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Jeschurun · 1895-02-01 · 5 (1.2.1895) · p. Seite 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 73 (sequence 9)
Language
German
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Hat der oben von uns vorgesührte Auftritt in einem der palastähnlichen Häuser im Westen von Berlin stattgefnudeu, so folge uns der geneigte Leser jetzt nach der Proviuzialstadt B. in die Wohnung des jüdischen Klempuermeisters Ulrich. Alle Anzeichen daselbst deuten darauf hin, daß jemand auf eine größere Reise vorbereitet wird, denn man war mit dem Packen von Koffern und dem Schnüren verschiedener Packete eifrig beschäftigt. Es stand im Haufe ein wichtiges Ereignis bevor: Eduard Ulrich der älteste Sohn unseres Klempnermeisters sollte nach Berlin auf die Universität zum Studium der Rechte sich begeben, und diesem galten die Borbereitungen. Die fürsorgliche Mutter und die noch fürsorglicheren beiden Schwestern Fanny und Emilie hörten nicht auf, immer von neuem Gebrauchsgegenstände für den ans die Reise sich Begebenden herbei zu bringen. Eduard war der Liebling des Hauses. In eben dem Maße wie die Eltern in ihm die Freude und den Stolz ihres Lebens schauten, hingen seine Schwestern mit einer Zärtlichkeit an ihm, wie sie nur seinen eigenen Gefühlen für dieselben gleichkameu. Ein Bruder von ihm betrieb das Handwerk feines Vaters und arbeitete als Gehilfe in Breslau. Der Klempnermeister Aron Ulrich war ein intelligenter Mamy ein geschickter Arbeiter. Nachdem er sich ein gut Teil Lchulkeuutuisse ungeeignet, hatte er später draußen in der Fremde Gelegenheit gehabt, sich Menschenkenntnis und Erfahrung zu erwerben und besaß daher ein gesundes Urteil. Er hielt noch viel auf Religion und war Jude im wahren Sinne. Ohne selbst eingehend mit der jüdischen Littcratur und Wissenschaft bekannt geworden zu sein, hatte er doch viel von seinem Vater, der ein tüchtiger Talmudist gewesen, gehört und gelernt. Dazu kam noch viel Pietät für alles das, was seinen Vorfahren in religiöser Hinsicht heilig und unverletzbar gewesen. Dieses alles zusammengenommeu, schuf ihn zu einen: treuen Anhänger des Judentums, für welches er zu jeder Zeit mit Leib nnb Seele eiuzutreten bereit war. _ Gewissenhaft, wie er in allem war, hatte er auch dafür gesorgt, daß seine Kinder den nötigen Religionsunterricht genossen, und wem: die Kenntnis derselben hierin mitunter sein eigenes Wissen überstieg, so beschied er sich gern und empfand einige Freude über die Auffasfung, welche diese von den: Werte des Judentums erlangt hatten. Das war der Mann, der jetzt seinen Sohn in die Welt hinansschickte mit der Aufgabe, sich eine ehrenhafte Stellung in: Leben zu erwerben. . Er that es mit dem Vertrauen, daß Eduard, auch wem: er frei und sich selbst überlassen, nicht minder seine Schuldigkeit thm: werde, als wie es unter seiner Uebermachuug geschehen, und die sittlichen Grundsätze, die er ihm mitgab, waren ihm Bürgschaft dafür, daß sein Sohn den nicht ansbleibenden Verlockungen der Großstadt Stand halten und Elternhaus und Elternnamen vor jeder Entwürdigung bewahren werde. Eduard hatte den Wunsch ausgesprochen, sich dem juristischen Fache zu widmen. Sein Vater hatte ihn: dies bewilligt, obwohl er die Langsamkeit dieses Studiums kannte und wußte, wie wenig Chaueen den: Juden dabei geboten werden. „Jedes Fach nährt und ehrt seinen Mann, wem: man ihm mit Fleiß und Treue obliegt", hatte der biedere schlichte Mann gesagt, und er selbst hatte nach dieser Maxime seinen Lebeusberuf gewählt. Nur der ausgeprägte Sinn Eduards für die Wissenschaft, hatte ihn denselben dieser zuwenden lassen. Der alte Ulrich war eben aus seiner Werkstätte gekommen und im Arbeitsanzug, wie er sich eben befand, nahm er seiner Frau gegenüber Platz. Diese wiederun: hatte neben sich ihren Sohn, den sie morgen von sich geben sollte, nachdem er bis jetzt gar zu wenig ans dem Hause gekommen war. Sie hielt seine Hand in der ihrigen und schaute ihn mit Blicken unaussprechlicher Zärtlichkeit au. Die beiden Haustöchter gingen und kamen, sie hatten ja noch so viel für den Bruder zu besorgen, und immer wieder hatte man etwas Nötiges für ihn vergessen. „Ich glaube Dich mm, Eduard" begann dessen Vater — „mit allem dem bekannt gemacht zu haben, was dir an praktischen Lehren draußen in der Fremde nötig sein wird. Es läßt sich nicht annehmen, daß dir dort Widerwärtigkeiten und Uuzuträglichkeiteu erspart bleiben werden, mit denen man rechnen muß, wem: man einen: sich gesteckten Ziele zustrebt", — „suche ihnen stets mit Mut und Ausdauer zu begegnen und laß Dich von einzelne,: Mißerfolgen nicht Niederdrücken. „Suche nur bald die Taute Msi-jam in Berlin aus, sie wird Dir mit Freuden ihr Haus erschließen", bemerkte die Mutter Eduards, deren Sorge um den Sohn eine andere Richtung eingeschlagen. — „Tu weißt ja doch, wo sie wohnt." — „Ich habe mir die Adresse ausgeschrieben, Mutter." „Nun gut, gebe, sobald Du es vermagst zu ihr hin." — „Und grüße mir Kousine Lina viel mal" gab Fanny ihrem Bruder als Bestellung auf. „Die Menschen, denen Du draußen begegnen wirft" setzte Meister Ulrich die Ratschläge au seinen Sohn fort, — „werden Dir nicht immer auf den ersten Blick sympathisch erscheinen, allein Du mußt nichtsdestoweniger, wem: es zur Juuehaltnng Deiner BernfSpflichten nötig ist, mit ihnen verkehren und immer dahin trachten, Deine Meinung ihnen gegenüber zu verbessern, da in vielen Füllen der äußere Schein trügt. Man hat schon manchen: Unrecht gethan, indem man den: ersten unangenehmen Eindruck, den man von ihm empfangen, nachgegeben hat." — %■[

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