Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9610650-9609614-9609692--349-9609705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5. I e s ch ir r ir n. Seite 77. im letzten Jahr mit einer 5 Psg.-Portion sättigen müssen. Zum Schluß weist die Verwaltung auf ihr neues Grundstück, das in der Gormannstraße zu diesem Zwecke errichtet wird, hin und bemerkt, daß in demselben Gebäude auch anderen Humanitären Zwecken gedient werden soll, vorzüglich einem zu begründenden israelitischen Mädchenheim, in welchem junge konditionierende jüdische Damen gegen geringe Entschädigung ein Heim finden sollen. Auch bemerkt die Verwaltuug noch, daß die israelitische Volksküche die Stätte war, wo zuerst arme hungernde Kinder gespeist wurden, und sie den Begründer angespornt hätte, auch den Verein für Kindervolksküchen, der momentan in 9 Anstalten 10 000 Kindern täglich warmes Essen verabreicht, ins Leben zu rufen. — Dieser Bericht enthebt uns wohl der Pflicht, die Volksküche dem Wohlwollen unserer Leser zu empfehlen. — Bei der Preisverteilung an der hiesigen Universität wurde eine Arbeit des Dr. Rieger, eines Hörers der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" mit denr ersten Preise ausgezeichnet. Die preisgekrönte Arbeit beschäftigte sich mit Cartesius. Dr. Rieger hat auch vor einem Jahre für eine in Gemeinschaft mit dem Rabbinats-Kandidaten Dr. Vogelstein bearbeitete „Geschichte der Juden in Rom" einen gleichen Preis erhalten. — Am 30. d. M. wurde von einem Kreise hiesiger israelitischer Lehrer beschlossen, einen „Berliner Lehrerv er ein" ins Leben zu rufen. In dem Vereine sollen vornehmlich die Geselligkeit und der kollegiale Verkehr gepflegt werden. Auch die hier als Lehrerinnen wirkenden Damen werden zum Beitritt eingeladen werden. — Am 23. Januar a. c. hielt der Humanitäts-Verein „Gewul Tauw“ im Dräsel'schen Lokale seine erste diesjährige ordentliche General-Versammlung ab, welche recht zahlreich besucht war. Eröffnet wurde dieselbe durch den Vorsitzenden Herrn G. Michaelis, der den Jahresbericht erstattete und an der Hand desselben nachwies, wie der Verein seit seinen: Entstehen vor 23 Jahren sich fortwährend mächtig entwickelt und seine Segnungen in immer größerem Maße seinen Mitgliedern habe angedeihen lassen können. Die Mitgliederzahl ist seit dem Entstehungsjahr 1872 von 71 auf 709 gestiegen und trotz der durch das Anschwellen des Vereins naturgemäß gesteigerten Ansprüche konnten dem Reservefonds 2069,90 Mk. hinzugefügt werden, so däß der Vermögensbestand jetzt die respektable Summe von 27739,70 Mark beträgt. Dabei ist durch die Beseitigung des früher üblichen Umlage-Verfahrens bei der Witwen-Unterstützung eine Trennung der Unterstützungs¬ und Witwenkasse erfolgt, welche für die Verwaltung wie für die Mitglieder einen Vorteil bietet. Die Witwenkasse verfügt über einen Bestand von 2630,00 Mk. Die Gustav-Michaelis- Stiftung hat zur Zeit ein Vermögen von 1900,00 Mk. — Rach den: Hoch auf den Verein, mit dem der Vortragende seine Ausführungen schloß, berichteten die Herren, welche den einzelnen Abteilungen des Vereins vorstehen, über das Wirken desselben in überaus erfreulicher Weise. Die Vereinsärzte, nämlich die Herren Dr. Löwenstein und Dr. Samter entwarfen ein Bild über den Gesundheitszustand der Mitglieder während des abgelaufenen Jahres, der im allgemeinen als günstig bezeichnet werden kann, da nur acht Mitglieder durch Tod ausgeschieden sind. Das Redaktionskomitee erstattete durch seinen Vorsitzenden Herrn S. Köttner Bericht über die neugegründete Vereinszeitung, der recht beifällig ausgenommen wurde. Ebenso gab der Vereinssyndikus, Herr- Rechtsanwalt