Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. Aufregung im Zimmer auf und ab zu gehen. Beforgt blickte Wierzynek bald beu alten Juden, bald feinen Herrn au. Mamtür blieb endlich stehen. „Die Reihe, aufgeregt zu fein, ist jetzt au mir," sprach der König zu Wierzynek gewandt. „Auf dieses war ich nicht gefaßt." „Wie kommt Ihr unter die Verschwörer gegen mein Leben?" wandte sich der König an Reb Josef, „ist dies Euer Geheimnis?" „Rein. Majestät," antwortete Reb Josef, „es ist nur die Folge desselben. Das Geheimnis betrifft — das Kind. „Das Kind!" schrie der König auf, „das Kind meiner Estcrka! Mein einziger Sohn! Was wißt Ihr von dem Kinde? Sprecht Josef — Ihr heißt doch Josef, ich habe Euren Alainen im Gedächtnis behalten. Sprecht Josef, sprecht!" In großer Aufregung fetzte sich der einig. „Majestät," sprach Wierzynek mit ehrfurchtsvoller Miene, „da es sich hier um Privatgeheimnisse Eurer Majestät und nicht um Staatsgeheimnisse handelt, wie wir anfangs gedacht, so bitte ich um die Erlaubnis, mich zurückzuziehen." „Bleibe hier, Nikolaus," rief der König, „Du bist ein Freund, vor dem man keine Geheimnisse haben soll. Und ist ein Geheimnis, das meinen einzigen Sohn betrifft, nicht auch ein Staatsgeheimnis? Sprecht Josef! Offen und ohne Rückhalt." Der Alte holte tief Atem und schien einen Moment lang sich zu sammeln. „Warum ist der alle Mann gefesselt?" sagte der König zu Wierzynek, indem er einen Blick aus die Fesseln Reb Josefs warf; „man befreie ihn davon!" „Es soll sogleich geschehen, wie Eure 'Majestät befiehlt," erwiderte Wierzyneck, „sobald er dieses Gemach verlassen haben wird." Reb Joses hatte sich unterdeß gesammelt. „Es find bereits mehr als zwanzig Jahre," begann er, „als ich hier in Krakau ruhig und glücklich lebte, soweit ein armer, geringfügiger Jude, der nur mit seiner Religionslehre sich besaßt, glücklich genannt werden kann." „Doch nein," fuhr er mit erhöhter Stimme fort, „ich war glücklicher als mancher König und Fürst. Denn hatte ich nicht meine Tochter, meine Esther?" Er stockte. Tie Erinnerung übermannte ihn. Seine Stimme wurde schluchzend, er senkte das Haupt und bedeckte feine Augen mit den Händen. „C Esther, Esther!" ries er leise jammernd, „meine Tochter, was hast Tu mir angethan! Jahre um Jahre sind vergangen, weit und breit bin ich herumgezogen, aber noch brennt die Wunde wie am ersten Tage. Wie lange wird's noch dauern? Ich fühle es, es geht zu Ende mit mir. Was mich bis jetzt noch erhielt, — es ist nun auch zu Ende. Alles zu Ende! alles!" Er hielt erschöpft inne. Wierzynek machte eine Geberde der Ungeduld. „Zur Sache, Joses, zur Sache!" ries er. „Laß ihn, Nikolaus, laß ihn!" sprach der König leise mit traurig erregter Stimme; „seine Tochter verdient es wohl, daß man um sie trauere." Er wandte sich ab, eine Thräne glänzte in seinem Auge. Sie galt dem Andenken der lieblichen „Rose des Orients," an die er zwar nach so langer Zeit und im Geräusche der prunkvollen Hoffeste und Vergnügungen aller Art nicht mehr dachte, deren Andenken aber nie aus seinem Gedächtnisse ganz verschwunden war. Mit Wehmut erinnerte er sich ihrer bezaubernden Anmut, ihrer Hingebung, ihrer uneigennützigen Liebe zu ihm. Von all' den Frauen, die vor und nach ihr seine Zuneigung besessen hatten, war keine so selbstlos gewesen, sich mit seiner bloßen Liebe zu begnügen. Teils durch ihre Eitelkeit, teils durch ihre Herrschsucht hatten ihm die verschiedenen Maitressen, die er nach einander besessen, manche schwere Stunden bereitet. Aber keine war der holden Tochter Israels gleichgekommen an Schönheit, an Anmut, an hingebender Liebe. Sie wollte weder in der Gesellschaft glänzen noch ■ an den StaalSintriguen Teil haben; sie wollte blos ihrer Liebe leben. Der mächtige Herrscher des'Mordens lernte in seiner Geliebten die Tiefe und den Reichtum des Gemütes voll Poesie und Liebe kennen, das die Töchter Zions von den Palmenhainen an des Jordans Strande nach dem rauhen und unwirschen Europa mitgebrachl haben. Blos wenn es galt, für ihre Stammesgenossen eine Fürbitte beim Könige einzulegen, da trat sie aus ihrer Zurückgezogenheit heraus. So manche Begünstigung verdankte die zahlreiche jüdische Kolonie in den polnischen Landen dieser ihrer Stammesgenossin an der Seite des Thrones. Nicht wenig trug dieser Umstand auch dazu bei, daß die zu jenen Zeiten überall verfolgten und gehetzten Söhne Israels scharenweise nach dem gastfreundlichen Polen ströntten und die öden Provinzen bevölkerten und belebten. (Fortsetzung.) Wochen-(Lhronik. Berlin, den 1. Januar. Berliner und allgemeine Nachrichten. — Bertagt ist die Rabbiner mahl in der hiesigen Gemeinde worden, nachdem es bekannt wurde, daß Herr Dr. Rivpner eine etwa auf ihn fallende Wahl nicht annehmen würde. Von den beiden anderen Herren, die zur Abhaltung von Gastpredigten eingeladen werden sollten: Dr. Klein- Stockholm und Dr. Liltmann-Zürich, ist Abstand genominen worden. Weshalb dies geschehen, ist uns ebensowenig bekannt, wie der 'Name dessen, der in Sachen der 'Neubesetzung des vakanten Postens die Rolle des Souffleurs übernommen hat. — Borträge Wie alljährlich veranstaltet auch diesmal das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums eine Reihe von Vorlesungen zum Besten des Stipendienfonds dieser Anstalt. Die Vorlesungen finden im Saale des Geselligen Vereins der Ges. der Freunde Potsdamer Str. 9 an den Montagen der nächsten Wochen Abends 7Vs Uhr statt. Das Programm ist das folgende: l. Am 13. Januar. Herr Prof. Dr. Philippson: „lieber den Ursprung des Krieges 1870". 2. Am 20. Januar. Herr Karl Emil Franzos: „Mein Franz". Novelle in Versen. 3. Am 3. Februar. Herr Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Aron: „Die Entwickelung der Elektrotechnik" (Erläutert durch Experimente). 4. Am 10. Februar. Herr Dr. R. Samter: „Judentum und Griechentum". 5. Am 17. Februar. Herr Pros. Dr. Ludwig Geiger: „Was ist uus Börne?" 6. Am 24. Februar. Herr Prof. Dr. Gustav Oppert: „Jüdische und syrische Kolonien in Indien". Einlaßkarten ff 5 Mark für den ganzen Cyklus, a 1 Mark für eine Vorlesung sind zu haben bei Herren Gebr. Friedländer, Unter den Linden 28 und beim Eingang in den Saal.