Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609720--1050-9609725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V Seite 5. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. Damit mar eigentlich der Schluß der öffentlichen Sitzung eingetreten. Herr Landsberger als Vorsitzender glaubte nur noch Veranlassung nehmen zu müssen, den ausscheidenden Herren seinen herzlichen Dank auszusprechen für den regen Eifer, mit dem sie an den Ausgaben der Gemeindeverwaltung teilgenommen. Als er geendet, hörte man noch ein sehr gedämpft klingendes Bravo, während am Vorstandstische sogar 2 Handflächen zum Beifallklatschen gegeneinanderschlugen. Am 29. Dezember 1895, um 12 Uhr Mittags war damit die letzte öffeutliche Sitzung der „alten Repräsentantenversammlung" zu Ende. Nunmehr richten sich alle Blicke aus die neueu, die kommende» Männer, die mit dem neuen Jahre in der Gemeindestube ihren Platz einnehmen werden. Möge ihre Wirksamkeit eine solche sein, daß inan von ihr sagen kann: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Und neues Leben blüht ans den Ruinen. Auch etwas iilikt „nitfm“ linbliiiift. Bon einem Rabbiner. Wer in Fesseln geschmachtet hat, wird die goldene Freiheit umso besser zu würdigen verstehen, und wer sich der letzteren stets erfreut hat, wird ihren Verlust viel fchnierzlicher empfinden. Dieser Erfahrung folgend, glaubt der Schreiber dieser Zeilen über die mit obigem Thema bezeichnte Frage, welche in diesem Blatte angeschnitten wurde, eiu Wörtchen mitreden zu dürfen; als Befähigungsnachweis diene ihm eine kurze Schilderung der bei ihm angewandten Erziehungsmethode — sit venia verbo — welche von der seiner gleichaltrigen Kollegen kauin um ein Geringes abweicht. Drum, Rabboßai, laßt uns aus der Schule plaudern: Von 8 Uhr morgens bis 12 Uhr Schule, hernach 20 Minuten lang Mittagbrot, das von einem „Hauslehrer" — der in der Jeschibah meines fel. Vaters Bochur war — abgelöst wurde, der mich bis 2 Uhr mit Bibel, Propheten nebst Anhang und Anhängsel quälte, woraus die Schule wiederum bis 4 Uhr abgeklappert wurde. Kaum war sie aus, da kamen die Schularbeiten und andere nützliche Beschäftigungen an die Reihe, welche die Zeit bis zum Schlafengehen aussüllten, für welche die Stunden von 8 bis 2 Uhr ausreichen mußten, in welcher Morgenstunde ich im Sommer und Winter an das Bett meines „Hausbochur" wandern mußte, welcher vom warmen Port aus bis 7 Uhr meine talmudischen Studien leitete. Ein langer und langsamer Schachriß, sowie ein kurzer und schneller Kaffee füllten die Stunde bis zum Schuft ansang aus. Für Spiel, Spaziergang in frischer Luft und sonstigen in heutiger Zeit unentbehrlichen hygienischen Schwindel reichten die 24 Tagesstunden nicht aus. So wurde man zur Jeschibah vorbereitet und das war — gut. Durch den gleichzeitigen Schulbesuch aber hatte man vom Baume der Erkenutnis genascht — denn mein sel. Vater gehörte bereits zu denen, die. was vom Zeitgeist wußten — und diese Reizung des Appetits war . . . . schlecht. Tenn das in den Jeschiboth um des lieben Seelenheilsmillen mit aller Strenge und durch freiwillige Spitzel unterstützt, durchgesührte Interdikt gegen alle „profanen" Studien, erzeugte entweder vom Wissensdrang heimlich durchglühte Heuchler, oder als Aasgeier bei allen weltlichen Wiffen fungierende Fanatiker, oder auch beides zugleich. Es gab zwar auch noch eine Art Amphibium, das war der Muwchor, der zwar bei den Schiurim seinen Mann stellte, aber gelegentlich auch gern mit seiner „klassischen" Bildung kokettierte, denn er hatte Kotzebues Verzweiflung — auswendig gelernt und als philosophisch aufgeklärt gelten wollte, denn er hatte die „Sendung MostS" bereits zweimal gelesen — doch unsere Erfahrungen aus den Jeschiboths wollen wir ein andermal zum Besten geben. Viele warfen nun, nachdem sie sich mehr oder weniger heimlich die nötigsten Vorkenntnisse angeschafft hatten, die lästige Maske ab und traten ins Seminar ein, sowie der^Schreiber dieser Zeilen auch. Nun bin ich wegen meiner einleitenden Worte in Ver^ legenheit, denn ich weiß nicht mehr, welche Zeit die der goldenen Freiheit, und welche die der drückenden Fesseln war. Soviel steht fest, daß mich die Wissenschaft nicht allzusehr im Seminar drückte, daß sie jedenfalls weder quantitativ noch qualitativ den Verlust ausgewogen hat, den ich durch das daselbst systematisch und mit Erfolg geübte Vergessenmachen des seit frühester Kindheit mühsam errungenen Talmudschatzes erlitten habe, und so ist es, nach dem Geständnis der meisten nütleidenden Kollegen, allen Ueberläufern von Jeschibah zum Seminar ergangen. Da waren die Kollegen, welche direkt vom Gymnasium auf's Seminar gekommen waren, viel besser daran - die brauchten nichts zu vergessen, da nmn aus dem Seminar human ist und von den Hörern nichts Unmögliches verlangt. Insofern gebührte der Jeschibah der Vorzug, weil man dort sehr viel „lernte" und — wer von Eifer beseelt war — zu der gebotenen saftigen Kost sich auch mit Leichtigkeit das nötige Gemüse beschaffen konnte. Wir wollen uns aber nicht darüber täuschen, da die Jeschiboth mit ihrer Einseitigkeit sich überlebt haben, da man heutzutage in einer Umgebung von rücksichtslosen Feinden streitbare Rabbiner braucht, die auch imstande sind „eine Lippe zu riskieren", wie der Berliner sagt, und wer dem Gros der modernen Rabbiner ein gerissenes Mundwerk abspricht, der bewirft es mit einem unverdienten Kompliment. Freilich wäre es besser, wenn die Seminarien etwas Idealeres im Auge hätten, als den Konkurrenzanstalten die fettesten Pfründen megzuschnappen, und deshalb auch ein Auge zudrücken, wenn verschiedene ihrer Zöglinge so glücklich sind, ohne eine Hattoroh überhaupt eine Stelle zu bekommen — allerdings dürste es nicht Vorkommen, daß Kandidaten, welche nicht wissen, in welcher Leihbibliothek man den „Ran" zu Nedarim bekömmt, die Hattoroh für ihre Gesinnungstüchtigkeit und gegen einen Revers bekommen, der ihnen die Fähigkeit zu „darschenen" und zu „paßkenen" (??) abspricht, wenn sie eine Synagoge betreten, in der eine Orgel ist — aber ein gutes Mundwerk bringen sie vorn Seminar mit, dafür sind ja die homiletischen Hebungen da — und es ist nicht wahr, daß sie die Wissenschaft totschlagen, denn.die Nürnberger hängen keinen, wenn sie ihn nicht haben. Es war auch mehr als naiv, als vor kurzem eine deutsche Behörde, einer antisemitischen Anregung folgend, eine Rundfrage ergehen ließ, ob in den jüdischen Schulen der Schulchan Aruch gelehrt wird. Wer ums Himmels willen soll denn aus ihnl unterrichten: die ihn nie ordentlich gelernt haben, oder die ihn vergessen mußten? Derer, welche dem Vergessenszwang nicht folgten, giebt es, seitdem Kandidaten, welche den Jeschiboth entstammen, also meist Ausländer sind, zum rabbinischen Amte in Preußen nicht mehr zugelassen werden, nur sehr wenige. Die Zukunft sieht sehr trübe aus. Analog den „wissenschaftlichen Kursen" für evangelische Theologen, talmudische für israelitische Theologen einzurichten, würde keinen Zweck m