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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-01-03 · 1 (3.1.1896) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
1 (3.1.1896)
Date
1896-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. ' Suum cuique. I. sDiit lHer Faust hat der Antisemitismus die meisten Juden au| ihren Illusionen aufgerüttelt. Sie wähnten, daß das Grundrecht in den europäischen Konstitutionen, welches die Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze ohne Unterschied der Konfessionen ansspricht, allein genüge, um überast j„ Europa die Gleichstellung der Juden zu sichern und/sie mit einem schützenden Tamm gegen die Fluten der Vorurteile und gegen die wilden Wogen der Leidenschaften M umgeben, daß dieses in feierlicher Weise promulgierte Grundrecht die bösen Geister, welche Jahrhunderte lang gegen stie Bekenner des Judentums wüteten, wie eine unwidersteh- /l'.che Zauberformel in allen europäischen Staaten verscheuchen werde. In der Phantasie der Freigewordenen erhob sich das Bild eines güldenen Zeitalters, in welchem der Staat kein anderes Ziel vor Augen hat, als die Grundsätze der Gerechtigkeit, die zu erhaben ist, als daß sie sich von kleinlichen Vorurteilen und Bedenken leiten ließe, immer kräftiger nach allen Seiten zu entwickeln und durch unverrückbare Gesetze und dauernde Institutionen zu befestigen und die Staatsbürger, unter dem pädagogischen Einflüsse der modernen Gesetzgebung erzogen und herangewachsen, nicht nach dem Glaubensbekenntnis ihrer Mitbürger, sondern nach der bürgerlichen Tüchtigkeit und dem patriotischen Pflichteifer derselben fragen und urteilen werden. Sie glaubten, daß die weiten Hallen, in denen die Vertreter der Völker zu legislatorischen Beratungen sich versammeln, die politischen Kirchen der Völker seien und daß keine Gänge sie mit den religiösen Kirchen und Synagogen irgendwie verbinden werden. Dem Judentum wies man die Religionsschulen und Tempel als konfessionelle Stätten an und hielt die Zeit für abgethan, in welchen über den Wert und die Würdigkeit desselben öffentlich und leidenschaftlich diskutiert wurde. Diese Illusion, welche der meisten Juden sich bemächtigt hatte, wirkt auch aus die inneren Zustände des Judentums in nicht sehr erfreulicher Weise ein. Fahrlässigkeit,, Schlaffheit, Gleichgiltigkeit, nicht selten auch eine witzelnde Frivolität in allen religiösen Angelegenheiten griffen immer mehr um sich, unv diejenigen, welche noch wenige Jahre vorher für Reform, Veredlung, Fortschritt, Läuterung und Sublimierung auf dem Gebiete des Judentums oder für die Erforschung und Darstellung unserer litterarischen Besitztümer mit feurigem jüdischen Pathos einstanden, erkalteten allmählich und zogen sich von jeder öffentlichen Teilnahme zurück, da sie nichts als politische Freiheitslieder mit dem Refrain: „Gleichheit und Brüderlichkeit", von allen Seiten zu hören glaubten. Es ist anders geworden, und die Phantasiegebilde so vieler Juden sind zerflossen! Die ununterbrochenen Angriffe ans das Judentum, dessen Religionsquellen und moralische Lehren, sowie oeren Einfluß aus das Völkerleben, die in Flugschriften, Journalen, Wochenblättern und umfangreichen Werken mit gelehrtem Aufputz an alle Berufsklaffen sich wandten, um den Charakter und den ethischen Lebenswandel der Juden zu verdächtigen und in den abschreckendsten Farben zu schildern und dadurch eine Erbitterung und eine Feindseligkeit gegen Juden und Judentum zu verbreiten, wie sie im Mittelalter kaum zu finden waren, dürften wohl die Juden überzeugt haben, daß ihre Stellung schwankend, ihre Gleichberechtigung unvollkommen sein und bleiben muß, so lange nicht das Judentum überall von den christlichen Völkern anerkannt werden wird