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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-03 · 1 (3.1.1896) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
1 (3.1.1896)
Date
1896-01-03
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Allgemeine Jsraelittsche Wochenschrift. Nr. 1. l einerer Form leistet. Als Schneider vor etwa 14 Tagen wieder Ritualmordgeschichten in der österreichischen Kammer auftischte, schwebte auf vielen Zungen die Frage: „Ist kein Bloch da?" Eine Frage, die sogar die „Neue freie Presse" gestellt hat, ein Blatt, das politisch Dr. Bloch nichts weniger als nahesteht. In wessen Interesse der galizische Artikel Ihres Blattes geschrieben morden ist, wird man ja bei der nächsten Wahl im Städtebezirk Kolomea genau missen. Der Artikel deutet nämlich zum Schluß an, daß Dr. Trachtenberg durchaus kein idealer Vertreter des Bezirks sei, daß allerdings ein feinfühliger Mensch sich den Angriffen eines Gegners wie Bloch nicht gern ausgesetzt haben würde. Bei der nächsten Wahl werden wir also den feinfühligen Herrn kennen lernen, dessen Platzhalter Dr. Trachtenberg fein soll. In eingeweihten Kreisen kennt man den Herrn allerdings schon jetzt. Bei der geringen Anzahl von Wahlkreisen (abgesehen von Handelskammern), in welchen jüdische Kandidaten gewählt werden können, ist das Angebot akademisch gebildeter Juden, die in der Wahl ihrer Eltern oder Schwiegereltern vorsichtig waren und als Erwählte des Volkes hoc otium cum dignitate führen möchten, ziemlich groß. Einer dieser Herren gilt als der lachende Erbe, der auf die Verlassenschaft des Dr. Trachtenberg wartet. Wenn er nicht schon jetzt in den Wahlkamps eintrat, so hielt ihn wohl nicht die Scheu vor den Blochschen Angriffen zurück, sondern als feinfühliger Mensch sagte er sich, daß ein jüdischer Abgeordneter, gegen Bloch gewählt durch Luegers Gnaden, auf besondere Hochachtung keinen Anspruch erheben dürfe. Ihr Blatt hat hauptsächlich gegen die falsche Vornehmheit der musterhaften Unthätigkeit gekämpft, es steht Ihnen daher nicht gut an, gegen den einzigen jüdischen Abgeordneten vorzugehen, der sich als Mann gezeigt hat. Aus groben Klotz gehört ein grober Keil; mit dein vornehmen Ablehnen sind wir nicht besonders weit gekommen. Indessen handelt es sich hier nicht um unseren Geschmack, sondern um den der Wähler von Kolomea. Ihr Fehlen bei einer so heiß umstrittenen Wahl beweist unwiderruflich, daß sie nicht Dr. Bloch ihr Vertrauen entzogen haben — sonst hätten sie ja Dr. Trachtenberg gewählt! — sondern daß man sie an der Ausübung ihrer Rechte gehindert hat. Nachdem ein Jude den traurigen Mut hatte, Kandidat Luegers gegen Bloch zu sein, sollte die jüdische Presse wenigstens für Bloch einstehen und nicht für den Kandidaten, den die Antisemiten mit dem sit venia verbo moralischen Einfluß unterstützten, den sie nun einmal in Oesterreich haben. Bloch legte sein Mandat nieder, weil die Antisemiten es wünschten und ihre Wünsche beim Polenklub geltend zu machen verstanden. Aus dem gleichen Grunde wurde Dr. Trachtenberg der Erwählte des Polenklubs. Die jüdischen Wähler die ihre Rechte nicht ausüben durften, sind an der Wahl Dr. Trachtenbergs unschuldig. Hochachtungsvoll X II. Nachbemerkung der Nedaktion. Wir bringen obige Zuschrift, die uns von einer hochachtbaren Persönlichkeit zugegangen ist, zum Abdrucke, weil wir weder für noch gegen Dr. Bloch Partei nehmen, sondern nur gewissenhaft alle Stimmen, die über diese Frage laut werden, registrieren wollen, indem wir nicht in verba magistri schwören.. Wir haben in der That sonst eine Vorliebe für