Cohn, seine Bereitwilligkeit zu erkennen, den Mitgliedern auf Wunsch zu dienen, was, wie er humoristisch bemerkte, aus dem Gründe nicht genügend verlangt werde, weil man mit den Herren Rechtsanwälten wie mit den Herren von der Medizin naturgemäß nicht gern zu thun habe. Ein Antrag auf Abänderung des Statuts fand fast einstimmige Annahme, nach dem zum Schutze der Kaffe und der Mitglieder gegenüber den wachsenden Anforderungen, die an den Verein gestellt werden, den Beitrag der Mitglieder stufenmäßig gegliedert festgesetzt wird, und zwar bei Eintritt im Alter von 20—35 Jahren auf 16 Mk. pro Jahr, von 36 bis 40 aus 20 Mk. und von 41—50 Jahren auf 30 Mk. Die vorher stattgehabte Neuwahl des Vorstandes ergab die Wiederwahl aller Mitglieder mit Ausnahme des Herrn Koenigsberger, für den Herr Friedländer als Beisitzer cintrat. In das Amt als Krankenvater, das der letztgenannte bisher bekleidete wurde Herr Mendelsohn neu gewühlt. Ein Antrag Cassel, nach welchem den Mitgliedern für Krankheiten, welche die Behandlung durch Spezialärzte wünschen, die freie Wahl derselben zustehe, wurde nach längerer Debatte abgelehnt. Wie aus dem Verlaufe der Verhandlungen ersichtlich, herrscht in dem Vereine ein reges Leben und eifrige Thätigkeit für die edlen, echt jüdischen Bestrebungen des Vereins, was den Wunsch nahelegt, daß derselbe immer mehr erstarke zum Segen seiner Mitglieder, zur Ehre des jüdischen Namens und zun: Heile des Judentums, in dem er jedenfalls eine Zierde ist. Mit diesen: Wunsche rufen auch wir dem Verein ein »fröhliches vivat, floriat crescat zu. Er wachse, blühe und gedeihe! — Die Staatsbürgerzeitung schreibt: „Die Judengemeinde von Tilsit hat den Rabbiner Dr. Ehrlich in Riga zu ihren: Rabbiner erwählt. Da Ehrlich von Geburt russischer Jude ist, so wird die preußische Regierung die Bestätigung versagen nrüssei:, nachdem sie bekannt gegeben hat, daß sie dadurch die fortgesetzte Heranziehung freunder Juden zu Rabbinern deutscher Judengemeinden verhindern null". Dazu haben wir der verehrlichen Staatsbürgerin zu bemerken, daß sie sich wieder einmal von ihrem Judenhasses der bekanntlich nicht minder als jeder andere blind macht, in übereilter Weise hat fortreißen lassen. Wie wir bereits in unserer letzten Nummer beunerkten, ist Herr Dr. Ehrlich schon seit 18 Jahren naturalisiert, deunnach deutscher Staatsbürger. Die Denunziation des Blattes war demnach leider wieder einmal eine verfehlte. — Vorträge. Nicht weniger als vier öffentliche Vorträge über jüdische Angelegenheiten sind hier in Berlin in ebenso viel Tagen gehalten worden. Sonnabend-Abend wurde im Verein „Esra" über die Kolonisation Palästinas gesprochen; der Name de? Redners ist uns nicht mehr gegenwärtig. Am Montag-Abend sprach Rabb. Dr. W e i ff e im Verein für Montagsvorlesnngen über „Judentum und Hellenismus" und Rabb. Dr. R o s c n t h a l ans Rogasen im „Zentr.-Verein deutsch. Staatsb. jüd. Gl." über „Deutsche und Juden", und endlich Dienstag Rabb. Dr. Rippner aus Glogan in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums über „Abbe Gregoire, ein Vorkämpfer der Jndenemanzipation". Wir konnten nur den Vorträgen der auswärtigen Herren Redner anwohnen, und wiewohl in solchen Füllen eine Kritik sich von selbst verbietet, wollen wir dennoch bcn^rken, daß der Vortrag des Hrn. Dr. Rosenthal von ebenso großem Fleiß wie gründlicher Belesenheit gezeugt, und die Rede des Hrn. Dr. Rippner den Erwartungen derer, die ihn kennen, vollkomnien entsprochen hat. Geist und Gemüt, Wissen und Witz hat man aus dem Vortrage herausgehört - und das genügt wohl für einen Redner und für aufmerksame Zuhörer.