Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609720--1055-9609730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. zwei Rosen und reicht sie über den Zaun der ausblühenden Jungfrau. Diese steckt freudig dankend die Blumen vor ihren Busen. — — Das heitere Bild verändert sich. Der wohlwollende, frohe Gärtner tritt eines Morgens aus seinein Hause vor die Garteuthüre. Was muß er sehen! — In den Morgenstunden waren Unholde in den Garten eingebrochen. Der Eine zerbrach Rosenstöcke, ein anderer zertrat die Blumenbeete, eilt dritter zerwühlte das Kartoffelfeld und ein vierter durchsügte einen Kirschbaum. Sie waren bei dem ZerstörnngSwerk mit einem Eifer, wert der edelsten Absicht. — Einen Augenblick stand der Besitzer starr, dann ries er: — WaS wollt, was macht Ihr da! Was haben Euch meine Rosenstöcke, Kirschbäume, Kartoffelstauden gethan? Jene blickten zornig aus; einer derselben stemmte die Arme in die Seiten, und ries trotzig: Was wir wollen? Tu hast noch den Mut zur Frage? — Wir ivollen und wcrdeit die Fremdlinge aus unserem heimischen Boden auSrotteir mit Stumpf und Stiel. Die Orientalen, Amerikaner und derlei Eindringle sollen den urgermanischen Pflanzen Platz machen! Hoch Rettig, vivat Gerste! — Run feuerte der Sprecher seine Gesellen zur Fortsetzung der Zerstörung an. Der Eigentümer griff im Zorn einen Spaten, holte einen Revolver, aber - warf beide von sich, um nicht Blutschuld aus sein Haupt zu laden. — Er suchte und fand bei wohldenkenden Nachbarn Hilfe, die rohen Gesellen entflohen und ließen Zerstörung und großen Schaden zurück. — Was hätte der Gärtner nicht alles über Gemeinschaft und Individualität, Veredlung durch Austausch, Wanderung der Völker und Menschen sagen können! Er hätte tauben Ohren gepredigt. — Alle Menschen sind Brüder; jeder ist mit uns verwandt. Aus dieser Grundlage müssen alle Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten zur Harmonie werden, — zu einem Bündnisse. Aller unter Berechtigung der Eigenart nach dem Willen und der Bestimmung des Schöpfers. Jeder zum Ganzen und vollendet in sich. vik Iiidcil in Konftaiitinopkl. Am 10d. Bi. hielt hier in der Loge des U. O- B. B- Professor Dr. Ludwig Stein aus Bern, der Begründer und Herausgeber des Archivs für die Geschichte der Philosophie und der Berner Beitrüge zur Philosophie und ihrer Geschichte, einen glänzenden Vortrag über die Juden in Konstantinopel. Die Logcnräume in der Wilhelmstraße waren dicht gefüllt. Der gedankenvolle und interessante Vortrag, der mit seinem Witz gewürzt war, erntete großen Beifall. Der Inhalt des Vortrages ist etwa folgender: Die Juden Konstantinopels, die sich keines großen Reichtums erfreuen — es giebt in Konstantinopel keinen Juden, der über eine Million verfügt, und nur wenige, die eine halbe Million besitzen — haben in ihrer Mitte mehrere staatliche Würdenträger. Zwei der Leibärzte des Sultans sind Juden, Elias-Pascha und Jsak-Pascha. Der erstere ist ein Schüler des von der Allianee Jsraelite gegründeten Schule; er bildete sich auch in Berlin aus und ist mit dreißig Jahren Leibarzt des Sultans gewesen; er ist der erste jüdische Pascha, aber nicht der erste jüdische „Poschc". Jsak-Pascha erlangte seinen Titel anläßlich des hohen Besuches des deutschen Kaisers in Kgnstantinopel. Auch der Polizeipräsident der türkischen Hauptstadt ist ein Jude. Alle die hohen Würdenträger, von welchen hier nur wenige