die Minorität, weshalb wir gar keinen Grund hätten, gegen die Person des Dr. Bloch eingenommen zu sein; aber wir sagten uns, daß man doch ausnahmsweise auch dem Gewählten ein günstiges Wort Nachreden darf, nicht blos dem Unterlegenen, wie es in allen jüdischen Blättern der Fall gewesen. Zur Sache selbst haben wir noch Folgendes zu bemerken: Der Herr Einsender obiger Zuschrift befindet sich auf falscher Fährte, wenn er der Meinung ist, der Anti-Bloch-Artikel in unserem Blatte sei von einem Mitbewerber Bloch's, der „in der Wahl seiner Eltern oder Schwiegereltern" vorsichtig gewesen, ausgegangen. Der Schreiber des genannten Artikels ist ein Mann, der vor allem die Verhältnisse genau kennt, und seit Jahren mit Liebe und Eifer für das Judentum thätig ist, wenn auch nicht in der geräuschvollen Weise wie Dr. Bloch. Er hat es uns auch sreigeüellt, eventuell seinen Namen zu nennen,, da er gar keinen Grund hat, die Oeffentlichkeit zu scheuen und jedenfalls auch Mut besitzt, nötigenfalls Rolet einen Schelm zu nennen. Aber wir unterließen die Namensnennung, weil auch mir die Kampfmeise Bloch's genügend kennen, die stets ins Persönliche ausartet. Auch der Herr Einsender, deruns zum Vorwurf macht, daß wir die Angelegenheit von Berlin aus nicht beurteilen können, befindet sich — in Berlin, und mir können nur erwidern, daß Dr. Bloch in seiner nächsten Umgebung eben seiner Kampfweise wegen wenig Sympathie genießt. Daß er aber dessenungeachtet in Wien eine Rolle gespielt, ist dem Umstande zu verdanken, daß ein Teil der jüdischen Notablen in Wien ebenfalls der Meinung ist oder wenigstens war, durch das Auftreten Bloch's den Antisemitismus totmachen zu können, der andere Teil aber im Interesse der lokalen Bestrebungen, aus die wir hier nicht weiter eingehen wollen, Dr. Bloch und sein Organ unterstützten. Wir wollten die Person Dr. Bloch's nach Möglichkeit schonen und alles vermeiden, was nicht zur Sache gehört, weshalb wir auch manche scharfe Wendung in der Zuschrift aus Galizien weggelassen haben. Ob Dr. Bloch unter den gleichen Umständen dieselbe Rücksicht genommen haben würde, glauben mir bezweifeln zu müssen. Was die Wahl-Arithmetik betrifft, so ist dem gesch. Herrn Einsender ein kleiner Unfall passiert. Nehmen wir an, daß alle 1243 Stimmen, die diesmal nicht abgegeben worden sind, dem Dr. Bloch zugesallen mären, so bleibt er noch immer stark in der Minorität. Indessen liegt die Sache ganz anders. Zahlreichen Zuschriften, die uns seitdem zugegangen, entnehmen wir, daß die christlichcn Wähler sich diesmal der Abstimmung zum größten Teil enthalten haben, weil sie nicht für den jüdischen Kandidaten stimmen wollten. Es herrscht bei uns der Glaube, daß der ostgalizifche Wahlkreis Kolomea-Buczaez-Snyatin ein rein jüdischer wäre, was indes nicht der Fall ist. Die Juden haben dort die Majori tät, aber es giebt auch eine starke christliche Minorität, und stets ist dort auch ein nichtjüdischer Kandidat ausgestellt worden, der sogar im Jahre 1879 mit dem Rabbiner Schreiber in die Stichwahl kam. Diesmal, da von offizieller Seite die Parole ausgegeben ward, jeden anderen jüdischen Kandidaten zu unterstützen und keinen christlichen Kandidaten aufzustellen, da 511 befürchten wäre, er könnte mit Bloch in die Stichwahl kommen, wodurch die Juden gezwungen wären, Dr. Bloch zu wühlen — diesmal enthielten sich viele Christen, namentlich die ruthenischen Wähler der Wahl. Die Majorität Dr. Trachtenberg's setzt sich aus etwa 1500 jüdischen Stimmen zusammen, mährend der Rest von Christen stammt. Das

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