als eine Religion, welche durch ihre reine Gottesidee und ihre lautere Ethik, sowie durch die schönsten und edelstell Muster und Vorbilder ihre Bekenner zur Gerechtigkeit und zur Nächsten liebe, zu guten Menschen und loyalen Staatsbürgern erzieht, oder kürzer ausgedrückt: so lange die christlichen Nationen sich nicht zu dem Grundsätze bekennen: „Das Judentum den Juden!" Alan hat in religiöser Beziehung den Judeil nichts zu bieten und hat nichts, wozu man sie bekehren könnte. Sie sind kein vorzugsweise spekulativer Volksstainin, ihr Geist ist mehr realistisch geartet und daher auf das praktische gerichtet, was auf religiösenl Gebiete das ethische Element ist oder derjenige Teil, welcher die Gestaltung des praktischen Lebeirs bestimmt. Die jüdische Litteratur vom biblischen Altertume an bis auf die Gegenwart, ist auch sehr reich an Aussprüchen, Vorschriften, Ratschlägen, Ermahnungen, größereil und kleiileren Werken, welche die Ethik behandeln, so daß die Kirche durchaus nicht imstande ist, die Bekenner des Judentums in moralischer Beziehung zu belehren und sie zu einer weiter fortgeschrittenen, mehr entwickelten und geläuterten Ethik zu bekehren. Dem unter den Juden heiinischen Grundgesetze folgend: „Niinm die Wahrheit an von jedem, der sie verkündet", haben die Führer und Lehrer des jüdischen StamineS alles, was das Schrifttum anderer Völker, z. B. der Griechen und Araber, Treffliches und Beherzigenswertes auf ethischem Gebiete enthält, hebräisch übersetzt, so daß es allmählich zum Gemeingut der Juden geworden ist. Tie Ethik des Aristoteles z. B., deren realistische Seite dem jüdischen Genius entspricht, wurde unter den jüdischen Gelehrten so bekannt und gewann ein solches Ansehen, daß man in öffeirtlichen Reden sie als eine Autorität zitierte und der aristotelische Satz von der goldenen Mittelstraße in hebräischer Fassung (derech immmza) in den Muud des jüdischen Volkes überging. Ja, wir können noch weiter hinaus in das biblische Zeitalter greisen und auf die „Sprüche" Hinweisen, die auch Sentenzen ilichtjüdischen Ursprungs ausgenommen haben. Das ist ja eben der „talmudliche Geist", daß er die Juden befähigt, das gute bei allen Völkern mit ganzem Herzen anzuerkenneu, es in sich auszunehmen und unter dem Einflüsse der erhabenen jüdischeit Ideen und Wahrheiten organisch zu verarbeiten. In ethischer Beziehung ist die Kirche also außerstailde, die Juden einer höheren Stufe zuzufühleil; und was die theologische Seite betrifft, so werden die Bekenner des Judentums mit ihrem scharf ausgeprägten, reinen und lautereit, mit aller Strenge vor jeder Trübung und Verdunkelung überwachten Monotheismus nie gegen eine andere Gotteslehre austauschen. Im Punkte des Theismus sind und bleiben die Juden Semiten, deren Geist im Unterschiede von dem arischen den Glauben an Inkarnationen, als etwas seinem innersten Weserr Heterogenes zurückiveist. „Das Judentum den Juden" — so lange dieser Satz nicht in das Bewußtsein der Völker übergegangen unb so lange die Anerkennung des Judentunls nicht überall durchgedrungen ist, wird der Kampf gegen die Juden nicht aufhören und sie nicht zur Ruhe gelangen lassen. Denn wohl hat der Antisemitismus das Moment der Rasse auf seine blutbefleckte Fahne geschrieben; tu seinen Führern, stillen und lärmendeil Anhängern aber agiert sich der konfessionelle Unterschied. Auch die besser Gesinnten und edel Denkenden in der Kirche, welche, entrüstet über das den christlichen Namen schändende Treiben, dagegen ihre Stimmen erheben, müssen davon ab. lassen, für das Seelenheil der Juden in ihrer Weise. zu sorgen und sich endlich lind endgiltig mit dein Grnndsatze vertraut machen: „Das Judentuni ben Juden!"

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