erwähnt wurden, besuchen an den Festtagen die Snnagoge. Tie äußerliche Religiosität der türkisch-jüdischen Beamten leitete der Vortragende aus ihrem sozialen Milieu ab, aus den Verhältnissen ihrer Umgebung. Wie es sich mohamedanelt, so jüdelt es sich. Wie die mohamedanischen Größen mehr moscheengläubig als die westeuropäischen Würdenträgers kirchengläubig find, jo sind auch die türkischen Größen jüdischer Abstammung mehr synagogengläubig als ihre Genossen in Westeuropa. Wie zutreffend diese Erklärung des Vortragenden Psychologen auch ist, so läßt sich noch hinzusügen, daß die äußerlich sich kundgebende Frömmigkeit der türkisch-spanischen Juden eine Folge ihrer ganzen Entwickelung ist, welche nicht ausschließlich von den Verhältnissen zu ihrer Umgebung bestiinmt worden ist. Die Entwickelung der Spaniolen, deren Ausgangspunkt eine ge waltsam unterbrochene hohe Kultur ist, erklärt auch die Formlosigkeit der konstaniuopoler Synagogen, die das ästhetische Gefühl des Heren Prof, verletzte. — Vermag man nicht von den Bethüusern K.'s gutes zu berichten, um io mehr von den Betenden. Die Jugend ist imstande auch die Gebete und Pijutim der hohen Festtage auswendig auszusagen, was auf ein höheres Maß hebräiicher Kenntnisse hinweist. Man vermißt allerdiitgs eine ruhige Andacht und andächtige Ruhe, worauf schon die Alten ein großes Gewicht legten, da sie das Hauptgebel, das Achtzehngcbet zu den stillen Gebeten stempelten, uran vermißt auch an den heiligen Tagen des Rosckhasebana die Tsträne, die in Polen und Ungarn die tiefe Ergriffenheit des Beters verrät, aber man wird voll und ganz entschädigt, wenn man ein jüdisches Haus betritt, das eine Stätte wahrer Fainilienliebe, echter und rechter Andacht ist. Der Redner hatte Gelegenhenheit, ein jüdisches Haus in K. kennen zu lernen und er war des Lobes voll. Die Jugend konnte sich auch mit ihrem Gast in schönen! Französisch unterhalten. Die Kenntnis des Französischen, das in Konstantinopel eine hervorragende Rolle spielt, wir jede Bildung überhaupt verdankt die jüdische Jugend vorzüglich den Schulen der Alliance Jsraelite. Alle Würdenträger jüdischer Herkunft in der Türkei sind, mit wenigen Ausnahmen , Zöglinge der Schulen, die die Alliance Jsraelite gestiftet. Diese Schulen machen der jüdischen Philanthropie nur Ehre. Die Anstalten, die das Licht der Kultur in dir Finsternis des Orients tragen, sind der Unterstützung aller Kultursreunde würdig. Die Allianee Jsraelite, führte der Vortragende mit Begeisterung aus, treibt innere Mission mit dentselben Recht mindestens, mit dem andere Konfessionen — Baseler Mission — äußere Mission treiben. Die Wissenschaft ist international; auch die Menschenliebe ist und soll international sein! Aus einem noch höhereil Grunde pries Herr Prof. Dr. Stein die zivilisatorische Thätigkeit der Alliance Jsraelite, weil er nämlich in der spaniolischen Judenheit die Reservearmee des Judentums sieht. Von den spaniolischen Juden konnte „Se. Ercellenz" der Ehacham-Baschi mit Stolz beteuern, daß keiner aus ihrer Mitte, der von irgend welchem Range ist, dem Judentum in neuerer Zeit den Rücken gekehrt hat. Die Spaniolen Konstantinopels zeichnen sich durch eine anerkennenswerte Pietät gegen die Satzungen des Judentums aus. Während die eingewanderten polnisch -deutschen Juden in K. den Sabbat und die Festtage entweihen, sind die Spaniolen treu den Verordnungen unserer Religion.