzertsänger Plewy vorgetragen und mit großem Beifall aufgenonnnen wurde. Sodann sprach Frl. Else Abrahan: einen Prolog, in dem der Verfasser mit Bezugnahme auf das Ehanukka-Fest und die Heldenkämpfe der Makkabäer, an Montesiore und die Bestrebungen des seinen Namen tragenden Vereins erinnerte. Hieran schloß sich die Aufführung des 5. Aktes von Otto Ludwig's „Die Makkabäer", wobei sich besonders Frl. Bella Goldberg auszeichnete, welche ihre Rolle mit wanner Begeisterung spielte. Durch zwei einaktige Possen, welche nun folgten, wurden die Gäste in die heiterste Stimmnug versetzt. Während der Kaffeepause hielt Herr Dr. Bieberfeld die Festrede, in welcher er die gedeihliche Entwickelung des Montefiore-Vereins schilderte und die 'Notwendigkeit seines Bestehens betonte. Musikalische und deklamatorische Vorträge aller Art und ein Tanzvergnügen beschlossen die schöne Feier, so daß alle Teilnehmer einig waren in der Anerkennung des wohlgelungenen Festes. — y. — Die Dauserei. Durch die politische Presse macht ein interessanter statistischer Bericht die Runde: „Der Uebertritt von Juden zun: Christentum ist in den letzten Jahren in hohem Maße erfolgt. Von 1872—79 traten nur ca. 66 Juden jährlich über, 1880 waren es 120, 1888 erreichte die Zahl 348 und in diesem Jahre wird sie 500 übersteigen. Der Hauptanteil kommt auf die Neichshauptstadt, und zwar aus den Kreisen der hohen Finanz und der Akademiker. Von letzteren sind es wiederun: Juristen und Philologen, die sich, wenn sie auf eine Staatsanstellung reflektieren, bald nach bestandenen: Staatsexamen taufen lassen. Einer besonderen Beliebtheit zur Vornahme der Taus-Zeremonie erfreut sich der ehemalige fortschrittliche Reichstags-Abgeordnete Prediger Neßler von der französischen Gemeinde. Andererseits sind im vergangenen Jahre drei Männer und siebzehn Frauen in Berlin zun: Judentum übergetreten. Hier war das Motiv stets — Heirat. Die Ausnahme iu das Judentum vollzog meistenteils der Prediger der Reformgemeinde Dr. Levin. 'Nicht ohne Einfluß auf die Taufen ist der vor zwei Jahren ergangene Erlaß des damaligen Ministers des Innern, Grafen Eulenburg, an die Regierungspräsidenten geblieben, nämlich, daß Naniensänderungen von Juden nur ganz ausnahmsweise bei besonders triftigen Gründen gestattet sein sollen. Dies ist auch im vergangenen Jahre nur zweimal der Fall gewesen." — Die agrarisch-antisemitische „Deutsche Tageszeitung" bemerkt zu diesen: Berichte-. „Wir meinen, daß das Ehristentum an den 3 Männern und 17 Frauen, die aus dem angegebenen Motive zum Judentum übcraetreten sind, nichts verloren, und an den Juden, die des bessern Fortkommens halber zum Christentum übergctretcu sind, nichts gewonnen haben dürfte- Derselben Ansicht sind auch wir. — Dem statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin, das soeben zur Ausgabe gelangt ist, entnehmen wir folgende Daten über die im verflossenen Jahre geschlossenen Mischehen: „Unter 14 080^ evangelischen Heiraten überhaupt waren 12 848 evangelische, 1162 katholische, 56 jüdische, 19 dissidentische Frauen. Aus 2121 katholische Ehen kamen 1402 evangelische, 707 katholische, 3 dmidentische, 8 jüdische Frauen. Von 83 dissidcntischcn Ehen '.raren in 60 die Frauen er,",.