Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 11. .Umm ich auch nicht von der spanolischen Judenheit, die seit Jahrhunderten keinen wahrhaft bedeutenden "Alaun erzeugt und auf keine epochemachende Leistung binznweisen hat, — was in der amerikanischen Zeitschrift „Dcborah", neulich ausgeführt wurde — die Zukunft Israels erwarten, so wurde ich doch, gleich allen Anwesenden, überzeugt, daß es unsere Pflicht ist, die Alliance Isr. zu unterstützen, die unsere Brüder in der Türkei geistig hebt und mit den Waffen der Kultur für den Kamps des Daseins auSrüstet. — Die Verbreitung der Bildung unter den türkischen Juden trägt auch zur Verbesserung ihrer materiellen Lage bei. Die ottomnnische Bank, bei der es Usus war, keine Inden anzustellen, hat in der Gegenwart n n r jüdische aus den Schulen der Alliance Isr. hcrvorgcgangcne Beamte, die sie ans Grund ihrer anonymen Meldungen und Arbeiten angestellt hat. Im übrigen ist die soziale Lage der Juden in der Türkei eine traurige. Der Armenetat der Gemeinden beweist es. Das Budget der Gemeinde ist zum größten Teil Armenetat. Tie Gemeinden, die vom Rabbinat erhalten werden, vom Rabbinat, das richterliche Funktionen ausübt und das Geschäftsleben der Jilden leitet, verwenden ihre Ginnahmen zumeist zur Linderung der Aot. Dieser Rot steuert indirekt die Alliance Jsraelitc. Dr. I. Niemirower. Feuilleton. Ahn um Ahn. Grzählimg aus Polens Bergangenheit. (Fortsetzung.) Wierzynek erkannte sofort, daß es Wichtiges sein müsse, das der alte Jude mitzuteilen habe. . Daß die Mitteilungen ihren Hauptwert verlieren würden, wenn bis dahin Amsi'ser, der Judenarzt nicht mehr am Leben sei, hatte der Alte deutlich zu verstehen, gegeben, und wie Wierzynek vom Arzte erfuhr, waren die Stunden des Verwundeten gezählt. Es galt also zu eilen, und "Nikolaus Wierzynek war nicht der Alaun, Zeit zu verlieren. Er entließ den Arzt und begab sich unverzüglich in den Kerker "lieb Josefs und Amisisers. „Ihr wollt den König sprechen, so lange dieser, Euer Sohn, noch am Leben ist?" sagte er zu Reb Josef. „Werdet Ihr mir dasjenige anvertranen, was Ihr dem Könige zu sagen habt? Ich bin des Königs Stellvertreter. Kennt Ihr mich?" „Wohl kenne ich den gnädigen Herrn," antwortete Reb Joses, „und weiß, daß nächst dem Könige selbst kein zweiter Mann im ganzen Reiche Polen ist, gleich Euch, durch dessen Hand alles ein- und ausgeht, was im ganzen Reiche geschieht, wie es einst mein Vorfahr Josef beim Könige Pharaoh von Mizrajim gewesen. Allein mein Geheimnis betrifft des Königs eigene Person und nur ihm allein will ich es entdecken. „Affo ein Privatgeheimnis, das des Königs Person betrifft," ries Wierzynek. „Kommt mit mir!" Reb Joses wandte sich zu Amivser hin. Einen langen forschenden Blick warf er aus das Schmerzenslager seines Kindes. Bleich und regungslos, mit geschlossenen Angen, lag dieser noch immer; nur ein leises Atmen bekundete, daß noch Leben im Körper sei. „Amieser," ries der Alte vor seinem Abgehen, „ich verlasse Dich für kurze Zeit. Bald werde ich zurückkommen mit einem Besuche, ans den ich Dich bitte. Dich vorzubereiten. Er wird Dich sehr ausregen. Es betrifft unser Geheimnis." Der Kranke antwortete nicht, aber der Blick, den er ans seinen halbgeöffneten Augen seinen: Großvater znsandte und das leise "Nicken seines Hauptes bekundeten, daß er die Worte gehört und verstanden habe. Durch die ehrerbietig platzmachenden Wachen hindurch schritt der Königsgünstling ans den Kerkerräumen hinaus. Reb Josef folgte ihm. Sie schritten über Gänge und Höfe und über mehrere Stiegen, bis sie ans Ende eines langen Korridors in ein reich eingerichtetes Zimmer eintraten. „Wartet hier," rief Wierzynek dem Alten zu, indem er sich durch eine Seitenthüre entfernte. Es dauerte nicht allzu lange, so ertönten von derselben Seite her Schritte, die Thüre that sich aus, ein Mann von imponierender Gestalt und stolzer Haltung trat ein, gefolgt von Wierzynek, welcher die Thüren schloß, nachdem er sich überzeugt, daß kein Lauscher hinter denselben verborgen sei. Reb Joses erkannte den König. Er erhob sich, bleich und vor Aufregung zitternd. Jene schon oft erwähnte unheimliche Entstellung seiner Züge trat mächtiger als je hervor. Wild blitzten seine Augen und bohrten sich gleich Dolchen einen Moment lang in des Königs Antlitz. Aber sein Benehmen ließ nichts von dem nrerken, was in feinen: Innern vorging. Stumm und ehrfurchtsvoll verbeugte er sich vor den: Monarchen. Blos einige leise gemurmelte unverständliche Laute konnte er nicht unterdrücken. Kasimir war befremdet vor der unheinüichen Gestalt stehen geblieben. Die plötzliche Aufregung, sowie auch die leise gemurinelten Worte des alten Juden waren seinem scharfen Blicke nicht entgangen. „Ihr habt mir ein Geheimnis zu offenbaren, das Ihr niemandem sonst anvertrauen wollt," fragte er in leichten: Tone; sind die Worte, die Ihr soeben gemurmelt, vielleicht der Anfang desselben?" Reb Joses hatte seine Fassung wiedergewonnen. „Majestät," antwortete er in deinütigem Tone, aber ruhig und furchtlos, „unsere Lehre, die wir von unseren Ahnen haben, schreibt uns beim Anblicke eines gekrönten Hauptes einen Segensspruch vor für den Allmächtigen, der einen Teil seines Glanzes einem Erdensohne beschieden." „Es ist mir bekannt," sagte der König freundlich und n:it sanftem Tone; „doch dieser Segensspruch scheint Euch in große Aufregung versetzt zu haben." „Majestät," antwortete Reb Josef nach einer kurzen Pause, „was nach in so große Aufregung versetzte, war das Wiedersehen desjenigen, der — inein Lebensglück vernichtet hat." „Jude!" ries Wierzynek drohend, „vergiß nicht, nüt wen: Du sprichst!" „Ihr werdet es wohl selbst verschuldet haben, wenn dem so ist," sagte der König ruhig. „Ich glaube nicht, daß inan mir ungerechte Härte gegen Eure Glaubensgenossen vorwerfen kann." „Verschuldet wohl," sagte Reb Joses mit ciium Seufzer, „bod) nicht in den: ^inne, wie Euer Majestät es meint; Majestät, ich bin der Vater EsterkaS." Kasimir wich einen Schritt zurück und betrachtete halb scheu halb neugierig die gramdurchsurchten Züge des alten Inden. Tann b^snu er, ohne etwas zu sagen, in großer